ZEIT CAMPUS: Sannah Kvist, Sie haben Menschen gebeten, ihren ganzen Besitz zu einem Riesenberg zu stapeln. Was sollte das?

Sannah Kvist: Es ging um das Porträt einer Generation. Alle Porträtierten sind in den achtziger Jahren geboren, genau wie ich. Diese Generation ist die erste in Schweden, der es finanziell schlechter geht als ihren Eltern. Sie wurde von Kritikern als extrem egoistisch und materialistisch im Vergleich zu vorherigen Generationen beschrieben.

ZEIT CAMPUS: Und, hat sich dieser Verdacht bei den Menschen auf Ihren Fotos bestätigt?

Kvist: Noch kann ich dazu nichts sagen, das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Interessant war aber, wie sie mit ihren Besitztümern ihre Persönlichkeit inszeniert haben. Alle sollten ihre Sachen für die Fotos selbst auftürmen. Sie konnten stapeln, wie sie wollten. Anfangs ging das schnell, aber am Ende hat es sehr lange gedauert, bis sie entschieden hatten, was ganz vorn zu sehen sein soll. Sie waren auf manche Sachen stolzer als auf andere.

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ZEIT CAMPUS: Sie kaufen sich also eine Identität?

Kvist: Ich würde sagen, wir kaufen alle immer mehr, und vieles, was wir kaufen, dient zur Bestätigung unseres eigenen Ichs.

ZEIT CAMPUS: Besitzen wir deshalb heute mehr als unsere Eltern in ihrer Jugend?

Kvist: Es ist wohl die gleiche Anzahl an Dingen. Wir heben aber nicht mehr so viel auf oder verwerten Dinge wieder wie die Generationen vor uns. Wir konsumieren, werfen weg und kaufen wieder neu.

ZEIT CAMPUS: Wie geht es Ihnen selbst damit?

Kvist: Ich kämpfe täglich mit meinem Konsumverhalten, weil ich ein Verlangen nach Dingen spüre, die ich nicht brauche. Jemand anderes lässt mich glauben, dass ich sie brauche, ein Freund oder der Macher eines Werbespots. Ich finde es schwer, mich dem zu widersetzen. Wenn ich dann etwas konsumiere, das ich eigentlich gar nicht konsumieren will, fühle ich mich oberflächlich. 

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie so viel kaufen, klingt das nicht, als würde es Ihnen finanziell schlechter gehen als Ihren Eltern.

Kvist: Doch. Für meine Mutter war es normal, einen festen Job und eine eigene Wohnung zu haben. Für uns gibt es nur noch Zeitarbeitsverträge und befristeten Wohnraum.