Philosophiestudium Die Andersdenkenden
Konstantin und Kornelius sind Autisten. Mit ihrer eigenen Art zu philosophieren verblüffen sie ihren Professor.
teil einer welt zu sein, die nur für sich allein
existiert, ist überaus beruhigend
Ein paar Studenten dösen im Seminarraum vor sich hin, als die zwei jungen Männer hereinstürmen. Sie laufen nach vorn, einer setzt sich auf den leeren Platz des Dozenten. Die beiden schauen sich an, prusten los. Dann rennen sie wieder aus dem Raum hinaus, fast wie übermütige Kinder. Noch zehn Minuten bis zum Beginn des Hauptseminars »Friedrich der Große und die Kunst«.
Als die Veranstaltung beginnt, sind einige Stühle noch frei. Konstantin und Kornelius Keulen, beide 26, setzen sich dennoch auf den Fußboden. Konstantin blickt aus dem Fenster, Kornelius pickt mit dem Zeigefinger Krümel auf. Es sieht nicht so aus, als würden sie dem Referat über die kunsthistorischen Besonderheiten von Schloss Sanssouci folgen. Doch der Eindruck täuscht.
Die eineiigen Zwillinge sind Autisten. Seit sechseinhalb Jahren studieren sie an der Universität Potsdam Geschichte und Philosophie, mittlerweile arbeiten sie an ihren Magisterarbeiten zum Begriff der Zeit in der modernen Philosophie. Konstantin und Kornelius sprechen kaum, blicken anderen Menschen nur selten direkt in die Augen. Aber sie verblüffen Kommilitonen und Professoren immer wieder mit ihrem eigenwilligen, hochphilosophischen Denken.
errare ist menschlich
was irrt ist errichtet in technik
und der mensch glaubt das irren
verbannt zu haben
durch gerüste von zeichen (...)
Dieses Gedicht war das Erste, was Hans-Joachim Petsche von den Zwillingen las. Der Professor für theoretische Philosophie an der Universität Potsdam sieht aus, wie man sich einen asketischen Denker vorstellt – hagere Gestalt, dunkles Jackett, graue Haare, ein dichter Vollbart. Sein Büro ist sehr schlicht eingerichtet, vor den Fenstern liegt der Schlosspark von Sanssouci.
Die Zwillinge besuchten im Sommersemester 2005 das erste Mal ein Seminar bei ihm. Sie saßen stumm da, manchmal lagen sie auch auf dem Boden, als ob sie schliefen, sagt Petsche. Er habe nicht recht gewusst, wie er mit ihnen umgehen solle, und habe sie daher einfach mitlaufen lassen. Eine Kommunikation mit ihnen schien nicht möglich. Bis er sich in einer Stunde beklagte, dass beim vergangenen Mal so viele Studenten unentschuldigt gefehlt hätten. Kurz darauf bekam er eine E-Mail, in der sich die Zwillinge höflich für ihr Fernbleiben entschuldigten. Angehängt war das Gedicht, mehrere Seiten lang. In Versen diskutierten sie darin Fragen des Seminars.
Wenn man Petsche eine Frage stellt, macht er erst einmal eine Pause, um nachzudenken. Das Telefon auf dem leeren Schreibtisch schrillt, er ignoriert es. Er ist niemand, der sich besonders schnell zu begeistern scheint. Von Konstantin und Kornelius allerdings schwärmt er fast. »In dem Gedicht steckten die Ideen verschiedener großer Denker!«
- Datum 14.10.2011 - 12:47 Uhr
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zeigt schon, wie weit wir noch von der Akzeptanz des Andersseins entfernt sind.
Erst wenn dies erreicht ist, wird auch das Andere inhaltlich bewertet und nicht gepriesen weil es anders ist.
Die Qualität des "anders" sein wird Heutzutage einzig in der Möglichkeit der Leistungserbringung gemessen.
... des deutschen Betriebes von Wissenschafts- und Hochschulbetriebes kennt, kann daraus wieder einmal ersehen: "Andersein das ist ok, anders denken? Nee, nee, nee." Und darueber duerfen Sie jetzt mal nachdenken.
Anders sein muß ok sein, anders denken nicht. Auch wir Normalos sind von Denkbremsen betroffen und zwar nicht zu knapp.
Anders sein muß ok sein, anders denken nicht. Auch wir Normalos sind von Denkbremsen betroffen und zwar nicht zu knapp.
Entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zur Debatte bei. Die Redaktion/ew
Autismus ist kein Label, es ist eine Krankheit. So wie Sie es formulieren, könnte man meinen, Sie würden diesen beiden Herren ihren Autismus als Ausrede für unangepasstes Verhalten unterstellen.
wieso "Ausrede für unangepasstes Verhalten"? Mit welcher Ausrede begründen Sie denn opportunistisch angepasstes Verhalten?
Wie ich es interpretieren wuerde, Herr Neumann, haben Sie sich allein des Dadaismus bedient, um zu zeigen das es auch andere Konzepte gibt, haben das aber von der Realitaet ihrer ordinaeren Perspektive gemacht, also als rein intellektuelle Kritik. Die Brueder so wie ich es sehe, verstehen und erfahren ihre Andersheit als Realitaet und von dort aus reflektieren sie ueber den normalen Zustand, was sicherlich weit ueber reine intellektuelle Kritik hinausgeht. Diese Erfahrung bleibt ihnen verschlossen, wenn sie die Andersheit von einer rein intellektuellen Perspektive betrachten.
Ich bin immer sehr skeptisch Autimus als Krankheit bezeichnen. Wird hier nicht einfach jemand als "krank" bezeichnet, wenn er nicht mit den gaengigen Annahmen ueber Verhalten, Erfahrung und Leben uebereinstimmt!?!
Autismus ist kein Label, es ist eine Krankheit. So wie Sie es formulieren, könnte man meinen, Sie würden diesen beiden Herren ihren Autismus als Ausrede für unangepasstes Verhalten unterstellen.
wieso "Ausrede für unangepasstes Verhalten"? Mit welcher Ausrede begründen Sie denn opportunistisch angepasstes Verhalten?
Wie ich es interpretieren wuerde, Herr Neumann, haben Sie sich allein des Dadaismus bedient, um zu zeigen das es auch andere Konzepte gibt, haben das aber von der Realitaet ihrer ordinaeren Perspektive gemacht, also als rein intellektuelle Kritik. Die Brueder so wie ich es sehe, verstehen und erfahren ihre Andersheit als Realitaet und von dort aus reflektieren sie ueber den normalen Zustand, was sicherlich weit ueber reine intellektuelle Kritik hinausgeht. Diese Erfahrung bleibt ihnen verschlossen, wenn sie die Andersheit von einer rein intellektuellen Perspektive betrachten.
Ich bin immer sehr skeptisch Autimus als Krankheit bezeichnen. Wird hier nicht einfach jemand als "krank" bezeichnet, wenn er nicht mit den gaengigen Annahmen ueber Verhalten, Erfahrung und Leben uebereinstimmt!?!
..letzten Absatz sollten wir uns alle zu Herzen nehmen:
"ihre Söhne könnten sich noch ein Stück weit angepasster verhalten und sich im Seminar auch einmal auf einen Stuhl setzen, wenn sie nur wollten. »Sie sind sich aber bewusst, dass sie mit einer stärkeren Anpassung an die Konventionen auch etwas aufgeben würden – nämlich ihre besondere Art, die Dinge zu sehen."
Wie oft merkt man doch dass man sich an die
Eine oder Ander Konvention anpasst auch wenn sichs so
oft doch eigentlich "nur" um Kleinigkeiten dreht..?
Anders sein muß ok sein, anders denken nicht. Auch wir Normalos sind von Denkbremsen betroffen und zwar nicht zu knapp.
Autismus ist kein Label, es ist eine Krankheit. So wie Sie es formulieren, könnte man meinen, Sie würden diesen beiden Herren ihren Autismus als Ausrede für unangepasstes Verhalten unterstellen.
Autismus ist ein Label, das wir, aus gesellschaftlichen Gründen als Krankheit, d.h. Ausserhalb der Norm definieren.
.
In einer anderen Gesellschaft könnte das als "Von Gott bevorzugt..." oder als "er ruht in sich selbst!" ...
definiert sein.
.
Krankheit, Behinderung ist immer eine Definition, als "Abweichung von der Norm", bzw. " das nicht tun/können was die Mehrheit tun/können kann!"
.
Unsere ganze Gesellschaft beruht auf solchen Zuschreibungen.
.
Problem nicht so recht. Womöglich gehören Sie zu den Menschen, die zwischen "krank" und "gesund" diskriminieren? Und dann natürlich sich selbst auf der Seite von "gesund" einordnen? Die beiden zeigen doch aufs Herrlichste, dass die Beschriftung "Autismus" auf Menschen angewandt werden kann, die intellektuell vielen derjenigen überlegen sind, die "Autisten" als "krank", "minderbemittelt" oder sonstwas abwerten.
Vielleicht sind sie einfach zu intelligent für diejenigen, die mit Begriffen wie "Autismus" agieren und die Welt nach Kategorien wie "krank" und "gesund" einteilen?
Im übrigen verbietet Ihnen niemand, für sich selbst das Label "Nicht-Autist" in Anspruch zu nehmen. Damit Sie sich auch sicher fühlen können in Ihrer "Gesundheit"...
... also einer, der unter den weichmäuligen Rundäuglern immer mal wieder so richtig aufmischt, der aber selber ein Karpfen ist, der täte gut daran, sich zu seiner eigenen Sicherheit als Hecht zu verkleiden. Wie im Leben halt.
Ich wollte sagen, "anerkannter" Autist zu sein, könnte doch einen gewissen Schutz bieten. Wenn man so will, "Krankheitsgewinn".
Autismus ist ein Label, das wir, aus gesellschaftlichen Gründen als Krankheit, d.h. Ausserhalb der Norm definieren.
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In einer anderen Gesellschaft könnte das als "Von Gott bevorzugt..." oder als "er ruht in sich selbst!" ...
definiert sein.
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Krankheit, Behinderung ist immer eine Definition, als "Abweichung von der Norm", bzw. " das nicht tun/können was die Mehrheit tun/können kann!"
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Unsere ganze Gesellschaft beruht auf solchen Zuschreibungen.
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Problem nicht so recht. Womöglich gehören Sie zu den Menschen, die zwischen "krank" und "gesund" diskriminieren? Und dann natürlich sich selbst auf der Seite von "gesund" einordnen? Die beiden zeigen doch aufs Herrlichste, dass die Beschriftung "Autismus" auf Menschen angewandt werden kann, die intellektuell vielen derjenigen überlegen sind, die "Autisten" als "krank", "minderbemittelt" oder sonstwas abwerten.
Vielleicht sind sie einfach zu intelligent für diejenigen, die mit Begriffen wie "Autismus" agieren und die Welt nach Kategorien wie "krank" und "gesund" einteilen?
Im übrigen verbietet Ihnen niemand, für sich selbst das Label "Nicht-Autist" in Anspruch zu nehmen. Damit Sie sich auch sicher fühlen können in Ihrer "Gesundheit"...
... also einer, der unter den weichmäuligen Rundäuglern immer mal wieder so richtig aufmischt, der aber selber ein Karpfen ist, der täte gut daran, sich zu seiner eigenen Sicherheit als Hecht zu verkleiden. Wie im Leben halt.
Ich wollte sagen, "anerkannter" Autist zu sein, könnte doch einen gewissen Schutz bieten. Wenn man so will, "Krankheitsgewinn".
... hat immer zwei Seiten.
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Einerseits erleichtert es das Zusammenleben. Reaktionen und Interaktionen sind vorhersehbar. Wir müssen nicht bei jedem neuen Kontakt erst die Regeln neu aushandeln.
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Andererseits verstecken sich in solchen Konventionen auch viele Tabus oder Sinnlosigkeiten, die es schwer machen neue Gedanken und Ideen zu finden, bzw. zu entwicklen.
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Problematisch wird es aber dann, wenn solche Verhaltensweisen bewusst oder unbewusst dazu benutz werden, Andere auszuschliessen oder zu diskriminieren.
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Die beiden "Jungs" dürften für ihre Mitstudenten sehr lehrreich sein, das trotz oder sogar auf Grund "unangepassten" Verhaltens neue Denkanstöße in die Gruppe zurückkommen werden.
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@AlexanderStingl:"Andersein das ist ok, anders denken? Nee, nee, nee."
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Anders denken kann ich auch mir angepasstem Verhalten.:-)) Mir muss nur bewusst sein, dass wenn ich den Mainstream verlasse der Aufwand für viele Dinge größer wird.
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cogito ergo sum
Sikasuu
hat aber ebenfalls 2 Seiten.
Mich hat das Ball-Hole-Spiel der beiden Brüder damals an der Uni ziemlich genervt. Zumal es oft mit festhalten des Armes einherging.
Dieses "unangepasste" Verhalten war bald genauso vorhersehbar wie das "angepasste" Verhalten der anderen Studenten.
In der Vorlesung haben sie nur selten gestört, dass sie multitaskingfähig sind und neben ihrer Hauptbeschäftigung des Rumalberns noch den Stoff mitschneiden können ist natürlich von Vorteil.
Sehr schön, dass es mit ihrem Studium so gut klappt. Wenn ich Texte über sie lese beschleicht mich aber manchmal das Gefühl, dass die Geschichte der Beiden benutzt wird zu zeigen wie tolerant der Schreiberling doch sei und wie intolerant doe böse Umwelt.
(dieser Text gehört eher nicht dazu)
hat aber ebenfalls 2 Seiten.
Mich hat das Ball-Hole-Spiel der beiden Brüder damals an der Uni ziemlich genervt. Zumal es oft mit festhalten des Armes einherging.
Dieses "unangepasste" Verhalten war bald genauso vorhersehbar wie das "angepasste" Verhalten der anderen Studenten.
In der Vorlesung haben sie nur selten gestört, dass sie multitaskingfähig sind und neben ihrer Hauptbeschäftigung des Rumalberns noch den Stoff mitschneiden können ist natürlich von Vorteil.
Sehr schön, dass es mit ihrem Studium so gut klappt. Wenn ich Texte über sie lese beschleicht mich aber manchmal das Gefühl, dass die Geschichte der Beiden benutzt wird zu zeigen wie tolerant der Schreiberling doch sei und wie intolerant doe böse Umwelt.
(dieser Text gehört eher nicht dazu)
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