GriechenlandAbschluss am Abgrund

Alles richtig gemacht – und trotzdem keine Chance? Wie griechische Studenten in Athen um ihre Zukunft kämpfen. von Lars Gaede

Aliki Gkikas Feind ist mächtig, schmerzhaft, effektiv. Schnell strömt er aus den kleinen silbernen Dosen, auf denen »Made in USA« steht. Aliki Gkikas Feind findet seinen Weg durch die Nase, durch den Mund, durch die Poren ihrer Haut. Er brennt in der Lunge, treibt ihr Tränen in die Augen; jeder Atemzug schmerzt, als explodiere etwas direkt unter der Schädeldecke. Der Körper schaltet in den Reflexmodus – spucken, würgen und vor allem: rennen!

Doch genau das will Aliki Gkika nicht. Nicht mehr. Sie hat sich gewappnet, so weit es geht: Im Gesicht trägt sie eine Schwimmbrille und drum herum eine weiße Flüssigkeit, Maalox, eigentlich ein Magenmittel, das, auf die Haut gesprüht, Tränengas neutralisieren soll. Als die Polizei wieder Dosen wirft und die ersten Demonstranten hustend fliehen, bleibt die 26-Jährige mit dem Ringelshirt und den kurzen dunklen Locken einfach stehen. Sie reißt die Arme in den Nachthimmel und ruft: »Wir weichen nicht! Wir weichen nicht!«

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Die Studenten, die Seniorin mit Atemschutzmaske aus dem Baumarkt, der orthodoxe Priester, die Steineschmeißer aus der ersten Reihe, fast alle hier haben weiße Gesichter – wie eine Versammlung wütender, entschlossener Clowns. Doch das Gas ist nur der kleine Feind in dieser Juni-Nacht auf dem Athener Syntagma-Platz, an dem normalerweise reiche Besucher in die Luxushotels einchecken und der jetzt im Licht der brennenden Barrikaden wirkt wie der Drehort eines düsteren Bürgerkriegsstreifens. Der große Feind ist die Unsicherheit, die Ratlosigkeit, wie es im Leben weitergehen soll, wenn sich alles um einen herum aufzulösen scheint.

ZEIT Campus 5/2011
ZEIT Campus 5/2011

Einen Pflastersteinwurf entfernt, im abgeriegelten Parlament, verhandeln die Abgeordneten gerade über die Pläne der sozialistischen Regierung: 78 Milliarden Euro sollen bis 2015 eingespart werden– Sozialleistungen werden gestrichen, Löhne gekürzt, Einstellungen gestoppt. Die griechische Schuldenkrise trifft Rentner, Beamte, Arbeiter. Besonders verzweifelt aber sind die Jungen – diejenigen, die für diese Krise am wenigsten können. Mit einer öffentlichen Verschuldung von über 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist das Land auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinaus belastet, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. Eine ganze Generation von jungen Griechen hat das beklemmende Gefühl, in ihrem eigenen Land keine Perspektive mehr zu haben. »Es ist verrückt«, sagt Aliki Gkika, »als würde unsere Zukunft einfach abgeschafft!«

Zum Abschluss ihres Architektur-Studiums fehlt Aliki Gkika nur noch eine letzte 30-Seiten-Arbeit, doch die kriegt sie seit Monaten nicht fertig. »Ich frage mich: Wofür?«, sagt sie. »Für einen möglichen Job, den es dann eh nicht gibt?« Stattdessen jobbt sie jetzt jeden Tag ein paar Stunden in der Baufirma ihres Vaters und ihres Onkels, obwohl es dort eigentlich auch keine Arbeit gibt. Sie sitzt im Büro, erledigt Papierkram, der warten könnte, sucht nach Grundstücken für Projekte, die es noch nicht gibt, und bewacht ein Telefon, das nicht klingelt. »Die letzten acht Wohnungen, die wir gebaut haben, stehen leer«, sagt Aliki Gkika und zuckt mit den Schultern. »Seit 2008.« Wie die Firma das überlebt? Das traut sie sich gar nicht zu fragen. »Ich will es lieber nicht wissen. Und meine Eltern haben schon genug Sorgen.«

Doch was kann man überhaupt ausrichten gegen die eigene Regierung, die ihre Politik nur noch hinter Barrikaden macht, gegen die Bedingungen von Institutionen, die sich hinter Buchstaben wie IWF und EZB verbergen, gegen die Spekulanten an den Börsen, die längst auf den Bankrott Griechenlands wetten? Aliki Gkika hat sich an eine Laterne gelehnt. Im Licht sieht ihr Gesicht noch weißer aus. Der Asphalt vor ihr ist übersät mit Marmorstücken, herausgebrochen aus den Treppen der Hotels. Sie schiebt sich die Schwimmbrille in die Haare, reibt sich die geröteten Augen. Wenn sie ehrlich sei, wisse sie auch nicht recht, was das alles bringt. »Ich fühle mich einfach nur verloren«, sagt sie.

Dabei wusste sie früher ganz genau, wie sie ihre Zukunft gestalten wollte: fertig studieren, einen Master machen, vielleicht den Doktor, dann hoffentlich einen Job bei einem Forschungsinstitut annehmen. Die ganz normalen Pläne einer jungen Europäerin. Aber irgendwann im Laufe der letzten Krisenmonate ist etwas ins Rutschen geraten. Das Normale ist weg. Die Krise hat Aliki Gkika zu einer Suchenden gemacht. Es gibt inzwischen Hunderttausende dieser Suchenden, in Athen, in Madrid, in Lissabon. Sie gehen auf die Straße, weil sie merken, dass sie trotz des Masters, trotz der zwei Fremdsprachen und des vierten Praktikums keinen Job bekommen, der etwas Sicherheit bietet. Geschweige denn den Wohlstand, den die Elterngeneration genießen konnte. Doch auch die hat nun Sorgen. Aliki Gkika spürt die Anspannung, wenn sie mit ihren Eltern am Küchentisch sitzt. »Was ist die Lösung?«, fragt sie sich dann. Es muss doch eine geben!

Leserkommentare
  1. "»Ihr seid die Elite des Landes. Euch steht alles offen!« Er sieht darin die kapitalistische Ideologie: Jeder, der hart arbeitet, wird seinen Weg machen. Die meisten hätten irgendwann daran geglaubt, sagt er. Heute aber zeige sich: »Die Ideologie ist falsch!"

    Ein geradezu herzzerreißender Artikel!

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    • Elite7
    • 19. September 2011 19:26 Uhr

    Ich bin Schüler, bekomme Bafög, kann mir so grade eine kleine Wohung leisten und weiß jetzt schon, dass ich im IT-Sektor in 6 Jahren keine großen Chancen mehr haben werde. Ich kann als Schüler und später als kleiner Angestellter doch fleißig sein, wie ich will, ich werde nicht groß hinaus kommen. Das sagen immer nur die, die es schon sind und es ist die absolute Ausnahme. Und wenn man mal logisch drüber nachdenkt, dann leuchtet es auch ein, dass es gar nicht sein kann, dass jeder groß hinaus kommt. Es kann nicht jeder Politiker, Vorstandsmitglied oder CEO sein, es muss auch noch billige Arbeiter geben, die die eigentliche Arbeit machen und offt schlecht bezahlt werden. Ich bekomme im Moment als Schüler ja noch nicht einmal einen Nebenjob, weil ich nicht flexibel genug bin und wegen meiner Schulischen Leistung eine zu hohe Lohnvorstellung festgestellt wurde! Das muss man sich mal vorstellen! Da nehmen die lieber Hartz IV Empfänger und Leiharbeiter für 4 Euro die Stunde zum Regale einräumen! Die kommen bestimmt mal groß raus!

  2. ...klimatisiertes Büro und BMW-Dienstwagen, 5000,- Euro Anfangsgehalt plus Sekretärin: Die Träume gab´s auch in Deutschland, vor der ersten Internetblase, als einer, der eine Festplatte wechseln konnte schon zum CEO gemacht wurde. In der Zwischenzeit bevölkern Legionen unfähiger Juristen das Land, Betriebswirtschaftler sorgen für meinen Tagesablauf - und der Elektriker meines Vertrauens kommt aus Sri Lanka. Verkehrte Welt!

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    • etiam
    • 19. September 2011 13:52 Uhr

    Wie wärs, wenn Sie hier mal vom 2. Gesicht Griechenlands berichten würden - nicht wenige davon die Eltern derer, die jetzt keine Chance haben. Von den Ärzten, die im ICA ein normales Gehalt haben und zusätzlich das doppelte an Fakelaki einnehmen, bevor sie überhaupt das Messer schwingen. Vom Spediteur, der mit gigantischen Gewinnen im abgeschotteten heimatlichen Markt sich ein Haus nach dem anderen gebaut hat, von den Brandrodungswanderhausbau-politikern im Umland Athens, die sich mit großkriminellen Machenschaften dumm und dämlich verdient haben. All diese treffen sie mit ihren SUVs am Strandcafe, wo sie das tun, was man den Griechen gemeinhin nachsagt -NIX (und dabei über den deutschen Normalverdiener nur lachen).
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und belegen Sie Ihre Behauptungen mit seriösen Quellen. Danke. Die Redaktion/vn

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    Empfohlen wird die Lektüre von:

    http://www.spiegel.de/spi...

    mfg

    ...zusammengefasst! ;-)

  3. ...bei einem Forschungsinstitut annehmen."

    = "einen staatlichen, von geliehenem Geld finanzierten Job, den der Schwager des Onkels über seine Beziehungen zur PASOK/NeaDemokratia besorgt, 16 Monatsgehälter, Dienstwagen sowie 12 Wochen Ferien abwirft...und wenn die Steuern dran sind, hält man sein eigenes kleines Fakilaki-Briefchen für den Finanzbeamten bereit"

    SO lese ich die Zukunftsvorstellungen von Aliki Gkika...DUMM nur, daß ihr da leider schon ca. 2 - 3 Generationen zuvorgekommen sind.

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  4. Empfohlen wird die Lektüre von:

    http://www.spiegel.de/spi...

    mfg

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Einseitig"
    • Krakz
    • 19. September 2011 15:04 Uhr

    Auch wenn das von der Redaktion hier gestrichen gern wird.

    Es fällt doch auf, dass in den Hintergrundartikeln von einem aufgeblähten öffentlichen Dienst berichtet wird. Von Stelleninhabern, für die es gar keine Arbeitsplätze gibt. Von Schmuh und Korruption. In den Reportagen fehlen diese Schlawiner dann aber vollkommen
    Bsp: Der Effekt der unsterblichen Rentner, auch hier Nachrichtenartikel aber nie etwas Konkretes. Auch das wäre einmal ein Aufgabe, eine Familie zu finden, die den toten Opa heimlich begraben hat und 20 Jahre lang Rente kassiert hat – ohne schlechtes Gewissen. Dergleichen die abstrusen Methoden mit denen früher die EU-Agrarbeihilfen abgemolken wurden. Ehrlich gesagt, wer so etwas macht, muss sich nicht wundern, wenn das Gemeinwesen kollabiert.

    In den Reportagen gibt es immer nur arme Opfer-Griechen: aber zu jedem armen Griechen, der bei staatlichen Leistungen Schmiergeld zahlen muss oder musste, muss es doch auch einen geben, der kassiert.

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    Das fällt mir auch auf. Anscheinend gibt es in Griechenland nur Opfer. Keine Täter. Das sind maximal die Deutschen. Deswegen bin ich auch mittlerweile gegen Zahlungen an Griechenland. Es gibt keine Aufarbeitung der Ursachen. Die Griechen wollen sowieso kein Schuldeingeständnis geben und die Deutschen aus lauter politischer Korrektheit trauen sich nicht. Außer vereinzelter Polemik wie von Merkel kommt nichts. Auch die Medien zeigen nur eine Seite der Medaille. Das hängt dann von der geneigten Leserschaft ab, welche man präsentiert bekommt. Bei der Zeit nur die armen Opfer. Bei der Boulevardpresse wird einem das Bild des faulen Griechen präsentiert. Wer zeigt mir endlich das Bild der Profiteure dieses Systems?

    • bkkopp
    • 19. September 2011 15:06 Uhr

    Jede Krise trifft sehr viele, die nichts dafür können. Das ist in Italien, Spanien, und Portugal nicht anders. Auch in den prosperierenderen Nordländern gibt es 'Generation Praktikum' und ein akademisch gebildetet Prekariat. In den USA erleben viele dies zu erstenmal seit Generationen.

    Es ist natürlich einfacher gegen Atomkraft oder gegen Studiengebühren auf die Strasse zu gehen. Gegen eine wachstumsfeindliche Politik, die vielen die Lebenschancen erheblich reduziert, hat es noch nirgends Jugendproteste gegeben. Dabei ist es gerade die junge Generation, die die Politik vor sich hertreiben müsste. In G. wollten alle immer zum Staat oder zu den staatlichen Unternehmen. In Frankreich wollen 2/3 der Universitätsstudenten Beamte werden. Auch bei uns sind die ach so modernen Grünen und ihre Anhänger sehr weitgehend im öffentlichen Dienst und in einem post-industriellen Sorglospaket des sozialen Wohlbefindens.

    Die griechische Jugend muss sich darauf konzentrieren, dass G. auf der Weltbankliste 'Doing Business' von Platz 109 auf einen Platz unter den ersten Dreissig kommt. Nur dann gibt es Wachstum und bessere Lebenschancen für (fast) alle. Man muss sich auch für die richtigen Themen engagieren.

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    > > Es ist natürlich einfacher gegen Atomkraft oder gegen Studiengebühren auf die Strasse zu gehen. Gegen eine wachstumsfeindliche Politik, die vielen die Lebenschancen erheblich reduziert, hat es noch nirgends Jugendproteste gegeben. > >

    Meinen sie eine "wachstumsfreundliche" Politik (v.a. durch Priorisierung der Massenkaufkraft) wie die der reformistischen LINKEn oder ATTAC?
    Ja, doch die hat es gegeben.
    Weitergehende Proteste, die den Kapitalismus in seiner ganzen, grundsätzlich destruktiven Form angriffen, hat es auch gegeben. In Deutschland z.B. beim G8 Gipfel in Heiligendamm.
    Nur wurden derartige Proteste "damals" noch weitgehend verspottet, naive Kinder die die Segnungen der Globalisierung nicht verstehen wollten und den Leistungsträgern dieser Welt ihre Yachten neideten...
    Immerhin war doch ein großer Teil der Bevölkerung (und v.a. der Qualitäts-Journaille) noch im Glauben, dass das hin und herschieben von Geld abseits jeder Warenproduktion tatsächlich materiellen Wohlstand schaffen könnte, "freie" Märkte Gottgewollt seien und das der Kapitalismus ein Garant für Freiheit und Demokratie wäre...

  5. > > Es ist natürlich einfacher gegen Atomkraft oder gegen Studiengebühren auf die Strasse zu gehen. Gegen eine wachstumsfeindliche Politik, die vielen die Lebenschancen erheblich reduziert, hat es noch nirgends Jugendproteste gegeben. > >

    Meinen sie eine "wachstumsfreundliche" Politik (v.a. durch Priorisierung der Massenkaufkraft) wie die der reformistischen LINKEn oder ATTAC?
    Ja, doch die hat es gegeben.
    Weitergehende Proteste, die den Kapitalismus in seiner ganzen, grundsätzlich destruktiven Form angriffen, hat es auch gegeben. In Deutschland z.B. beim G8 Gipfel in Heiligendamm.
    Nur wurden derartige Proteste "damals" noch weitgehend verspottet, naive Kinder die die Segnungen der Globalisierung nicht verstehen wollten und den Leistungsträgern dieser Welt ihre Yachten neideten...
    Immerhin war doch ein großer Teil der Bevölkerung (und v.a. der Qualitäts-Journaille) noch im Glauben, dass das hin und herschieben von Geld abseits jeder Warenproduktion tatsächlich materiellen Wohlstand schaffen könnte, "freie" Märkte Gottgewollt seien und das der Kapitalismus ein Garant für Freiheit und Demokratie wäre...

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