BerufseinstiegEinen Spitzel anwerben

Wird der Mann die Seite wechseln? Der Agent Leo Martin musste Kriminelle als Informanten gewinnen

Ich weiß alles über den jungen Mann, neben dem ich im Flugzeug sitze. Ich weiß, dass er einen Sohn hat, mit wem er seine Freundin betrügt, wo er wohnt, mit wem er telefoniert. Ich weiß, dass er in einer Halle Drogen lagert und dass er aus diesem Grund genau jetzt von Amsterdam nach Frankfurt fliegt. Aber es ist ein Unterschied, diese Dinge in Akten zu lesen oder jemandem so nah zu sein, dass man sein Aftershave riechen kann. Gleich muss ich ihn ansprechen. Ich habe das noch nie gemacht, es ist mein erster Auftrag als Geheimagent. In meinem Kopf rattert es: Wenn jetzt etwas schiefgeht, wenn ich mich unvorsichtig verhalte, dann gefährde ich die Ermittlungsarbeit von Monaten. Ich hole Luft, wende mich dem Mann zu und sage den Satz, der in meinem Skript festgelegt ist: »Haben wir uns heute schon mal im Hafen gesehen?« Er schaut mich an und überlegt.

Ich war damals 26 Jahre alt und arbeitete in der Abteilung für Organisierte Kriminalität bei einem deutschen Nachrichtendienst. Ich sage nicht, welcher es war. Man muss Geheimnisse bewahren können in dieser Branche. Ich hatte einen falschen Namen, eine falsche Adresse und einen falschen Pass. Das Flugzeug betrat ich als Konstrukteur russischer Jachten. Selbst Jeans und Sneakers waren an diesem Tag nur Berufskleidung. Ich sollte den Mann als V-Mann anwerben. Mit den Insider-Informationen über seine Szene könnte sie vielleicht zerschlagen werden. Ich hatte eine Ausbildung bei der Polizei absolviert und war dort sehr gut gewesen. Eines Tages klingelte das Telefon. Jemand fragte, ob ich mir vorstellen könne, für den Geheimdienst zu arbeiten. Ich zögerte. Agent zu sein klang für mich langweilig. Man sitzt vor Häusern oder Briefkästen und wartet. Fasziniert war ich erst, als ich bei einem Verhör dabei sein durfte. Dieses Art von Gespräch zwischen zwei Menschen ist wie ein Spiel mit komplizierten Regeln: Wann schweigt man, und wann spricht man?

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ZEIT Campus 6/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Der Mann im Flugzeug ist 28 Jahre alt, stammt aus Osteuropa und ist nur ein kleiner Krimineller. Als Informant kommt niemand infrage, der einen Mord begangen hat oder zu tief drinsteckt. Es ist jemand vom Rand der Szene. Jemand, der einen Konflikt oder ein persönliches Problem mit sich herumträgt oder in Geldnot ist. Etwas, das ihn zum Verrat an seiner Gruppe motivieren könnte.

Er schüttelt den Kopf. Nein, er sei nicht am Hafen gewesen. Das weiß ich, meine Frage war nur ein Bluff. Ich habe ein paar Tage zuvor schon einmal im Flugzeug neben ihm gesessen, mein Gesicht müsste ihm also bekannt vorkommen. Ein Zufall ist ein guter Gesprächseinstieg. Ich warte geduldig, aber mit jeder Sekunde, die verstreicht, werde ich unruhiger. Dann endlich sehe ich ihn zögern, er wendet sich mir zu und sagt: »Aber sind wir nicht letzte Woche zusammen geflogen?« Das ist mein Stichwort. Ich beginne ein Gespräch, wie ich es in den Seminaren gelernt habe. Man darf im Small Talk nicht lügen, sonst ist die Gefahr groß, sich zu verhaspeln oder unecht zu wirken. Ich bin kein Schauspieler. Beim Reden finden wir heraus, dass wir beide Turner sind – das stand nicht in seiner Akte. Zum Abschied gibt er mir eine Visitenkarte, Import/Export steht darauf. »Melde dich, wenn du etwas brauchst«, sagt er. Ich könnte jubeln: Der Grundstein ist gelegt!

Persönliche Bindung ist durch nichts zu ersetzen, nicht durch Geld und nicht durch Argumente. Das nächste Mal verfolge ich den Mann auf der Straße und tippe ihm auf die Schulter. »Glaubst du, es ist Zufall, dass wir uns so oft begegnen?«, frage ich. Schnell werfe ich ein Detail aus seinem Leben ein, etwas, was nur er wissen kann. Dann sage ich: »Ich bin vom Geheimdienst. Wir wollen mit dir arbeiten. Triff dich morgen mit mir, und ich sage dir, um was es geht.« Ich kann die Gedanken in seinem Kopf wirbeln sehen. Am nächsten Morgen kommt er zum Treffpunkt, allein und sehr nervös. Ständig schaut er sich um, im Gespräch kann er sich kaum konzentrieren. Ich erkläre ihm, dass er wegen seiner kleinen kriminellen Geschäfte nichts befürchten muss. Er willigt in ein weiteres Treffen ein. Dass er ein guter V-Mann ist, erfahre ich erst Wochen später, als er mir die erste Information liefert. Da weiß ich: Ich habe alles richtig gemacht.

Ich denke oft an diesen ersten Fall. Auch heute noch, obwohl ich schon eine Weile kein Agent mehr bin. Die Heimlichkeiten vertragen sich nicht mit einem Privatleben. Meinen Freunden musste ich sagen, ich hätte einen Job im Ministerium, irgendwas mit Kriminalität. Das war nahe genug an der Wahrheit, um glaubwürdig zu sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Bericht zur Akquise von V-Männer in der Kriminalpraxis. Er zeigt aber auch den Unterschied zu den V-Männer im Neonazi-Bereich. Dort sind die V-Männer meist keine Personen im Randbereich im innerem Konflikt, sondern zuweilen Führungskräfte. Keine Spur vom Austrittsgedanken. Geldnöte spielen hier auch eine Rolle, doch sind es nicht nur die persönlichen, sondern die der ganzen Bewegung. Die Honorare des Verfassungsschutz sind da zu einer wichtigen Säule der Finanzierung geworden, wie einige Funktionäre freimütig bekennen. Da darf sich dann niemand wundern, wenn in den Berichten von Trivialdelikten zu lesen ist, aber nichts von Waffenlagern und Details gewaltbereiter Untergruppen.

  2. Man kann ja noch in seine Akten schauen, die Gründe sind oft noch billiger als man es schreiben kann. Viele einsame Kreaturen wollen nur etwas Macht, das reicht!

  3. überhaupt nichts zu tun.Denn schon vor 20 Jahren war bekannt das VS-Leute in Thüringen sogar Straftaten anleierten bzw. förderten.
    Dies ist wohl ein großer Unterschied zu dem, als wenn ein "AGENT"
    Informationen über einen anstehenden Drogendeal über einen "SPITZEL" herausfindet und die Polizei zuschlagen kann.
    In der braunen Szene ist dies das Gegenteil, da schauen VS-Leute zu wie die Braunen zuschlagen.
    Ob sowas verfassungskonform bzw.strafvereitelnd ist
    frage sich jeder selbst. M.E.ist der VS tiefer in der braunen Szene verwickelt als man zugeben will.
    Man gibt nämlich überhaupt nichts zu sondern sitzt alles schön ruhig aus. Linksterrorbombenbriefe lenken auch herrlichst ab von dem Versprechen der ach soooo betroffenen Politiker
    alles "schonungslos aufzuklären" über den braunen Terror.
    Das ist schon Schnee von gestern. Bloss wer hat das Trio gedeckt und WER hat deren Verhaftung verhindert ? Soviel Anstand sollten die Politiker doch uns gg.über haben dies zuzugeben.
    Alles andere lässt den Schluß zu dass nämlich überhaupt nichts passiert an Konsequenzen und alles beim alten bleibt.
    Wenns mal einen Politiker erwischt durch die braune Brut wird man vielleicht etwas sorgfältiger ermitteln.
    Diese Haltung der Regierung ist ein Affront gg.über den Angehörigen der ausl.Todesopfer, ja es ist pure Achtungslosigkeit.

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  4. die gerne die Hand aufhalten wenn sie einen Tip für eine Razzia
    geben- wo Geld und Macht im Spiel ist herrscht immer Korruption,
    da kann man auf vermeintliche "gute Kontakte" geschweige Freundschaft eine Pfeife rauchen......

  5. Statt "das erste Mal... Einen Spitzel anwerben" vielleicht "das erste Mal... auf die Verfassung pfeifen, Menschen belästigen und betrügen, Kriminalität fördern und mal ganz allgemein Macht genießen"?

    Es mag zu diskutieren sein, ob man solcherlei Berufsbilder braucht oder nicht; unabhängig davon sagt es aber viel über einen Menschen aus, wenn er einen Beruf wählt, der aus Spitzelei, voyeuristischer Überwachung und Täuschung besteht.

    • iboo
    • 11.12.2011 um 12:56 Uhr

    ist, dass man nie so richtig weiß ob man wirklich auf der richtigen Seite steht - also ob die eigene Arbeit wirklich dazu dient, unsere freiheitlich-demokratische Verfassung zu schützen oder ob sie genau dem Gegenteil dient, so wie etwa bei den aktuellen Neonazi-Morden oder bei der massenhaften Überwachung von Demonstrationen. Denn zu den diversen Diensten aus der deutschen Vergangenheit sind die Grenzen fließend.

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