Studenten von früher Friedrich Schiller

Er will Theologe werden, muss Jura studieren, wechselt später zur Medizin – und wird dann Dichter. Was wäre wohl heute aus dem leidenschaftlichen Freigeist geworden? Teil 29 unserer Serie über Studenten von früher

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759 - 1805)

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759 - 1805)

Als der Arzt Schillers Leiche öffnet, findet er Nieren, Herz und Lunge zersetzt. Er rätselt, »wie der arme Mann so lange hat leben können«. Ja, wie? Es muss ein starker Wille gewesen sein, der den maroden Körper zusammengehalten hat. Der Triumph des Willens über die Krankheit – das passt zu Schiller, der zeit seines Lebens mehr auf den Geist als auf die Natur gegeben hat. Sein höchstes Gut ist der freie Wille. Für das Ideal eines selbstbestimmten Lebens verzichtet er auf eine Karriere in den Diensten des württembergischen Herzogs, auf materielle Sicherheit und sogar auf seine schwäbische Heimat.

ZEIT Campus 4/2011

Als Kind ist Schiller ein schwächlicher Junge, blass und schlaksig. Der Schularzt diagnostiziert Pickel und kalte Füße. Früh zeigt sich Schillers rednerische Begabung, als er auf den Küchenstuhl steigt und den Geschwistern predigt. Er will Priester werden! Doch die Studienentscheidung trifft ein anderer: der württembergische Herzog Karl Eugen, in dessen Diensten Schillers Vater steht. Karl Eugen ist ein Despot, der seine Untertanen als Soldaten verschachert, damit im Schloss Fasan auf dem Speiseplan steht. Erst später wird er gemäßigter und gründet die Karlsschule, eine Militärakademie, die sein Steckenpferd wird. Dorthin zitiert er den 13-jährigen Schiller.

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Von nun an soll er Jura studieren und dabei Perücke tragen. Der Lehrplan ist sehr streng geregelt. Aufstehen, waschen, strammstehen, Uniformknöpfe polieren, essen, lesen – alles im Akkord. Bis in die Schlafsäle kontrolliert der Landesherr seine Eleven. Wer wie Schiller der »Unreinlichkeit« überführt wird oder gar heimlich Goethes Werther liest, muss zur Strafe in die Zelle. Die Jungen erhalten eine umfassende Bildung in Philosophie, Naturwissenschaften und Sprachen. Zwischen den Schülern entstehen Freundschaften, vor allem zwischen denen mit Vorliebe für Poesie. Die offiziell verpönte »schöne Literatur« von Goethe, Shakespeare oder dem heiß verehrten Klopstock spornt die Jungen zu eigenen Werken an. Schiller fällt auf, weil er die metrischen Formen mustergültig beherrscht – weniger beliebt ist sein Pathos beim Vortragen.

Der Steckbrief

Name: Johann Friedrich Schiller (1759 bis 1805)

Studium: Medizin

Abschluss: Dissertation 1780, Verleihung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät zu Jena

Besondere Vorkommnisse: reißt aus, um zu schreiben, was seinen Herzog verärgert

Beruf: erst Regimentsarzt, dann Dichter

Wichtigste Auszeichnung: omnipräsent: Schiller-Tage, Schiller-Museen, Schiller-Preise, Schiller-Fahrradroute...

So sind es gerade die erdrückenden Verhältnisse in der Karlsschule, die Friedrich Schiller zum Dichten treiben. »Die Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark wie die erste Liebe«, wird er später schreiben. »Was sie ersticken sollte, fachte sie an.«

Leser-Kommentare
  1. Was hier nicht erwähnt wurde, ist Schillers Geltung als Philosoph, der versuchte, durch die wahre Schönheit, die zuerst im Spiel zu Tage tritt, den schwelenden Konflikt zwischen Empfindung und Vernunft, der in uns allen, ob wir darum wissen oder nicht, stattfindet, aufzulösen. Ein wunderbares, zutiefst menschenfreundliches Unterfangen. Eines der wärmsten, optimistischsten und ehrgeizigsten Ziele überhaupt. Soweit ich das nachvollziehen kann wenn ich Ihn lese, ist er ein Mann von größter Wahrhaftigkeit und Liebe. Das besondere an seiner Liebe ist, dass sie nicht exklusiv ist, sondern dem ganzen Menschengeschlecht gilt.

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  2. Was dem Goethe die Flöte, ist dem Schiller sein Piller.

  3. Wenn er heute auftauchen würde, dann würde er gefragt, was denn ein so alberner Phantast an einer Uni sucht? Er soll sich gefälligst bei der "Bunte" bewerben und seine kindischen Gut-Menschen Geschichten für die schreiben...

    NICHTS von seinen Sachen ist in der heutigen Welt auch nur einen Pfifferling wert! Ausser natürlich man ist daran interessiert die Menschen in ihrem Tiefschlaf zu halten, in dem sie gewillt sind ihre infantilen Idealismen nachzuträumen, anstatt sich mit der heutigen Realität auseinander zu setzen, die das nämlich ziemlich nötig hätte...

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

    Ihre Verachtung wird nur von ihrem beredten Unwissen übertroffen.

    • Kite
    • 16.08.2011 um 14:07 Uhr

    Vielleicht ist dem durchschnittlichen Bürger der Bundesrepublik der Nachkriegszeit - geboren in der Demokratie und wirtschaftlichem Wohlstand - überhaupt nicht bewusst, wie stark die humanistischen und freiheitlichen Gedanken von Schiller ihren Weg ins Grundgesetz gefunden haben.

    Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

    Ihre Verachtung wird nur von ihrem beredten Unwissen übertroffen.

    • Kite
    • 16.08.2011 um 14:07 Uhr

    Vielleicht ist dem durchschnittlichen Bürger der Bundesrepublik der Nachkriegszeit - geboren in der Demokratie und wirtschaftlichem Wohlstand - überhaupt nicht bewusst, wie stark die humanistischen und freiheitlichen Gedanken von Schiller ihren Weg ins Grundgesetz gefunden haben.

  4. Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

    Antwort auf "Schiller an der Uni?"
  5. Ihre Verachtung wird nur von ihrem beredten Unwissen übertroffen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Schiller an der Uni?"
  6. Spätestens "als er auf den Küchenstuhl steigt und den Geschwistern predigt" bekommt er Ritalin und wird braver Durchschnitt, der alles macht, was der Lehrerin gefällt. Natürlich bekommt er dafür die Empfehlung aufs Gymnasium und bleibt dort immer unter den wenigen von den LehrerInnen noch akzeptierten männlichen Schülern. Am Ende studiert er eine "Ich-passe-mich-an"-Wissenschaft, Jura, BWL, "etwas mit Medien" o.ä. und macht "Karriere" als Praktikand und schließlich noch nicht ganz leitender Angestellter, heiratet und geht in Elternteilzeit, bis er geschieden wird und zur Erfüllung der erhöhten Erwerbsobliegenheit fortan 40 h plus 20 h Stunden in der Woche bei einem Selbstbehalt von 900 Euro / Monat arbeiten muss.

    Dichtung? Philosophie? Kreativer Kopf? Doch nicht bei uns!

    Aber vielleicht ein ZEIT-konformer "moderner Mann" mit gedämpftem Hormonhaushalt und gefälliger Bedeungslosigkeit...

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  7. Selbst "Erfinder" wie Nietzsche könnten ihre geistigen Orgasmen heutzutage höchstens in einem Blog niederschreiben. Systemrelevant sind jetzt direkte Denkmaschinen wie Ingenieure oder aber auch leider Juristen.

  8. hätte in der Jetztzeit sicher "Die Räuber" niedergeschrieben,allerdings auf die heutige Gesellschaft
    bezogen.Ein großer Geist, kann nicht durch Ignoranten klein gemacht werden.

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