Noam Chomsky : "Studenten sollen Anarchisten werden"

In jeder Ausgabe besucht ZEIT CAMPUS eine Koryphäe ihres Fachs. Diesmal: Noam Chomsky, Linguist, politischer Aktivist und einer der meistzitierten Wissenschaftler der Welt.
Der amerikanische Linguistik-Professor Noam Chomsky (82) ist nicht nur für seine "Universalgrammatik" weltweit bekannt, sondern auch als politischer Aktivist und Kapitalismuskritier © Khalil Mazraawi/AFP/Getty Images

ZEIT Campus:Herr Professor Chomsky , Sie sind nicht nur einer der meistzitierten Wissenschaftler der Welt, Sie sind seit 45 Jahren politischer Aktivist. Wenn man sich die Politik heute anschaut, muss man sich fragen: Können "public intellectuals" wie Sie überhaupt etwas erreichen?

Noam Chomsky: Wie kommen Sie auf diese Frage?

ZEIT Campus: Es ist Krieg in Afghanistan , die Welt leidet an den Folgen der Wirtschaftskrise , die soziale Schere geht immer weiter auseinander ...

Chomsky: Das Problem ist einfach: Die allermeisten Intellektuellen sind Diener der Macht. Sie beraten Regierungen, sie nennen sich Experten, sie streben nach Prestige, übrigens nicht nur heute, sondern seit Jahrhunderten. Doch jede Gesellschaft hat an ihren Rändern kritische Intellektuelle. Beide Typen haben Einfluss: die Diener der Macht und die Dissidenten.

ZEIT Campus: Wir bleiben skeptisch: Was haben Sie denn verändert in den vergangenen 45 Jahren?

Chomsky: Nicht ich persönlich habe etwas verändert. Ich war Teil einer Bewegung, und diese Bewegung hat vieles erreicht. Die Welt heute unterscheidet sich fundamental von der Welt von vor 45 Jahren: Der Einsatz für Bürgerrechte, Menschenrechte, Frauenrechte und Umweltschutz, der Widerstand gegen Unterdrückung und Gewalt haben die Welt substanziell geprägt. Ich kann nicht verstehen, wie Sie behaupten können, es habe sich nichts verändert!

ZEIT Campus: Glauben Sie, dass die Welt heute besser ist als vor 40 oder 50 Jahren?

Chomsky: Selbstverständlich! Gehen Sie nur die Flure hier im Massachusetts Institute of Technology entlang. Die Hälfte der Studenten sind Frauen, ein Drittel gehört einer ethnischen Minderheit an, die Leute sind locker gekleidet, sie engagieren sich für alle möglichen Dinge. Als ich vor 50 Jahren hierherkam, war das ganz anders: Da sahen Sie Männer, weiß, förmlich gekleidet und nur an der eigenen Arbeit interessiert. Dieselbe Entwicklung können Sie auch in Deutschland und sonst wo auf der Welt sehen.

ZEIT Campus: Aber sind auch die Studenten politischer geworden? Der jetzigen Generation wird oft vorgeworfen, sie sei desinteressiert an der Welt.

Chomsky: Ich glaube, der Vorwurf ist falsch. Die Zeitspanne der hohen Politisierung an den Universitäten war nur sehr kurz – von 1968 bis 1970. Davor waren die Studenten unpolitisch. Denken Sie an den Vietnamkrieg, eines der größten Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg ; es hat vier oder fünf Jahre gedauert, bis sich in den USA irgendeine Form sichtbaren Protests regte. In den siebziger Jahren ebbte der dann schnell wieder ab. Vor dem Irakkrieg war das ganz anders: Meines Wissens war er der erste Krieg in der Geschichte, gegen den demonstriert wurde, bevor er begonnen hatte. Meine Studenten bestanden darauf, Vorlesungen ausfallen zu lassen, um zu demonstrieren. Vor 50 Jahren wäre das nie passiert. Die Proteste haben den Krieg zwar nicht verhindert, aber sie haben ihn beschränkt – die USA waren nie in der Lage, im Irak auch nur einen Bruchteil dessen zu tun, was sie in Vietnam getan hatten.

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Kommentare

164 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Auf so etwas habe ich gewartet...:)

wer sich ein Bild von der Haltung Chomsky's zu Israel machen will,
es gab seinerzeit eine hervorragende Diskussion an der Uni in
Harvard zwischen Chomsky und Dershowitz zum Thema Israel/Palästina...
www.youtube.com/watch?v=U...
Ich habe ziemlich viel von Chomsky's poltischen Kommentaren
gerade zum Thema "Menschenrechte" gelesen, bzw. Interviews
im angelsächsischen TV gesehen...
ein großartiger Mann !!!
Und es setzt sich auch für die Meinungsfreiheit von Menschen
ein, deren Haltung er ganz und gar NICHT teilt...soviel nur
zu Faurisson......

Ich gehöre nicht zu denjenigen...

die Israelkritiker als Antisemiten verurteilen.....
im Gegenteil, wenn die Kritik von intelligenten USJuden wie Noam Chomsky kommt, die konsequenterweise auch von Israel die
Einhaltung von Menschenrechten und Internationalem Recht
fordern, dann hat sie in meinen Augen noch stärkeres Gewicht.
Er argumentiert immer ruhig und sehr überlegt, brilliant und
logisch.
Für mich eine ganz starke Persönlichkeit.

@chamsi

Das unterstelle ich nicht. Das hast du unterstellt, indem du sagst, was für ein großartiger Gott dieser Mensch doch ist, in etwa: ist doch toll, wenn Chomsky so super Argumente für eine Kritik an Israel hat. Ich selbst stehe nicht so auf appeal to authority und versuche lieber, mir selbst etwas zu erarbeiten. Wenn es dann Überschneidungen zwischen meinen Ansichten und denen Chomskys gibt, schön und gut, aber ich brauche keine Autorität, jüdisch oder nicht-jüdisch, die mir sagt, wie meine Kritik an Israel im einzelnen auszusehen hat. Und ich brauche keine Gesellschaft, die mir sagt, dass Kritik an Israel ohne Verweis auf abgesegnete und anerkannte, "großartige" Autoritäten auf diesem Gebiet lieber nicht zu erfolgen hat.

Zum Stichwort Faurisson...

wären zweierlei Dinge wichtig zu wissen:
a) Dieser Mann ist ein Holocaustleugner, was ihn per se zu einem Spinner macht.
b) Er wurde tatsächlich von Chomsky verteidigt.

Aber eben nicht, weil Chomsky selbst ein Holocaustleugner ist, sondern weil er wohl der Ansicht ist, dass JEDER Mensch das Recht hat, seine Meinung frei zu äußern, auch wenn sie vollkommener und erwiesener Schwachsinn ist, wie im Falle Faurisson. Das mag als Einsatz für die Meinungsfreiheit an falscher Stelle halten (so wie ich das auch sehe), aber grundsätzlich lässt sich daraus wohl kaum eine so verkürzte Darstellung rechtfertigen, die den Eindruck erzeugen könnte, dass Chomsky selbst die Thesen dieses Antisemiten unterstützt.

Noch nie verstanden..

habe ich, wie eine Kritik an der Staatsphilosophie Israels mit der rassistisch motivierten Hetze gegen die jüdischen Religion gleichgesetzt werden kann.

Wie kann ein Staat der die Freiheiten seiner Schutzbefohlenen und das Recht auf Leben im Allgemeinen so wenig ernst nimmt, sich auf Religion berufen?

das selbe gilt übrigens für George W. Bush, Al-Aksa und Michael Friedmann...

Bin ich Antichrist wenn ich dem Vatikanstaat seine Verfehlungen vorhalte? Bedeutet Kritik an dessen Waffengeschäften eine menschenverachtende Ablehnung der christlichen Werte??

Oder springen wir hier auf konstruierte Gleichsetzungen auf, ohne unseren Kopf dazu zu bemühen?

Denkbar ist alles..

Die ZEIT und die Diener der Macht - Danke fuer dieses Interview!

Wow, das wir das noch erleben duerfen! Soetwas haette ich in der ZEIT ja gar nicht mehr erwartet, vielen Dank an Interviewer und Redaktion.
Hoffe es wirft Fragen auf bei uns allen, die wir der Macht dienen, in Chefetagen, auf Stationen, bei der taeglichen Arbeit und zu Hause, ueberall dasselbe Lied
Zeit eine neue Melodie zu spielen im 21. Jahrhundert, danke fuer diese Ermutigungen.