Ralph Caspers "Mein Hirn hat kein Interesse an langweiligen Sachen"
Ralph Caspers ist Moderator und hat an der Kunsthochschule in Köln studiert. Ein Gespräch über Entscheidungen, Faulsein und verborgene Erektionen
Ralph Caspers betritt die Mensa, schaut sich um und steuert das Samtsofa in der Ecke an. Jeans, Umhängetasche und Hornbrille: An der Kunsthochschule für Medien in Köln würde er als Student durchgehen. Doch er ist seit über zehn Jahren Moderator bei »Wissen macht Ah!« und »Die Sendung mit der Maus«. Sein Alter kenne er nicht, sagt er, da seine Eltern Anfang der siebziger Jahre auf Borneo gelebt und sich sein Geburtsdatum dort nicht gemerkt hätten.
ZEIT CAMPUS: Im Internet gibt es ein Video, in dem Sie den Zuschauern erklären, wie man eine Erektion verbirgt. Wie kam es dazu?
Ralph Caspers: Es ist doch so: Bei Jungs sieht man sofort, wenn sie erregt sind, da ist einfach ’ne Beule in der Hose. Mädchen wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Ich war von dem Thema sozusagen selbst betroffen, mittlerweile hab ich’s aber ganz gut im Griff. Eigentlich war das ein Beitrag für ein Pubertätsmagazin im Kika. Lustig, dass der sich so verbreitet hat.
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen
ZEIT CAMPUS: Haben Sie sich als Student für Film und Fernsehen auch schon mit solchen Themen beschäftigt?
Caspers: Ich hab tatsächlich mal einen Film übers Pickelausdrücken gemacht. Der Pickel wurde aufgeschminkt, er war richtig groß. Und irgendwann war das ganze Waschbecken voll mit künstlichem Eiter und Blut...
ZEIT CAMPUS: Sie klingen ganz begeistert.
Caspers: Ja, weil das wirklich toll war an der Hochschule. Wir hatten alle Geräte und konnten alles ausprobieren, egal wie verrückt.
ZEIT CAMPUS: Wie war der erste Tag?
Caspers: Da gab es einen feierlichen Akt, bei dem der Rektor uns alle begrüßt hat. Und er hat uns einen klugen Rat gegeben, den ich mir echt zu Herzen genommen habe: Ihr könnt euch hier zu Tode arbeiten, aber ihr dürft auf keinen Fall vergessen, dass ihr auch regelmäßig einfach nur mal die Decke anstarren und nichts machen müsst.
ZEIT CAMPUS: Was passiert denn, wenn man einfach nur die Decke anstarrt?
Caspers: Nichts. Das ist es ja eben. Man kann die Gedanken kreisen lassen. Das ist, glaube ich, der beste Weg, um so etwas wie einem Burnout vorzubeugen. Nichts machen ist total hilfreich für alles.
ZEIT CAMPUS: Sie sind mit Mitte zwanzig auf die Kunsthochschule gegangen. Was haben Sie vorher gemacht?
Caspers: Rumgehangen, in einer Werbeagentur gejobbt, Akkordarbeit in einer Fabrik, bei einem Bestatter reingeguckt, einen Ferienjob im Schlachthof – und Zivildienst: individuelle Schwerstbehindertenbetreuung. Das Mädchen, das ich betreut habe, hat Jura studiert. Bei den Vorlesungen bin ich immer eingeschlafen, demonstrativ. Unterricht muss keine Unterhaltungsshow sein, dafür gibt es das Fernsehen. Aber ich finde es schon wichtig, dass er interessant ist. Mein Hirn hat kein Interesse an langweiligen Sachen. Da schalte ich einfach ab.
ZEIT CAMPUS:Danach wussten Sie schon mal, was Sie nicht machen wollen.
Caspers: Richtig. Jura: Nein!
ZEIT CAMPUS: Wie ging’s nach dem Zivildienst weiter?
Caspers: Ich hab dann in Bonn und später in der Nähe von Düsseldorf als Kameraassistent gearbeitet. Irgendwann dachte ich: Das Technische ist ganz nett, aber ich würde viel lieber inhaltlich arbeiten – und hab als Redakteur bei Geh aufs Ganze angefangen, so einer Gameshow. Super inhaltlich.
ZEIT CAMPUS: Was war Ihre Aufgabe?
Caspers: Ich sollte mir Spiele für die Sendung ausdenken. Der Moderator holte Leute aus dem Publikum und fragte: Möchtest du lieber das, was hier in dem Becher drin ist, oder das, was hier in der Schachtel drin ist? Und dann sagten die Leute: Das in dem Becher. Dann sagte er: Aber in der Schachtel ist was viel Besseres, ich geb dir noch 100 Mark, wenn du die nimmst. Dann mussten die Leute sich entscheiden.
ZEIT CAMPUS: Fallen Ihnen Entscheidungen schwer?
Caspers: Entscheidungen finde ich ganz einfach.
ZEIT CAMPUS: Im Ernst?
Caspers: Ich mach das so: Wenn ich mich für etwas entscheiden muss, und ich komm nicht weiter, entscheide ich mich einfach für das Eine. Danach habe ich sofort ein Gefühl, das sagt: Ja, ist okay, kann man so machen. Oder aber da ist ein Gefühl, das sagt: Boah, das fühlt sich nicht gut an. Dann mache ich es wieder rückgängig.
ZEIT CAMPUS: Man kann ja nicht immer alles rückgängig machen. Haben Sie nie Angst, das Falsche zu tun?
Caspers: Die wichtigste Erkenntnis im Leben ist, dass man eigentlich nichts falsch machen kann, es sei denn, man bringt jemanden um oder so. Aber im Tagesgeschäft gilt: Selbst wenn man mal was falsch macht, ist es okay, man darf auch mal auf die Nase fallen.
ZEIT CAMPUS: Ist Ihnen das schon passiert?
Caspers: Klar. Ich wollte ursprünglich Design studieren und habe versucht, Bewerbungsmappen zu machen, die den Geschmack der Prüfungskommission treffen. Ich bin nirgendwo genommen worden. Eine wertvolle Lektion.
ZEIT CAMPUS: Wie sind Sie bei der Bewerbung für die Kunsthochschule vorgegangen?
Caspers: Ich hatte davor Sachen für mich gemacht, die mir gefallen haben. Die habe ich in eine Mappe reingesteckt, abgegeben und gedacht: Wenn’s was wird, ist es super, weil das hundert Prozent Ralph ist. Und wenn es nichts wird, passt es sowieso nicht. Ich hab mich halt nicht verstellt.
ZEIT CAMPUS: Und dann hat’s gepasst.
Caspers: Ja, das war ein Schlüsselerlebnis. Seitdem mache ich das immer so und versuche nicht mehr, den Geschmack von anderen zu treffen. Dann gefallen die Sachen wenigstens einer Person, nämlich mir, wenn sie schon sonst niemandem gefallen.
ZEIT CAMPUS: Da halten Sie sich immer dran?
Caspers: Ich versuche es. Bei Wissen macht Ah! mache ich die Sendung zum Beispiel genau so, wie ich sie selbst gern sehen würde. Und ich habe das Glück, dass viele andere das auch so sehen wollen. Für mich ist das auch kein Kinderfernsehen, da ist für jeden was dabei.
ZEIT CAMPUS: Sie machen das jetzt seit zehn Jahren: Helium einatmen, absurde Kettenreaktionen auslösen und sich mit Fragen wie »Haben Engel Flügel?« oder »Warum sind Fettaugen rund?« beschäftigen.
Caspers: Es ist wunderbar. Ich kann allen möglichen Unsinn machen, bei dem meine Mutter mit den Augen rollt. Aber trotzdem ist die Grundlage immer die Wissensvermittlung, sodass mir keiner richtig böse sein kann.
ZEIT CAMPUS: Wie kommen Sie auf all die Fragen?
Caspers: Einfach so. Ich habe mal gelesen, dass das Gehirn so wird, wie man es benutzt. Wenn man sich die ganze Zeit mit mathematischen Problemen beschäftigt, dann konditioniert man sein Gehirn auf mathematische Probleme, man sieht vielleicht überall Formeln in der Natur. Wenn man nichts mit seinem Gehirn macht, stumpft es ab und wird ein bisschen hohl. Ich habe irgendwann angefangen, immer zu überlegen: Wie funktioniert dies, woher kommt das, warum ist das so? Inzwischen kommen die Fragen automatisch.
ZEIT CAMPUS: Und merken Sie sich die Antworten? Können Sie mir aus dem Stegreif erklären, warum ich so oft niesen muss, wenn ich in die Sonne gucke?
Caspers: Es gibt einen Nerv, der heißt Trigeminus, und wenn der gereizt wird, muss man niesen. Im Kopf laufen mehrere Nerven parallel, und manchmal springt ein Reiz auf den anderen über. Wenn Ihr Sehnerv gereizt wird, weil Sie in helles Licht gucken, kann sich dieser Reiz auf den Trigeminus übertragen. Ganz grob und vereinfacht. Fragen Sie nur weiter.
ZEIT CAMPUS: Gibt es überhaupt noch eine Stelle an Ihrem Körper, die Sie noch nicht untersucht haben?
Caspers: Nein, ich habe lange Zeit alleine gelebt und viel Zeit mit mir verbracht. Ich habe alle Stellen untersucht.
- Datum 05.12.2011 - 14:13 Uhr
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muss man so jemanden einen Platz in der Zeit für diesen Unsinn (oder Schwachsinn) zur Verfügung stellen?
Seine Sendungen erzeugen bei den Zusehern nicht wirklich Wissen, sondern durch die Mischung von Sinn und Unsinn eher die Erkenntnis: "Hauptsache schwafeln".
Lieber digidus,
es mag Ihnen unvorstellbar erscheinen, aber im Internet gibt es fast unendlich viel Platz und deshalb müssen Sie auch keine Angst haben, dass dieses Interview einen anderen Artikel verdrängt.
Und wenn es Sie nicht interessiert, warum lesen Sie es dann?
Ich finde Ralph Caspers jedenfalls super! Wenn ich Wissen langweilig und didaktisch schlecht vermittelt bekommen will, geh ich in die Uni.
...die "Sendung mit der Maus" ist das einzige Programm in den ÖR, für die sie sich nicht schämen brauchen.
Mit der bin ich aufgewachsen und die sehe ich mir noch heute, mit 42, gerne an, gerade weil man dort immer noch was lernen kann.
"Wissen macht Ah!" ist mir persönlich schon ein wenig überdreht, aber immer noch besser als der Nonsens der Privaten.
ich finde das überaus wertvoll.
es zeigt, dass es eben kein unsinn ist - sondern das leben bunter ist, also so manche menschen (sie) meinen.
bitte mehr solche artikel !!!
Um Ihre Frage zu beantworten:
JA!!!!!
sagt Ihnen hiermit ein promovierter Physiker, bei dem mittlerweile keiner mehr wagt sonntags zwischen 11.30 und 12.00 anzurufen .... geht eh keiner ran ....
Von daher gebt Ralph Caspers (und Shari) Sendezeit und Platz in den Zeitungen! Die Art des (quer)denkens, des sich selbst nicht-allzu-ernst-nehmens, Rhetorik usw. usw. ... wunderbar ...
Vielleicht liefert er uns ja eines Tages mal eine Erklärung für einen Begriff, der auf den ein oder anderen Kommentator hier durchaus passen würde: "Zum Lachen in den Keller gehen"
Was haben Sie bloß gegen Unsinn? Wir reden hier immerin von Kindersendungen! Muss da denn immer alles bierernst sein? Ob Pippi Langstrumpf, Pumuckl oder Spongebob - im Grunde ist das doch alles großer Quatsch (Obacht: positiv konnotiert!), aber eben nicht nur. Die von Ihnen kritisierte Mischung aus Sinn und Unsinn macht's.
Dass sich der Erkenntnisgewinn bei "Wissen macht Ah!" und der "Sendung mit der Maus" in Grenzen halte, kann ich übrigens nicht bestätigen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nicht so kluk bin wie Sie...
Lieber digidus,
es mag Ihnen unvorstellbar erscheinen, aber im Internet gibt es fast unendlich viel Platz und deshalb müssen Sie auch keine Angst haben, dass dieses Interview einen anderen Artikel verdrängt.
Und wenn es Sie nicht interessiert, warum lesen Sie es dann?
Ich finde Ralph Caspers jedenfalls super! Wenn ich Wissen langweilig und didaktisch schlecht vermittelt bekommen will, geh ich in die Uni.
...die "Sendung mit der Maus" ist das einzige Programm in den ÖR, für die sie sich nicht schämen brauchen.
Mit der bin ich aufgewachsen und die sehe ich mir noch heute, mit 42, gerne an, gerade weil man dort immer noch was lernen kann.
"Wissen macht Ah!" ist mir persönlich schon ein wenig überdreht, aber immer noch besser als der Nonsens der Privaten.
ich finde das überaus wertvoll.
es zeigt, dass es eben kein unsinn ist - sondern das leben bunter ist, also so manche menschen (sie) meinen.
bitte mehr solche artikel !!!
Um Ihre Frage zu beantworten:
JA!!!!!
sagt Ihnen hiermit ein promovierter Physiker, bei dem mittlerweile keiner mehr wagt sonntags zwischen 11.30 und 12.00 anzurufen .... geht eh keiner ran ....
Von daher gebt Ralph Caspers (und Shari) Sendezeit und Platz in den Zeitungen! Die Art des (quer)denkens, des sich selbst nicht-allzu-ernst-nehmens, Rhetorik usw. usw. ... wunderbar ...
Vielleicht liefert er uns ja eines Tages mal eine Erklärung für einen Begriff, der auf den ein oder anderen Kommentator hier durchaus passen würde: "Zum Lachen in den Keller gehen"
Was haben Sie bloß gegen Unsinn? Wir reden hier immerin von Kindersendungen! Muss da denn immer alles bierernst sein? Ob Pippi Langstrumpf, Pumuckl oder Spongebob - im Grunde ist das doch alles großer Quatsch (Obacht: positiv konnotiert!), aber eben nicht nur. Die von Ihnen kritisierte Mischung aus Sinn und Unsinn macht's.
Dass sich der Erkenntnisgewinn bei "Wissen macht Ah!" und der "Sendung mit der Maus" in Grenzen halte, kann ich übrigens nicht bestätigen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nicht so kluk bin wie Sie...
Die einzige Sendung im deutschen Fernsehen, die ich nicht verpassen moechte.
Das Wissen wird so unnachahmlich, anschaulich und gekonnt ruebergebracht es ist immer wieder eine Freude, die Ideen des Teams auf der Mattscheibe zu sehen.
Diese Art von Kinderfernsehen ist fuer mich einer der Gruende, warum oeffentlich rechtliches Fernsehen immer noch Sinn macht.
JK
Lieber digidus,
es mag Ihnen unvorstellbar erscheinen, aber im Internet gibt es fast unendlich viel Platz und deshalb müssen Sie auch keine Angst haben, dass dieses Interview einen anderen Artikel verdrängt.
Und wenn es Sie nicht interessiert, warum lesen Sie es dann?
Ich finde Ralph Caspers jedenfalls super! Wenn ich Wissen langweilig und didaktisch schlecht vermittelt bekommen will, geh ich in die Uni.
...die "Sendung mit der Maus" ist das einzige Programm in den ÖR, für die sie sich nicht schämen brauchen.
Mit der bin ich aufgewachsen und die sehe ich mir noch heute, mit 42, gerne an, gerade weil man dort immer noch was lernen kann.
"Wissen macht Ah!" ist mir persönlich schon ein wenig überdreht, aber immer noch besser als der Nonsens der Privaten.
Finde ihn dann doch sehr viel interessanter als nobelpreisgewinnende Autoren oder alberne Maler, die überteuerte Bilder an reiche Leute verkaufen.
Und als ich das Erektionsvideo gesehen habe, hab ich mir sofort gewünscht, dass es sowas gegeben hätte als ich zwölf war, so musste man das alles selbst rausfinden!
Wen haetten Sie denn gerne, lieber digidus? Den Komponisten mit nepalesisch-kambodsschanischen Wurzeln? Den vierzehn-jaehrigen Strahlenforscher? Waere ja auch gleich viel interessanter. Hauptsache Hochkultur, oder das was sie darunter verstehen.
Mein Gott, was haengt mir die Kommentarspalte bei ZEIT.de zum Hals raus. Hier tummeln sich nur Miesmacher, Stinkstiefel und Leute, die einem Normalo wie Caspers den Erfolg nicht goennen.
Wenn ihnen das hier zuviel "Low culture" ist, dann muessen sie ja vieleicht nicht unbedingt Artikel in der Sparte "Uni-Leben" anklicken. Aber ein individueller Entscheidungsprozess ist ja vom durchschnittlichen Zeit.de User schon zuviel verlangt. Da meckert man besser erstmal ueber den Artikel. Allein aus Prinzip.
"ZEIT CAMPUS: Gibt es überhaupt noch eine Stelle an Ihrem Körper, die Sie noch nicht untersucht haben?
Caspers: Nein, ich habe lange Zeit alleine gelebt und viel Zeit mit mir verbracht. Ich habe alle Stellen untersucht."
Ein Dialog für die Ewigkeit...;)
Weiter so, denn Selbstironie ist wahrlich keine Tugend im ÖFR!
ich finde das überaus wertvoll.
es zeigt, dass es eben kein unsinn ist - sondern das leben bunter ist, also so manche menschen (sie) meinen.
bitte mehr solche artikel !!!
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