ZEIT CAMPUS: Herr Gigerenzer, Sie sind Experte für den Umgang mit Unsicherheit. Viele Absolventen fürchten, dass die aktuelle Krise ihren Berufseinstieg erschwert. Zu Recht?

Gerd Gigerenzer: Ängste mögen verständlich sein, aber sie helfen nicht weiter. Man sollte nicht auf die vermeintliche Bedrohung starren. Wer auf etwas starrt, wird selber starr.

ZEIT CAMPUS: Was kann man denn tun?

Gigerenzer: Wechseln Sie die Perspektive. Entwickeln Sie sich weiter, seien Sie neugierig! Fragen Sie sich: Gibt es eine Vision, für die ich leben möchte? Etwas, worauf ich mit Stolz zurückschauen kann, wenn ich alt bin? Und dann vernetzen Sie sich mit Menschen, die an dem gleichen Ziel arbeiten.

ZEIT CAMPUS: Aber erst mal geht es doch darum, einen Job zu bekommen. Und nicht um Visionen.

Gigerenzer: Diese Haltung regt mich, ehrlich gesagt, ein bisschen auf. Wer heute die Universität verlässt, ist in der Lage, etwas weiterzugeben. Absolventen in Deutschland haben so viele Ressourcen: Sie sind jung, gebildet und leben in einem wohlhabenden Land mit weit entwickelten sozialen Sicherungssystemen. Aber bitte, wenn jemand lieber jammert und sagt: »Wie schwer habe ich es doch, weil gerade alles so unsicher ist«, kann er das tun.

ZEIT CAMPUS: Was ist falsch an dem Wunsch, einen guten und sicheren Job zu finden ? Man muss ja auch von etwas leben.

Gigerenzer: Wer sagt denn, dass man nichts damit verdienen kann, wenn man seinen großen Zielen folgt? In der Wissenschaft kann man das als Doktorand oder Postdoc tun – auch in der Krise. Und ein Unternehmen wird sich immer für jemanden entscheiden, der seine Energie in Ideen und Projekte steckt, nicht aber für jemanden, der sich grämt und sorgt. Wenn Sie sich für etwas wirklich begeistern, sich kompetent machen, sich vernetzen, haben Sie eine ganz andere Ausstrahlung. Mit der überzeugen Sie auch Arbeitgeber . Vor allem aber werden Sie innerlich unabhängiger.

ZEIT CAMPUS: Wie meinen Sie das?

Gigerenzer: Wer sich für etwas einsetzt, das ihm viel bedeutet, gewinnt daraus große innere Kraft. Seine Zufriedenheit hängt dann nicht mehr allein an der Arbeitsmarktsituation. Solche Menschen gehen entspannter mit Unsicherheit um. Und sie sind nicht so gefährdet, sich von aktuellen Stimmungen beeinflussen zu lassen. Können Sie sich noch an Ehec erinnern, an die Schweinegrippe oder an Sars ? Davon redet heute keiner mehr.

ZEIT CAMPUS: Die aktuelle Krise macht nicht den Eindruck, als werde man sie schnell vergessen.

Gigerenzer: Das ist im Moment so. Aber kommen Sie mal in drei Jahren wieder. Da werden die Themen, die die Menschen beunruhigen, mit großer Wahrscheinlichkeit ganz andere sein.

ZEIT CAMPUS: Sie meinen, am Ende geht stets alles gut aus?

Gigerenzer: Das nicht. Aber wir haben die Tendenz, uns sehr schnell verunsichern zu lassen, wenn die Medienberichterstattung oder die Stimmung in unserem Umfeld in eine Richtung geht.

ZEIT CAMPUS: Eine verbreitete Meinung ist derzeit: Wer in diesen Zeiten eine unbefristete Stelle ergattert, ist ein Glückspilz. Sollte man unbefristete Angebote befristeten immer vorziehen ?

Gigerenzer: Ich würde spannende Angebote den weniger spannenden vorziehen, ganz egal, ob sie befristet sind oder nicht.

ZEIT CAMPUS: Manchmal weiß man nicht genau, welches von zwei Angeboten man reizvoller findet. Hilft dann eine Pro-und-Contra-Liste?

Gigerenzer: Wie wollen Sie die denn machen?