Das Soziologen-Ehepaar Beck hat ein Buch über Fernbeziehungen geschrieben. Ein Gespräch über Unterschiede und Nähe

ZEIT CAMPUS: Frau Beck-Gernsheim , Herr Beck, wann haben Sie das letzte Mal geskypt?

Elisabeth Beck-Gernsheim: Noch nie! Aber wir haben eine Telefon-Flatrate und feste Termine zum Reden. Ohne solche Rituale kommt keine Fernliebe aus.

ZEIT CAMPUS: Man trifft Sie beide selten am selben Ort. Sie haben eine gemeinsame Wohnung in München, aber Sie, Herr Beck, lehren in London , Ihre Frau lehrt in Trondheim, in Norwegen.

Ulrich Beck: Das ist das Schicksal einer Wissenschaftler-Ehe. Als wir uns 1968 in München kennengelernt haben, war eine Fernbeziehung noch undenkbar. Ohne Internet und Billigflieger! Aber dann sind wir über die Jahre immer wieder an verschiedene Unis berufen worden. Der Arbeitsmarkt ist blind für die Erfordernisse der Familie. Heute geht es uns wie vielen anderen, die eine Fernbeziehung haben. Und wir fragen uns: Warum lieben sich immer mehr Menschen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg? Warum nehmen sie die endlose Wiederkehr der Abschiede auf sich und das Alleinsein dazwischen?

ZEIT CAMPUS: Haben Sie eine Antwort?

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Beck: Meistens ist die Fernliebe nicht freiwillig gewählt, das Studium, der Beruf zwingen die Paare dazu. Mobilität ist heutzutage eben eine selbstverständliche Bedingung für den Erfolg, und die Fernliebe ist in diesem Sinn eine Kofferliebe: eine handliche, einpackbare Liebe, die wie die elektrische Zahnbürste im Kulturbeutel überall eingestöpselt werden kann.

ZEIT CAMPUS: Das klingt, als wären Fernbeziehungen eher kühl und pragmatisch. In Ihrem neuen Buch "Fernliebe" behaupten Sie aber, Fernbeziehungen seien sogar besonders romantisch.

Beck: In gewisser Hinsicht sind sie das auch. Denken Sie an Romane, Dramen und Briefwechsel der romantischen Liebe. Darin befreien sich die Liebenden von den Fesseln der Stände und Klassen. Unsere Zeit ist noch radikaler, also noch romantischer: Die Liebenden befreien sich nun auch von den Fesseln des gemeinsamen Ortes, der gemeinsamen Sprache, der gemeinsamen Staatsangehörigkeit.

ZEIT CAMPUS: Verändert das die Gesellschaft?

Beck-Gernsheim: Ja, einem deutsch-spanischen Erasmus-Paar könnte im Kleinen gelingen, woran die Welt im Großen scheitert, nämlich die Kunst, über Grenzen hinweg liebevoll zusammenzuleben.

ZEIT CAMPUS: Kann es umgekehrt auch ein Problem sein, sich zu oft zu sehen?

Beck-Gernsheim: Es gibt in der Tat zwei Feinde der Liebe – erstens die Entfernung, zweitens die Nähe. Das ist nicht nur ironisch gemeint, das haben wir so erfahren.

ZEIT CAMPUS: Welches ist Ihrer Erfahrung nach das kleinere Übel?

Beck-Gernsheim: Man sehnt sich nach Nähe, aber die Nähe ist manchmal ein Mythos. Zu große Nähe kann die Liebe im Alltag ersticken. Fernliebe hingegen entlastet die Liebenden von der Überforderung, einander immer und überall lieben zu müssen. Sie versöhnt die Gegensätze, sie erlaubt Nähe und Distanz, eigenes Leben und gemeinsames Leben.

ZEIT CAMPUS: Was hat Sie an der Fernliebe eigentlich als Wissenschaftler interessiert? Warum ist dieses Phänomen soziologisch interessant?

Beck: Uns interessiert, was sich verallgemeinernd über Fernliebe sagen lässt. Zwei Verliebten erscheint ihre Beziehung als etwas Individuelles und Intimes, das sich nicht verallgemeinern lässt. In Wirklichkeit gibt es aber eine unerbittliche Struktur in jeder Fernbeziehung: Es ist immer eine Liebe ohne Sexualität, eine Liebe ohne Alltag. Fernliebe ist wie Essen ohne Abwasch. Und sie bleibt abstrakt, geliebt wird per E-Mail, Facebook oder Skype. Eine solche Liebe braucht Vertrauen, aber auch Zuverlässigkeit, Regelmäßigkeit und langfristige Planung. Man muss sich vornehmen, jeden Abend zu skypen, sich alle zwei Monate zu treffen.