ZEIT CAMPUS: Matthias Heddenhausen, darf ich Ihnen eine doofe Frage stellen?

Matthias Heddenhausen: Ich ahne schon, was kommt.

ZEIT CAMPUS: Ach was.

Heddenhausen: Die Frage, ob ich rauche. Das fragt jeder.

ZEIT CAMPUS: Und? Rauchen Sie?

Heddenhausen: Unter der Woche eigentlich nicht. Aber am Wochenende, wenn ich auf einer Party was trinke, da rauche ich schon mal ganz gerne.

ZEIT CAMPUS: Das müssen Sie ja jetzt sagen.

Heddenhausen: Nein, muss ich nicht.

ZEIT CAMPUS: Ist Ihnen die Entscheidung, Tabaklobbyist zu werden, leichtgefallen?

Heddenhausen: Ich habe mich schon gefragt, ob ich es mit meinen Moralvorstellungen vereinbaren kann, für diese Industrie tätig zu sein. Ich bin dann aber, wie man sieht, zu dem Ergebnis gekommen, dass ich das sehr wohl kann.

ZEIT CAMPUS: Wie begründen Sie das vor sich selbst?

Heddenhausen: Zigaretten sind Produkte für Erwachsene, jeder Erwachsene kennt die gesundheitlichen Risiken mittlerweile und sollte selbst frei entscheiden können, ob er raucht oder nicht. Das ist meine ehrliche Überzeugung.

ZEIT CAMPUS: Ein Süchtiger entscheidet sich nicht frei.

Heddenhausen: Es gibt heutzutage so viele Hilfestellungen. Jeder, der aufhören will, kann das schaffen.

ZEIT CAMPUS: Was machen Sie als Tabaklobbyist genau?

Heddenhausen: Als Referent der Geschäftsführung arbeite ich unserer Chefin zu, bereite Termine inhaltlich vor, schreibe Reden und Vorträge und kümmere mich um die Abstimmung mit unseren Mitgliedsunternehmen. Außerdem bin ich zuständig für unser Lobbying auf der EU-Ebene. Da geht es zum Beispiel um übergroße Warnhinweise auf Verpackungen oder um das Verbot von Zigarettenautomaten. Wir versuchen da natürlich, unseren Positionen Gehör zu verschaffen.

ZEIT CAMPUS: In Filmen transportieren Lobbyisten ihre Argumente ja gern in Geldkoffern.

Heddenhausen: Das ist Unsinn. Wir lauern auch niemandem in der Lobby auf und quatschen ihn an. Wir machen ganz formell Termine mit Abgeordneten oder Ministerien, stellen uns vor und erklären unsere Positionen. So läuft das.

ZEIT CAMPUS: Dazu pflegt Ihr Verband auch seine eigenen Abendveranstaltungen...

Heddenhausen: Richtig. Viermal im Jahr, das ist aber kein Geheimnis. Da treffen wir uns mit anderen Verbandsvertretern. Einige Mitarbeiter aus dem Bundestag und einzelne Abgeordnete schauen auch vorbei. Da geht es aber weniger um knallhartes Lobbying, sondern darum, auf der gesellschaftlichen Bühne des politischen Berlins präsent zu sein.

ZEIT CAMPUS: Was reizt Sie daran, ausgerechnet für Zigaretten PR zu machen?

Heddenhausen: Die Zigarette ist ein sehr emotionales Produkt, zu dem jeder eine Meinung hat. Mancher sogar eine sehr leidenschaftliche. Das macht die Arbeit manchmal schwierig, aber oft auch interessanter.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Heddenhausen: Weil man sich kritischeren Fragen stellen muss als bei einem Thema, bei dem sowieso alle einer Meinung sind. Gerade bei umstrittenen Themen ist es ja sehr spannend, zu sehen, ob man die Interessen gegenüber Entscheidungsträgern so überzeugend vertreten hat, dass die Bemühungen auch tatsächlich etwas bringen.

ZEIT CAMPUS: Haben sie schon mal was gebracht?

Heddenhausen: Ja, sicher. Wir haben Erfolge, sonst würde es den Verband nicht geben.

ZEIT CAMPUS: Wie sieht denn so ein Erfolg konkret aus? Was haben Sie verhindert?

Heddenhausen: Erfolge sollte man als Lobbyist eher im Stillen genießen.

ZEIT CAMPUS: Haben Sie bei der Jobwahl darüber nachgedacht, wie andere finden werden, was Sie machen?

Heddenhausen: Eher nicht. Ich habe schon als 17-Jähriger Antifa-Politik in einer erzkonservativen rheinischen Kleinstadt gemacht. Es hat mich immer gereizt, auch unpopuläre Ansichten zu vertreten. Gedanken habe ich mir eher darüber gemacht, ob sich das negativ auf spätere Jobmöglichkeiten auswirken könnte. Aber in meinem Beruf hat man immer Gegenwind und viel zu tun – letztendlich ist die Tabaklobby also eine gute Schule. Das wird mir nicht schaden.

ZEIT CAMPUS: Von der Antifa zur Industrielobby – würden Sie sich gegenüber dem 17-Jährigen Matthias Heddenhausen schämen?

Heddenhausen: Nein, gar nicht, weil ich mir letztendlich gut erklären kann, warum ich manche Sachen heute anders sehe als damals. Mit zunehmendem Alter sieht man eben alles differenzierter, das gilt andersherum auch für die Sachen, die ich früher so gemacht habe.

ZEIT CAMPUS: Was sagen Ihre Freunde und Ihre Eltern zu Ihrem Job?

Heddenhausen: Massiv angegangen worden bin ich eigentlich noch nie. Weder im Freundeskreis noch in der Familie. Meine Freundin erzählt allerdings, dass sie meinen Job oft rechtfertigen muss. Vielleicht sind die Menschen zu feige oder auch zu höflich, mich direkt zu kritisieren.

ZEIT CAMPUS: Mal ehrlich, ist es nicht nervig, einen Job zu haben, den alle böse finden?

Heddenhausen: Ganz so schlimm ist es ja nicht. Manchmal, wenn ich neue Leute treffe, freue ich mich sogar ein bisschen darauf, zu sagen, was ich mache. Dann machen immer alle ganz große Augen, großer Aha-Effekt. Aber es gibt auch andere Momente. Dann versuche ich es mit Selbstironie und sage: »Ich arbeite auf der dunklen Seite der Macht.« Das nimmt schon mal ein bisschen den Wind aus den Segeln. Dann fragt mich niemand mehr, ob ich nachts ruhig schlafen kann oder so etwas.

ZEIT CAMPUS: Können Sie nachts ruhig schlafen?

Heddenhausen: Ja.

ZEIT CAMPUS: Gibt es Bereiche, für die Sie nicht PR oder Lobbyarbeit machen würden?

Heddenhausen: Ich würde spontan sagen: Rüstung. Und für den FC Bayern!