Studenten von früher : Friedrich Engels

Der Unternehmersohn machte Sozialstudien, noch bevor die Soziologie erfunden wurde. Teil 30 unserer Serie über Studenten von früher

Er hätte es so leicht haben können! Wie einfach wäre es gewesen, die Firma des Vaters zu übernehmen und zufrieden zu sein mit dem Geld, dem Ansehen. Friedrich Engels senior ist einer der führenden Unternehmer in Barmen, einer rasch wachsenden Stadt in der preußischen Rheingegend; 1837 ist er in die Textilindustrie eingestiegen. Doch der Sohn, 1820 als erstes von neun Kindern geboren, will nicht den vorgezeichneten Weg gehen. Wie sein Vater begreift er, welche Chancen die industrielle Revolution bietet. Er erkennt aber auch die Ungerechtigkeiten, die der Wandel hervorruft. Er sieht, wie die einen noch reicher und die anderen noch ärmer werden, und bald beginnen diese Gegensätze auch sein eigenes Leben zu prägen: Engels, der Sohn eines wohlhabenden Bürgers, fängt an, für die Interessen der einfachen Arbeiter zu streiten. Sein Leben lang wird er beides sein, Unternehmer und Revolutionär, bourgeoiser Genussmensch und Anwalt der Ausgebeuteten.

Bereits als Schüler verfasst Engels kämpferische Texte unter Pseudonym – Reportagen über die Fabriken im Wupper-Tal, in denen er das Arbeiterelend beschreibt, das trostlose Saufen, das Malochen. Über sein eigenes Milieu schreibt er voller Spott: »Ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche geht.«

Ein Jahr vor dem Abitur nimmt der Vater den Jungen von der Schule. Er soll nun im Fami-lienbetrieb lernen. 1838 geht es zur Lehre in ein Kontor nach Bremen, bis 1841. Danach leistet Engels in Berlin seinen Militärdienst, wo er sich in jeder freien Minute in die philosophischen Vorlesungen der Universität schleicht. Diskutiert werden damals vor allem die Ideen Hegels. Und der 21-jährige Engels erkennt, dass der leidenschaftlich geführte Disput weit über die Hochschule hinaus wirken wird. Er besucht Versammlungen der revolutionär gestimmten Junghegelianer. Wenig später begeistert ihn Moses Hess, Herausgeber der radikalen Rheinischen Zeitung in Köln, für den Kommunismus. In den Redaktionsräumen des Blattes lernt er Karl Marx kennen, mit dem er im Revolutionsjahr 1848 das Kommunistische Manifest verfasst und dem er später einen beträchtlichen Teil seiner Einkünfte überlassen wird. Marx, chronisch pleite, wird dadurch sein Lebenswerk vollenden: Das Kapital.

Doch bevor Engels sein Leben ganz in den Dienst der Revolution und seines Freundes stellt, schließt er erst noch seine Ausbildung ab – bei Ermen & Engels, einer großen Baumwollspinnerei in Manchester, in die sein Vater sich eingekauft hat. 1842 bricht er in die englische Industriemetropole auf und lernt, wie man eine Fabrik leitet. In seiner Freizeit aber studiert er die Stadt, interviewt ihre Einwohner und streift nach Büroschluss durch die Gassen der Elendsviertel – eine monatelange Recherche, an deren Ende sein Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England steht.

Die 300 Seiten, die es umfasst, sind nicht nur eine spannend zu lesende Sozialreportage, sondern auch ein Werk der Stadtsoziologie, lange bevor dieses Fach überhaupt entsteht. Engels schafft eine Pionierleistung, in der sich alles verbindet, was den jungen Autor ausmacht: die Empathie über alle Klassen hinweg, der jugendliche Zorn, die glänzende Reflexion und die treffsichere Prognose. Nur die Revolution, mit der Engels so fest rechnet, findet nicht statt. Sein Leben lang wartet und hofft er. Bis zu seinem Tod 1895.

Was heute aus ihm geworden wäre? Sein reicher Vater hätte ihn natürlich nicht vor dem Abitur von der Schule genommen. Vielleicht aber hätte er ihn ebenfalls nach England geschickt. Womöglich hätte Engels an der London School of Economics studiert. Und gewiss hätte er sich auch heute der Philosophie, Geschichte und Soziologie zugewandt. Er wäre bestimmt kein Bummelstudent; linkes Aussteigertum war schon damals seine Sache nicht. Zu klug wäre er freilich, um zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch in derselben Weise an eine Revolution zu glauben wie im 19. Jahrhundert. Gewiss aber hätte er auf dem Höhepunkt des Finanzmarktbooms den einen oder anderen guten Deal gemacht und den Gewinn an Attac gespendet– um dann vor Freude die Korken knallen zu lassen, als die große Spekulationsblase lustig platzte.

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Engels wäre

Ja, wahrscheinlich wäre er Ideengeber und Leitfigur in der Piratenpartei. Die finanziellen und sozialen Möglichkeiten des Internets und der Computerisierung der Gesellschaft hätten ihn genauso wie mich und unendlich viele Andere in den Bann gezogen.

Er hätte auch nicht, wie hier im Schland vor 10 Jahren in der Bürgerschicht noch üblich, über Nerds gelacht, sondern mitgemacht, weil er das potential der IT gesehen hätte.

Nebenbei hätte er Trauergestalten wie Thilo S. und Geert W. intellektuell in die Knie gezwungen PI totgehackt und sich für die Freiheit/gegen die Unterdrückung von Bradley Manning, Julian A und Ai Weiwei engagiert.