Beruf und Moral"Ich arbeite auf der dunklen Seite"

Ein Tabaklobbyist, ein Boulevardjournalist und eine Tierversuchsforscherin sagen, warum sie zu ihrem Job stehen.

ZEIT CAMPUS: Matthias Heddenhausen, darf ich Ihnen eine doofe Frage stellen?

Matthias Heddenhausen: Ich ahne schon, was kommt.

Anzeige

ZEIT CAMPUS: Ach was.

Heddenhausen: Die Frage, ob ich rauche. Das fragt jeder.

ZEIT CAMPUS: Und? Rauchen Sie?

Heddenhausen: Unter der Woche eigentlich nicht. Aber am Wochenende, wenn ich auf einer Party was trinke, da rauche ich schon mal ganz gerne.

ZEIT CAMPUS: Das müssen Sie ja jetzt sagen.

Heddenhausen: Nein, muss ich nicht.

ZEIT CAMPUS: Ist Ihnen die Entscheidung, Tabaklobbyist zu werden, leichtgefallen?

Heddenhausen: Ich habe mich schon gefragt, ob ich es mit meinen Moralvorstellungen vereinbaren kann, für diese Industrie tätig zu sein. Ich bin dann aber, wie man sieht, zu dem Ergebnis gekommen, dass ich das sehr wohl kann.

ZEIT CAMPUS: Wie begründen Sie das vor sich selbst?

Heddenhausen: Zigaretten sind Produkte für Erwachsene, jeder Erwachsene kennt die gesundheitlichen Risiken mittlerweile und sollte selbst frei entscheiden können, ob er raucht oder nicht. Das ist meine ehrliche Überzeugung.

ZEIT CAMPUS: Ein Süchtiger entscheidet sich nicht frei.

Heddenhausen: Es gibt heutzutage so viele Hilfestellungen. Jeder, der aufhören will, kann das schaffen.

ZEIT CAMPUS: Was machen Sie als Tabaklobbyist genau?

Heddenhausen: Als Referent der Geschäftsführung arbeite ich unserer Chefin zu, bereite Termine inhaltlich vor, schreibe Reden und Vorträge und kümmere mich um die Abstimmung mit unseren Mitgliedsunternehmen. Außerdem bin ich zuständig für unser Lobbying auf der EU-Ebene. Da geht es zum Beispiel um übergroße Warnhinweise auf Verpackungen oder um das Verbot von Zigarettenautomaten. Wir versuchen da natürlich, unseren Positionen Gehör zu verschaffen.

ZEIT CAMPUS: In Filmen transportieren Lobbyisten ihre Argumente ja gern in Geldkoffern.

Heddenhausen: Das ist Unsinn. Wir lauern auch niemandem in der Lobby auf und quatschen ihn an. Wir machen ganz formell Termine mit Abgeordneten oder Ministerien, stellen uns vor und erklären unsere Positionen. So läuft das.

ZEIT CAMPUS: Dazu pflegt Ihr Verband auch seine eigenen Abendveranstaltungen...

Heddenhausen: Richtig. Viermal im Jahr, das ist aber kein Geheimnis. Da treffen wir uns mit anderen Verbandsvertretern. Einige Mitarbeiter aus dem Bundestag und einzelne Abgeordnete schauen auch vorbei. Da geht es aber weniger um knallhartes Lobbying, sondern darum, auf der gesellschaftlichen Bühne des politischen Berlins präsent zu sein.

ZEIT CAMPUS: Was reizt Sie daran, ausgerechnet für Zigaretten PR zu machen?

Heddenhausen: Die Zigarette ist ein sehr emotionales Produkt, zu dem jeder eine Meinung hat. Mancher sogar eine sehr leidenschaftliche. Das macht die Arbeit manchmal schwierig, aber oft auch interessanter.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Heddenhausen: Weil man sich kritischeren Fragen stellen muss als bei einem Thema, bei dem sowieso alle einer Meinung sind. Gerade bei umstrittenen Themen ist es ja sehr spannend, zu sehen, ob man die Interessen gegenüber Entscheidungsträgern so überzeugend vertreten hat, dass die Bemühungen auch tatsächlich etwas bringen.

ZEIT CAMPUS: Haben sie schon mal was gebracht?

Heddenhausen: Ja, sicher. Wir haben Erfolge, sonst würde es den Verband nicht geben.

ZEIT CAMPUS: Wie sieht denn so ein Erfolg konkret aus? Was haben Sie verhindert?

Heddenhausen: Erfolge sollte man als Lobbyist eher im Stillen genießen.

ZEIT CAMPUS: Haben Sie bei der Jobwahl darüber nachgedacht, wie andere finden werden, was Sie machen?

Heddenhausen: Eher nicht. Ich habe schon als 17-Jähriger Antifa-Politik in einer erzkonservativen rheinischen Kleinstadt gemacht. Es hat mich immer gereizt, auch unpopuläre Ansichten zu vertreten. Gedanken habe ich mir eher darüber gemacht, ob sich das negativ auf spätere Jobmöglichkeiten auswirken könnte. Aber in meinem Beruf hat man immer Gegenwind und viel zu tun – letztendlich ist die Tabaklobby also eine gute Schule. Das wird mir nicht schaden.

ZEIT CAMPUS: Von der Antifa zur Industrielobby – würden Sie sich gegenüber dem 17-Jährigen Matthias Heddenhausen schämen?

Heddenhausen: Nein, gar nicht, weil ich mir letztendlich gut erklären kann, warum ich manche Sachen heute anders sehe als damals. Mit zunehmendem Alter sieht man eben alles differenzierter, das gilt andersherum auch für die Sachen, die ich früher so gemacht habe.

ZEIT CAMPUS: Was sagen Ihre Freunde und Ihre Eltern zu Ihrem Job?

Heddenhausen: Massiv angegangen worden bin ich eigentlich noch nie. Weder im Freundeskreis noch in der Familie. Meine Freundin erzählt allerdings, dass sie meinen Job oft rechtfertigen muss. Vielleicht sind die Menschen zu feige oder auch zu höflich, mich direkt zu kritisieren.

ZEIT CAMPUS: Mal ehrlich, ist es nicht nervig, einen Job zu haben, den alle böse finden?

Heddenhausen: Ganz so schlimm ist es ja nicht. Manchmal, wenn ich neue Leute treffe, freue ich mich sogar ein bisschen darauf, zu sagen, was ich mache. Dann machen immer alle ganz große Augen, großer Aha-Effekt. Aber es gibt auch andere Momente. Dann versuche ich es mit Selbstironie und sage: »Ich arbeite auf der dunklen Seite der Macht.« Das nimmt schon mal ein bisschen den Wind aus den Segeln. Dann fragt mich niemand mehr, ob ich nachts ruhig schlafen kann oder so etwas.

ZEIT CAMPUS: Können Sie nachts ruhig schlafen?

Heddenhausen: Ja.

ZEIT CAMPUS: Gibt es Bereiche, für die Sie nicht PR oder Lobbyarbeit machen würden?

Heddenhausen: Ich würde spontan sagen: Rüstung. Und für den FC Bayern!

ZEIT CAMPUS: Paul Ronzheimer, für viele Menschen ist die »Bild«-Zeitung der Inbegriff des Bösen. Warum ist das so?

Paul Ronzheimer: Ich glaube nicht, dass das so ist. Das Image der Zeitung hat sich gewandelt. Und diejenigen, die »Bild« für »böse« halten, haben oftmals die Klischees von vor 30 Jahren im Kopf. Außerdem: Was ist überhaupt böse?

ZEIT CAMPUS: Nach einem tödlichen Unfall die Angehörigen so lange zu belästigen, bis sie Fotos vom Opfer raus geben. Das ist zum Beispiel böse.

Ronzheimer: Klar. Wenn jemand explizit sagt, ich will das nicht, dann muss der Reporter das akzeptieren. Und»Bild« muss besonders sensibel sein, weil wir so im Fokus stehen und man uns schnell Vorwürfe macht.

ZEIT CAMPUS: Das heißt, solche Recherchemethoden kommen nicht vor?

Ronzheimer: Ich habe noch nie so recherchiert. Sicher werden sich Menschen schon von »Bild« überrumpelt gefühlt haben. Es gibt immer einen harten Wettbewerb um die besten, emotionalsten Geschichten. Trotzdem habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass gerade bei»Bild«sehr gewissenhaft gearbeitet wird.

ZEIT CAMPUS: Sie haben in Athen Drachmen an die demonstrierenden Griechen verteilt. Das fanden viele auch ziemlich böse.

Ronzheimer: Ja, das war eine sehr umstrittene Geschichte. Ich bekam über Xing und Facebook später auch endlose Beschimpfungen, »Drecksack«, »Hurensohn«, ich wurde auch von Kollegen angefeindet. Kann ich nicht nachvollziehen.

ZEIT CAMPUS: Wirklich nicht? Man fragt sich ja schon ein wenig, ist das Journalismus oder Satire?

Ronzheimer: Ich habe viel darüber nachgedacht, und es war sicherlich Boulevard an der Grenze. Meine Idee war: Griechen auf der Straße zu fragen, was sie über eine Rückkehr zur Drachme denken. Dazu kam das Foto mit mir und den Scheinen in der Hand. Ja, das hat polarisiert. Die Entwicklung ein Jahr später gibt uns aber in der kritischen Haltung zu den Hilfsmaßnahmen recht.

ZEIT CAMPUS: Geht man deshalb zur »Bild«? Weil es einem Spaß macht, zu polarisieren, zu zündeln und andere aufzuregen?

Ronzheimer: Ich bin zu »Bild« gegangen, weil ich neugierig auf den Polit-Journalismus der Zeitung war. Was das Polarisieren angeht: Schon während meiner Zeit als Reporter bei der »Emder Zeitung« in Ostfriesland fand ich es gut, wenn die Leute über meine Texte gesprochen haben. Oft haben sie die Wahrheit nicht vertragen – und dann war ich auf dem Dorffest eben mal die Sau des Abends, über die sich viele aufgeregt haben.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie heute auf einer Party erzählen, dass Sie bei der »Bild« arbeiten – sind Sie dann immer noch die Sau des Abends?

Ronzheimer: Das ist wie bei der Zeitung selbst: Man polarisiert eben. Die meisten Leute sind vor allem neugierig. Aber es gibt auch ein paar, die sagen: »Was, du, Paul? Das hätte ich aber nicht gedacht.« Und dann kommen mir alle mit ihren Vorurteilen. Das kann manchmal wirklich nerven.

ZEIT CAMPUS: Lassen Sie sich trotzdem auf die Diskussion ein?

Ronzheimer: Mal so, mal so. Wenn ich gerade aus dem Büro komme, habe ich nicht immer Lust, auch noch den ganzen Abend lang über die Arbeit zu reden. Andererseits ist es wichtig, mit Vorurteilen aufzuräumen. Also rede ich meistens mit denjenigen und versuche zu erklären, warum die »Bild« gut ist.

ZEIT CAMPUS: Warum sollte die »Bild« denn gut sein?

Ronzheimer: Weil wir für die Serie zum Beitritt Griechenlands in die EU einen der wichtigsten Wirtschaftsjournalistenpreise gewonnen haben, weil zum Beispiel die Kundus-Affäre von der »Bild« aufgedeckt wurde, weil wir sehr viel Exklusives produzieren. Das sind Dinge, die wollen manche gar nicht hören, weil es an ihrem Bild von der »Bild« rüttelt.

ZEIT CAMPUS: Was hatten Sie für ein Bild von der »Bild«, bevor Sie auf die Journalistenschule des Axel-Springer-Verlags gegangen sind?

Ronzheimer: Ich habe als Kind zu meinem Vater im Urlaub immer gesagt: »Bild« – warum liest du das? Und als Jugendlicher habe ich viele kritische »Bild«-Bücher verschlungen. Dann wurde ich selbst Journalist. Schon als Lokalreporter hat mich »Bild« angefangen zu faszinieren. Es gibt eben kein anderes Blatt, das so vielfältig ist und so viele Emotionen auslösen kann.

ZEIT CAMPUS: Stephanie Westendorff, verschweigen Sie auf Partys, dass Sie Tierversuche machen?

Stephanie Westendorff: Wenn ich abends ausgehe, habe ich nicht immer Lust, Grundsatzdiskussionen zu führen. Aber im Prinzip stehe ich dazu und sage das auch. Ich erzähle keinen Quatsch, nur um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen.

ZEIT CAMPUS: Es gibt also unangenehme Diskussionen?

Westendorff: Ja, weil die Menschen häufig eine falsche Vorstellung davon haben, was wir machen. Die kennen nur die Propaganda der sogenannten Tierschutzvereine, ganz schlimme Bilder oder Märchen, dass die Tiere bei uns zum Beispiel ohne Narkose operiert werden. Wenn ich dann aber erkläre, wie es wirklich ist, haben die Leute meistens doch Verständnis. Sie sagen dann vielleicht noch: »Ich könnte das nicht« – aber das finde ich völlig okay.

ZEIT CAMPUS: Was genau machen Sie denn?

Westendorff: Wir erforschen, wie das Hirn zielgerichtete Armbewegungen plant, wollen also wissen, welche Hirnareale bei Bewegungen auf welche Art aktiv sind.

ZEIT CAMPUS: Und was müssen die Affen dafür machen?

Westendorff: Ein Beispiel: Wir lassen den Affen zweimal die gleiche Armbewegung nach rechts machen. In einem Fall macht er das, weil er rechts etwas auf einem Touchscreen sieht – er greift dann automatisch mit dem rechten Arm nach rechts. Im anderen Fall ist die Bewegung durch etwas Kognitives ausgelöst – zum Beispiel weil er gelernt hat, »wenn ich links auf dem Bildschirm etwas sehe, muss ich mit dem Arm gegenüber hingreifen«. Wir messen dann, inwiefern sich die Aktivität in den Hirnarealen unterscheidet und welche genau zusammenwirken.

ZEIT CAMPUS: Wie messen Sie das?

Westendorff: Mit Elektroden. Im Prinzip handelt es sich um einen feinen Draht, der im Gehirn die Nervenzellaktivität misst. Der Draht ist so dünn wie ein Haar, damit er keine Schäden im Gehirn verursacht.

ZEIT CAMPUS: Ist ein Draht im Hirn nicht schmerzhaft?

Westendorff: Bevor die Experimente beginnen, werden den Tieren kleine Zylinder auf den Schädelknochen implantiert. Innerhalb dieser Zylinder wird der Knochen entfernt. So entsteht ein kleines Loch, durch das die Drähte geführt werden können. Das geschieht unter Vollnarkose, die OP läuft ähnlich ab wie bei Menschen. Wenn das Tier mit den anderen zusammen im Käfig ist, wird der Zylinder mit einem Deckel verschlossen. Er wird nur einmal am Tag während der Messphasen geöffnet. Das stört die Affen nicht.

ZEIT CAMPUS: Woher wissen Sie das?

Westendorff: Der Draht ist sehr dünn, und das Gehirn selbst ist schmerzfrei. Damit einen Schmerzsensor in der Hirnhaut zu treffen ist ziemlich unwahrscheinlich. Die Affen zeigen auch keine dementsprechenden Reaktionen.

ZEIT CAMPUS: Wie laufen die Experimente ab?

Westendorff: Die Tiere klettern in den sogenannten Affenstuhl, einen Kasten aus Plexiglas. Die Arme können sie nach vorne heraus bewegen und während des Experiments den Touchscreen berühren. Der Kopf wird am Stuhl befestigt, damit er sich nicht bewegen kann. Mithilfe von Belohnungen werden die Affen schrittweise auf diesen Ablauf trainiert.

ZEIT CAMPUS: Für einen Außenstehenden klingt das hart. Hatten Sie nie Skrupel?

Westendorff: Ich habe nach gründlicher Abwägung für mich beschlossen, dass ich das vertreten kann und es sogar wichtig finde, dass diese Experimente gemacht werden. Um etwas heilen zu können, muss man wissen, wie das Gehirn funktioniert.

ZEIT CAMPUS: Baut man nicht eine persönliche Verbindung zu den Tieren auf?

Westendorff: Klar, die Affen lassen mich nicht kalt. Sie haben Charakter, und ich arbeite seit drei Jahren intensiv mit ihnen. Ich weiß natürlich: Tierversuche, das ist für die Tiere anders, als in freier Wildbahn zu leben. Aber das, was wir hier machen, ist Grundlagenforschung. Das ist die Voraussetzung für alle weiteren angewandten Forschungsvorhaben.

ZEIT CAMPUS: Wem könnte Ihre Forschung denn in Zukunft einmal helfen?

Westendorff: Das Wissen um die Aktivität der Hirnareale könnte zum Beispiel einmal gelähmten Menschen helfen, sich wieder zu bewegen.

 
Leserkommentare
  1. ...ich habe zum Beispiel obwohl ich Nichtraucher bin und nie in meinem Leben eine Zigarette im Mund hatte, kein Problem mit der Tabaklobby.
    Steht ja ganz groß darauf, daß Tabak schädlich ist, wer ihn dennoch will, dem sei er gegönnt.
    Und Kinder lernen Tabak im Familienkreis kennen und ganz bestimmt nicht von einer Lobby.
    Persönlich hätte ich - ironischer weise genauso wie der Tabaklobbyist - wesentlich mehr Probleme mit jemanden von der Rüstungslobby.

    Wie gesagt, alles relativ...

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ranjit
    • 17.12.2011 um 19:58 Uhr

    "Steht ja ganz groß darauf, daß Tabak schädlich ist, wer ihn dennoch will, dem sei er gegönnt."

    Ich finde ihr Vertrauen in die menschliche Selbstkontrolle und Rationalität beneidenswert. Als Psychologe kann ich es aber leider nicht teilen.
    Jeder weiß, dass Sport gesund ist und Bewegungsmangel kurz und langfristig negative Konsequenzen hat. Deswegen macht jeder entweder Sport oder entscheidet sich rational und aus voller Überzeugung für Bandscheibenvorfälle und Herzinfarkte? Diäten, die wir beginnen ziehen wir immer durch; Arbeit wird nie verschoben; Wir bereuen nie eine Kaufentscheidung. Ist dass wirklich so?

    Tabaklobbyisten und Boulevardjournalisten sind wunderschöne Beispiele für Berufe, die darauf basieren unsere Irrationalität auszunutzen. Die einen, dass wir Suchtmittel erst unterschätzen und dann aggressiv verteidigen, wenn die Sucht eingesetzt hat. Die anderen, dass wir Gründe für Fehlverhalten meist auf Eigenschaften von Menschen zurückführen, anstatt auf strukturelle Gründe (z.B. die "faulen" Hartz-IV-Beziehenden).

    Spannend ist, dass Jene, die diese Berufe ausüben ebenfalls Opfer von Irrationalität werden. Denn um sich den Abgründen ihrer Tätigkeit nicht stellen zu müssen, rationalisieren sie sich den Beruf schön.

    Also ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als auf den Zigaretten noch nicht drauf stand, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet und töten kann und die Gesundheit meiner Kinder bereits in der Schwangerschaft gefährdet und so weiter. Und dass das da drauf steht ist ein Misserfolg der Lobbyisten. Denn an das Geschrei der Tabakindustrie gegen die Idee zur Einführung dieser Warnhinweise kann ich mich auch noch erinnern.

    Dieses Argument als Beispiel dafür zu bringen, dass Tabaklobbyismus moralisch durchaus vertretbar ist, finde ich ehrlich gesagt ziemlich eklig.

    Es geht ja nicht um reinen Tabak, sondern um ein fieses gEmenge an Stoffen, von denen etliche eingemischt sind, um Leute süchtig zu machen

    • Ranjit
    • 17.12.2011 um 19:58 Uhr

    "Steht ja ganz groß darauf, daß Tabak schädlich ist, wer ihn dennoch will, dem sei er gegönnt."

    Ich finde ihr Vertrauen in die menschliche Selbstkontrolle und Rationalität beneidenswert. Als Psychologe kann ich es aber leider nicht teilen.
    Jeder weiß, dass Sport gesund ist und Bewegungsmangel kurz und langfristig negative Konsequenzen hat. Deswegen macht jeder entweder Sport oder entscheidet sich rational und aus voller Überzeugung für Bandscheibenvorfälle und Herzinfarkte? Diäten, die wir beginnen ziehen wir immer durch; Arbeit wird nie verschoben; Wir bereuen nie eine Kaufentscheidung. Ist dass wirklich so?

    Tabaklobbyisten und Boulevardjournalisten sind wunderschöne Beispiele für Berufe, die darauf basieren unsere Irrationalität auszunutzen. Die einen, dass wir Suchtmittel erst unterschätzen und dann aggressiv verteidigen, wenn die Sucht eingesetzt hat. Die anderen, dass wir Gründe für Fehlverhalten meist auf Eigenschaften von Menschen zurückführen, anstatt auf strukturelle Gründe (z.B. die "faulen" Hartz-IV-Beziehenden).

    Spannend ist, dass Jene, die diese Berufe ausüben ebenfalls Opfer von Irrationalität werden. Denn um sich den Abgründen ihrer Tätigkeit nicht stellen zu müssen, rationalisieren sie sich den Beruf schön.

    Also ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als auf den Zigaretten noch nicht drauf stand, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet und töten kann und die Gesundheit meiner Kinder bereits in der Schwangerschaft gefährdet und so weiter. Und dass das da drauf steht ist ein Misserfolg der Lobbyisten. Denn an das Geschrei der Tabakindustrie gegen die Idee zur Einführung dieser Warnhinweise kann ich mich auch noch erinnern.

    Dieses Argument als Beispiel dafür zu bringen, dass Tabaklobbyismus moralisch durchaus vertretbar ist, finde ich ehrlich gesagt ziemlich eklig.

    Es geht ja nicht um reinen Tabak, sondern um ein fieses gEmenge an Stoffen, von denen etliche eingemischt sind, um Leute süchtig zu machen

    • Ranjit
    • 17.12.2011 um 19:58 Uhr

    "Steht ja ganz groß darauf, daß Tabak schädlich ist, wer ihn dennoch will, dem sei er gegönnt."

    Ich finde ihr Vertrauen in die menschliche Selbstkontrolle und Rationalität beneidenswert. Als Psychologe kann ich es aber leider nicht teilen.
    Jeder weiß, dass Sport gesund ist und Bewegungsmangel kurz und langfristig negative Konsequenzen hat. Deswegen macht jeder entweder Sport oder entscheidet sich rational und aus voller Überzeugung für Bandscheibenvorfälle und Herzinfarkte? Diäten, die wir beginnen ziehen wir immer durch; Arbeit wird nie verschoben; Wir bereuen nie eine Kaufentscheidung. Ist dass wirklich so?

    Tabaklobbyisten und Boulevardjournalisten sind wunderschöne Beispiele für Berufe, die darauf basieren unsere Irrationalität auszunutzen. Die einen, dass wir Suchtmittel erst unterschätzen und dann aggressiv verteidigen, wenn die Sucht eingesetzt hat. Die anderen, dass wir Gründe für Fehlverhalten meist auf Eigenschaften von Menschen zurückführen, anstatt auf strukturelle Gründe (z.B. die "faulen" Hartz-IV-Beziehenden).

    Spannend ist, dass Jene, die diese Berufe ausüben ebenfalls Opfer von Irrationalität werden. Denn um sich den Abgründen ihrer Tätigkeit nicht stellen zu müssen, rationalisieren sie sich den Beruf schön.

    34 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...gibt es doch eigentlich überall. Nehmt doch all dieses (und euch selber) nicht so ernst und geht im täglichen Leben anständig mit euren Mitmenschen um.

    Bin Nichtraucher und habe mit Lobbyismus jeder Art so meine Probleme, in der heutigen Form m.E. ist er generell eine Unsitte.

    Stimme zu, der Mensch ist schwach und teils sehr irrational, braucht Hilfestellungen um für sich und andere das richtige zu tun, sollte nicht verführt werden.

    Andererseits frage ich mich mittlerweile, was bewirkt diese modern gewordene Überegulierung, Bevormundung, Gängelung eigentlich bei dem Menschen, der Gesellschaft? Wie wirkt das auf unser Lebensgefühl, unsere Psyche? Gibt es dazu Erkenntnisse?

    Wenn Du rauchst - ab vor die Tür, in den Regen, Verbrecher, pfui!
    Fährst Du auf freier Strecke - alles einsehbar, kein anderer in Sicht, aber es lässt sich dort erfolgreich die Kommunalkasse füllen - statt 70 versehentlich 90 - Blitz, Raser, pfui!
    Hast Du das Idealgewicht, den BMI verfehlt - adipöses Schwein, bäh, pfui! Ab in die Ecke, kasteie Dich. Fettsteuer her.
    Musst Du im Wald dringend Wasser lassen, rettest Dich hintern Baum und wirst gesehen - bäh, pfui, Schwein, Umweltsau, Ordnungsgeld!

    Da muss für alles ein Gesetz her und wer's übertritt ist ein Sünder, womöglich Verbrecher.
    Diese gängelnde Überregulierung macht mir allmählich Sorge.
    Man sollte gewisse Dinge nicht tun, manche nur in Notsituationen, sich selbst beschränken. Aber diese fingerhebende Oberlehrerhaftigkeit, Eiferei, Gängelei, diese öffentlichen Hexenjagden nehmen allmählich bedenkliche Formen an.

    ...gibt es doch eigentlich überall. Nehmt doch all dieses (und euch selber) nicht so ernst und geht im täglichen Leben anständig mit euren Mitmenschen um.

    Bin Nichtraucher und habe mit Lobbyismus jeder Art so meine Probleme, in der heutigen Form m.E. ist er generell eine Unsitte.

    Stimme zu, der Mensch ist schwach und teils sehr irrational, braucht Hilfestellungen um für sich und andere das richtige zu tun, sollte nicht verführt werden.

    Andererseits frage ich mich mittlerweile, was bewirkt diese modern gewordene Überegulierung, Bevormundung, Gängelung eigentlich bei dem Menschen, der Gesellschaft? Wie wirkt das auf unser Lebensgefühl, unsere Psyche? Gibt es dazu Erkenntnisse?

    Wenn Du rauchst - ab vor die Tür, in den Regen, Verbrecher, pfui!
    Fährst Du auf freier Strecke - alles einsehbar, kein anderer in Sicht, aber es lässt sich dort erfolgreich die Kommunalkasse füllen - statt 70 versehentlich 90 - Blitz, Raser, pfui!
    Hast Du das Idealgewicht, den BMI verfehlt - adipöses Schwein, bäh, pfui! Ab in die Ecke, kasteie Dich. Fettsteuer her.
    Musst Du im Wald dringend Wasser lassen, rettest Dich hintern Baum und wirst gesehen - bäh, pfui, Schwein, Umweltsau, Ordnungsgeld!

    Da muss für alles ein Gesetz her und wer's übertritt ist ein Sünder, womöglich Verbrecher.
    Diese gängelnde Überregulierung macht mir allmählich Sorge.
    Man sollte gewisse Dinge nicht tun, manche nur in Notsituationen, sich selbst beschränken. Aber diese fingerhebende Oberlehrerhaftigkeit, Eiferei, Gängelei, diese öffentlichen Hexenjagden nehmen allmählich bedenkliche Formen an.

  2. ...gibt es doch eigentlich überall. Nehmt doch all dieses (und euch selber) nicht so ernst und geht im täglichen Leben anständig mit euren Mitmenschen um.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xpeten
    • 17.12.2011 um 20:41 Uhr

    muss man als kritischer und drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen.

    Glauben Sie nicht dass etwas verkehrt ist, wenn sich Menschen aus Spaß oder zum Spaß selbst vergiften? (Tabak und zum Beispiel Alkohol).

    Und das Thema "das Leben ernst nehmen" - ja was soll man denn sonst damit machen? Es sich schön-trinken ist keine Lösung.

    • xpeten
    • 17.12.2011 um 20:41 Uhr

    muss man als kritischer und drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen.

    Glauben Sie nicht dass etwas verkehrt ist, wenn sich Menschen aus Spaß oder zum Spaß selbst vergiften? (Tabak und zum Beispiel Alkohol).

    Und das Thema "das Leben ernst nehmen" - ja was soll man denn sonst damit machen? Es sich schön-trinken ist keine Lösung.

    • xpeten
    • 17.12.2011 um 20:29 Uhr

    Erwachsene, jeder Erwachsene kennt die gesundheitlichen Risiken mittlerweile und sollte selbst frei entscheiden können, ob er raucht oder nicht. Das ist meine ehrliche Überzeugung."

    Das kann gar nicht ehrliche Überzeugung sein. Als Lobbyist der Tabakindustrie weiß Heddenhausen sehr genau, dass die Zielgruppe für die Tabakwerbung, die z.Zt. noch erlaubt ist, nicht Erwachsene sind -wofür auch, die rauchen ja sowieso schon und können nicht mehr aufhören- sondern Jungendliche und Kinder.

    3 Leserempfehlungen
  3. Wie schön, dass der gute Herr H. sich so eine differenzierte Meinung zum Thema Moral bilden konnte.
    Schon in dem Punkt belügt er entweder sich selbst, oder uns Leser, indem der Anbau von Tabak, verbunden mit Ausbeutung auch von Kindern und fatalen Folgen für deren Gesundheit, nicht in diese Frage einbezieht.
    Ich tendiere zu der Annahme, das eher letzteres der Fall sein dürfte.
    Ob er als deklarierter Gelegenheitsraucher zudem selbst in den Genuß suchtbekämpfender Maßnahmen gekommen ist?

    Bei solch einem Job sollte man eigentlich gar nicht erst versuchen sie moralisch rechtzufertigen.
    Pauschal? Ja. Das Leben heute glänzt leider selten durch Moralität.

    Eine Leserempfehlung
    • xpeten
    • 17.12.2011 um 20:41 Uhr

    muss man als kritischer und drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Aber Abgründe...."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen."

    Macht das die Aussage unwahrer?

    drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen."

    Macht das die Aussage unwahrer?

  4. drogenfrei lebender Mensch ständig über sich ergehen lassen."

    Macht das die Aussage unwahrer?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xpeten
    • 17.12.2011 um 22:00 Uhr

    ich beziehe gerne Stellung und ich mag Menschen, die Stellung beziehen, das kann man in einer Gesellschaft von lethargischen Mitläufern, die das Denken nicht gelernt haben und für die Kritik nur eine Störung ihres Harmoniebedürnisses darstellt, gar nicht hoch genug einschätzen.

    Insofern sollte man lieber nicht versuchen, Leute auszubremsen, die mitdenken, sondern das letztere selber einmal versuchen.

    Aber wenn Sie hier Ihre "Wahrheiten" bevorzugen, bitte schön.

    • xpeten
    • 17.12.2011 um 22:00 Uhr

    ich beziehe gerne Stellung und ich mag Menschen, die Stellung beziehen, das kann man in einer Gesellschaft von lethargischen Mitläufern, die das Denken nicht gelernt haben und für die Kritik nur eine Störung ihres Harmoniebedürnisses darstellt, gar nicht hoch genug einschätzen.

    Insofern sollte man lieber nicht versuchen, Leute auszubremsen, die mitdenken, sondern das letztere selber einmal versuchen.

    Aber wenn Sie hier Ihre "Wahrheiten" bevorzugen, bitte schön.

  5. Glauben Sie nicht dass etwas verkehrt ist, wenn sich Menschen aus Spaß oder zum Spaß selbst vergiften? (Tabak und zum Beispiel Alkohol).

    Und das Thema "das Leben ernst nehmen" - ja was soll man denn sonst damit machen? Es sich schön-trinken ist keine Lösung.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Aber Abgründe...."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service