Studenten von früher Helene Lange
Statt zur Hausfrau wird sie zu einer Symbolfigur der Frauenbewegung. Was wäre heute aus ihr geworden? Teil 31 unserer Serie über Studenten von früher
Als Helene Lange sechs Jahre alt ist, dürfen ihre beiden Brüder oft in der Sonne vor dem Haus spielen. Die kleine Helene aber muss im dunklen Zimmer sitzen, Taschentücher säumen und im Haushalt helfen. Da wird der späteren Frauenrechtlerin zum ersten Mal der Unterschied in der Erziehung von Mädchen und Jungen bewusst. In ihren Memoiren schreibt Helene später, wie wütend sie darüber war, nicht dasselbe zu dürfen wie ihre Brüder. Damals ahnt freilich noch niemand, dass es ausgerechnet die kleine Helene sein wird, die als Pädagogin und Politikerin an dieser Ungleichbehandlung etwas ändert.
Die Kaufmannstochter wächst in Oldenburg auf und besucht dort, bis zum Alter von 16 Jahren, eine Höhere Töchterschule. Sinn dieser Schulen ist es, »dem Weibe eine Geistesbildung zu ermöglichen, damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herde gelangweilt werde«, heißt es in einer Denkschrift aus dem Jahr 1872. Zur Unterhaltung der Ehemänner werden Literatur, Sprachen, Religion gelehrt.
Während Helene sich so auf ihr Hausfrauendasein vorbereitet, stirbt erst die Mutter an Schwindsucht, dann auch der Vater. Als Vollwaise zieht Helene zu ihrem Großvater, dann verbringt sie ein Jahr als Pensionstochter in einem Pfarrhaus in Württemberg. Das Pfarrhaus ist Anlaufpunkt von Theologen, deren geistreiche Diskussionen die unter Fischern und Bauern groß gewordene Helene fasziniert belauscht und an denen sie teilhaben will. Doch Anwesenheit und Meinung von Frauen sind nicht erwünscht. Helene kocht vor Zorn. »Vielleicht war das die Geburtsstunde der Frauenrechtlerin«, schreibt sie später.
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen
An einer Universität durfte Helene Lange nicht studieren, weil sie eine Frau war. Und das, obwohl sie sicher die Intelligenz und die Begabung dazu gehabt hätte. Schlimmer noch, als sie zurück nach Oldenburg zu ihrem Großvater zieht, soll sie einfach darauf warten, von einem Mann geheiratet zu werden. Die Kaffeevisiten der Frauengesellschaft findet sie unerträglich langweilig, weil »häufig der rote kalte Pudding mit weißer oder der weiße mit roter Sauce das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal bildete«. Sie will mehr von der Welt sehen, mehr lernen. Sie will wenigstens ein Lehrerinnenseminar besuchen – um den einzigen standesgemäßen Beruf zu ergreifen, den es damals für Frauen gibt. Der Großvater verbietet es. Helene beschließt, sich heimlich auf das Examen vorzubereiten. Sie organisiert einen Job in einem Mädchenpensionat im Elsass, um dort Literatur und Grammatik zu unterrichten. Hat sie frei, büffelt sie Französisch und Musik. Endlich volljährig, erhält sie die kleine Erbschaft ihrer Eltern, zieht nach Berlin und besteht mit 24 Jahren das Examen. Die junge Lehrerin ist stolz, und weil sie merkt, was möglich ist, will sie mehr.
Tagsüber unterrichtet Helene, abends diskutiert sie mit Frauenrechtlerinnen über Mädchenbildung. Sie fordert, dass Mädchen in denselben Fächern wie Jungen unterrichtet werden und danach studieren dürfen. Mit diesem Ziel vor Augen kämpft sich Helene durch. Mit 28 Jahren wird sie Leiterin eines Lehrerinnenseminars, mit 41 Jahren erhält sie die Erlaubnis, private Realkurse einzurichten. Mit 45 Jahren wandelt sie ihre Realkurse in Gymnasialkurse um, sodass dort drei Jahre später zum ersten Mal in der Geschichte Preußens sechs Mädchen ihr Abitur bestehen.
Spät in ihrem Leben lernt Helene Lange die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer kennen, mit der sie über dreißig Jahre lang bis zu ihrem Tod zusammen lebt und arbeitet. Ob es sich um eine intime Beziehung handelte, kann man heute nur vermuten. Alle Briefe vernichten beide vor ihrem Tod. Als Frauen 1908 das Recht erhalten, Parteien beizutreten, wird sie Mitglied der späteren Deutschen Demokratischen Partei und eröffnet nach dem Ersten Weltkrieg als Mitglied der Hamburger Bürgerschaft 1919 deren konstituierende Sitzung. 1930 stirbt Helene Lange mit 82 Jahren. Dank ihr, die weder das Abitur machen noch studieren durfte, sind heute über die Hälfte aller Universitätsabsolventen Frauen.
Wäre Helene Lange heute jung, würde sie als Kind draußen in der Sonne spielen, während ihre Brüder mit den Hausaufgaben noch nicht fertig sind. Als Klügste unter ihren Geschwistern engagiert sie sich für Bildungschancen von Jungen aus Arbeiterfamilien. Ihre Reden zu einer sozialeren Bildungspolitik werden legendär, und sie selbst wird im Jahr 2013 als erste Frau zur Bürgermeisterin von Hamburg gewählt.
- Datum 11.11.2011 - 12:48 Uhr
- Serie Ehemaligenverein
- Quelle ZEIT Campus
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Die zeitgenössiche Helene wächst behütet in ihrer mittelständischen Familie in Oldenburg auf. Sie durchläuft die Schulen bis zum Abitur absolut problemlos, zuhause erfährt sie alle Unterstützung, materielle Sorgen und Hausarbeit sind ihr fremd. Es gibt keine Brüche, Benachteilungen finden scheinbar nicht statt. Ihr Interesse für Politik und Emanzipation ist entsprechend gering ausgebildet, was soll ein junges Mädchen von 18 Jahren damit anfangen? Sie bemerkt nicht, dass ihre Studienwahl an der Universität mit unkrititschem Wohlwollen von ihren Eltern, die ihr das Studium finanzieren, begleitet wird. Kunstgeschichte und Literatur sollen es sein, ach, was soll's, das Mädchen wird ja hoffentlich später nicht die Verantwortung für das Auskommen einer Familie tragen müssen. Helenes Interessen bestehen aus amerikanischen Fernsehserien, dem Privatleben der in ihnen auftretenden Schauspieler und dem Erwerb der zur Schau getragenen Konsumartikel. Ihr Leben läuft bis hierher ohne Beschränkungen oder irgendeine sich als Triebfeder entpuppende Lebenskrise, Liebeskummer und Verliebtsein wechseln sich in schöner Folge ab und sorgen für die nötige emotionale Abwechselung und den Gesprächsstoff mit ihren Freundinnen. Sie ist glücklich. Kurz vor ihrem Examen sattelt sie noch rasch auf's Lehramt um, und wird, wie ihre Vorgängerin aus dem 19. Jahrhundert, Lehrerin. Einen Beitrag zur weiteren Emanzipation der Frau, v. a. der unteren Schichten, wird sie nie leisten. Warum auch?
Traurig und genial. Danke sehr!
Traurig und genial. Danke sehr!
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Helene Lange hat die von aussen aufgezwungene Geschlechter-Segregation für sich als Benachteiligung empfunden und aus dieser Erfahrung heraus dann gewirkt.
Wäre Helene Lange heute jung, würde sie dieses Empfinden gar nicht haben. Ergo würde sich auch kein entsprechendes reformatorisches Bewußtsein herausbilden.
Warum auch? Frauen hier und heute sitzen im Paradies was gesellschaftliche Absicherung bei gleichzeitiger Handlungsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeiten angeht.
Da bleiben dann nur noch Luxusprobleme und der (mir so oft begegnende) Katzenjammer von Frauen mittleren Alters, an denen das Gefühl nagt, irgendwann einmal eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Das Gefühl allerdings haben Männer oft auch, also willkommen im Club.
P.S: Bei der so oft (und auch im Artikel) zitierten Denkschrift von 1872 vom "Verein der Dirigenten und Lehrenden höherer und mittlerer Mädchenschulen" geht es übrigens weiter mit dem Grund:
und (der Mann) nicht in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde
Diese "höhere Interessen" bestanden darin, braver Untertan und williges Kanonenfutter zu sein.
Diese Kehrseite der Medaille übersehen Feministinnen so geflissentlich, wie sie auch den Gedanken ignorieren, was wohl einem Jungen damals passiert wäre, der lieber zuhause sitzend Tschentücher gesäumt hätte anstatt sich auf der Strasse mit anderen Jungs zu raufen.
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