Berufswahl : »Ängste helfen nicht!«

Der Psychologe Gerd Gigerenzer sagt, warum der Berufsstart in Zeiten der Schuldenkrise niemanden verunsichern muss.

ZEIT CAMPUS: Herr Gigerenzer, Sie sind Experte für den Umgang mit Unsicherheit. Viele Absolventen fürchten, dass die aktuelle Krise ihren Berufseinstieg erschwert. Zu Recht?

Gerd Gigerenzer: Ängste mögen verständlich sein, aber sie helfen nicht weiter. Man sollte nicht auf die vermeintliche Bedrohung starren. Wer auf etwas starrt, wird selber starr.

ZEIT CAMPUS: Was kann man denn tun?

Gigerenzer: Wechseln Sie die Perspektive. Entwickeln Sie sich weiter, seien Sie neugierig! Fragen Sie sich: Gibt es eine Vision, für die ich leben möchte? Etwas, worauf ich mit Stolz zurückschauen kann, wenn ich alt bin? Und dann vernetzen Sie sich mit Menschen, die an dem gleichen Ziel arbeiten.

ZEIT CAMPUS: Aber erst mal geht es doch darum, einen Job zu bekommen. Und nicht um Visionen.

Gerd Gigerenzer

Der Psychologe Gerd Gigerenzer ist seit 1997 Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Gigerenzer: Diese Haltung regt mich, ehrlich gesagt, ein bisschen auf. Wer heute die Universität verlässt, ist in der Lage, etwas weiterzugeben. Absolventen in Deutschland haben so viele Ressourcen: Sie sind jung, gebildet und leben in einem wohlhabenden Land mit weit entwickelten sozialen Sicherungssystemen. Aber bitte, wenn jemand lieber jammert und sagt: »Wie schwer habe ich es doch, weil gerade alles so unsicher ist«, kann er das tun.

ZEIT CAMPUS: Was ist falsch an dem Wunsch, einen guten und sicheren Job zu finden ? Man muss ja auch von etwas leben.

Gigerenzer: Wer sagt denn, dass man nichts damit verdienen kann, wenn man seinen großen Zielen folgt? In der Wissenschaft kann man das als Doktorand oder Postdoc tun – auch in der Krise. Und ein Unternehmen wird sich immer für jemanden entscheiden, der seine Energie in Ideen und Projekte steckt, nicht aber für jemanden, der sich grämt und sorgt. Wenn Sie sich für etwas wirklich begeistern, sich kompetent machen, sich vernetzen, haben Sie eine ganz andere Ausstrahlung. Mit der überzeugen Sie auch Arbeitgeber . Vor allem aber werden Sie innerlich unabhängiger.

ZEIT CAMPUS: Wie meinen Sie das?

Gigerenzer: Wer sich für etwas einsetzt, das ihm viel bedeutet, gewinnt daraus große innere Kraft. Seine Zufriedenheit hängt dann nicht mehr allein an der Arbeitsmarktsituation. Solche Menschen gehen entspannter mit Unsicherheit um. Und sie sind nicht so gefährdet, sich von aktuellen Stimmungen beeinflussen zu lassen. Können Sie sich noch an Ehec erinnern, an die Schweinegrippe oder an Sars ? Davon redet heute keiner mehr.

ZEIT CAMPUS: Die aktuelle Krise macht nicht den Eindruck, als werde man sie schnell vergessen.

Gigerenzer: Das ist im Moment so. Aber kommen Sie mal in drei Jahren wieder. Da werden die Themen, die die Menschen beunruhigen, mit großer Wahrscheinlichkeit ganz andere sein.

ZEIT CAMPUS: Sie meinen, am Ende geht stets alles gut aus?

Gigerenzer: Das nicht. Aber wir haben die Tendenz, uns sehr schnell verunsichern zu lassen, wenn die Medienberichterstattung oder die Stimmung in unserem Umfeld in eine Richtung geht.

ZEIT CAMPUS: Eine verbreitete Meinung ist derzeit: Wer in diesen Zeiten eine unbefristete Stelle ergattert, ist ein Glückspilz. Sollte man unbefristete Angebote befristeten immer vorziehen ?

Gigerenzer: Ich würde spannende Angebote den weniger spannenden vorziehen, ganz egal, ob sie befristet sind oder nicht.

ZEIT CAMPUS: Manchmal weiß man nicht genau, welches von zwei Angeboten man reizvoller findet. Hilft dann eine Pro-und-Contra-Liste?

Gigerenzer: Wie wollen Sie die denn machen?

Verlagsangebot

Der ZEIT Stellenmarkt

Jetzt Jobsuche starten und Stellenangebote mit Perspektive entdecken.

Job finden

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Gerd Gigerenzer

Ehrlich gesagt wird mir dieser Arroganz schlecht: Ein Beamter, dessen Generation uns unbezahlbare Schulden hinterlassen hat, dessen Generation in den aktuellen Machtpositionen die Bildung kürzt und dessen Generationspolitiker überdeutlich und den klaren Marschbefehlt zu einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gegeben haben, dieser Beamte erzählt uns was von Spass und Lustigkeit.

Aber natürlich doch, die Absolventen machen Praktikas weil sie das für sicher halten. Und die Absolventen haben drastisch keine Kinder weil sie keine Lust dazu haben. Und sie arbeiten für 2000-2500€ weil sie in diesen Zeit-Job freier sind...

Es ist einfach nur noch entsetzlich wie die Eliten die Massen entpflücken und am Ende denen auch noch die Schuld zuschieben.

Wie wäre es damit: Jeder Studienanfänger erhält pauschal einen Investitionskredit von 100.000€ zu 0%. Sämtliche Gesetze werden radikal gekürzt, sämtliche Insitute erhalten keine Staatsaufträge mehr und Kammern etc. beseitigt.

[...]

Das Problem ist doch einfach es gibt zuviel "Dienstleistung" als Verwaltung, Makler, Beamte, etc.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ag

2000 Euro?

Wäre nach 600 Absagen wirklich ein Traum! Aber man findet als Akademiker nicht mal einen 400-Euro-Job heutzutage! Ich wäre soooo dankbar, wenn einen mal einer einstellen würde, aber diese überzogenen Anforderungen, die manche Arbeitgeber stellen, sind einfach nur krank!

Kein Wunder, dass man nach Jahren der Suche trotz Diplom (unter den Jahresbesten) nur eine Vollzeitstelle für 700 Euro brutto erhält. Was ist hier nur los?!

Beamter

Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition

"Ich würde spannende Angebote den weniger spannenden vorziehen, ganz egal, ob sie befristet sind oder nicht."

Das sagt ausgerechnet ein Beamter. Gebt dem Mann einen befristeten Job, am besten bei einer Zeitarbeitsfirma.

Wein trinken und Wasser predigen, darauf kann ich verzichten.

Und Beamte können nicht wahr sprechen?

Es ist doch völlig egal, was der Mann von Beruf macht, in welcher Position er sitzt und wie seine persönliche Geschichte aussieht: Wahr ist, dass Arbeit glücklich machen muss. Sei es über den finanziellen Anreiz (das funktioniert nur kurzfristig), sei es über das Erreichen persönlicher Ziele (klappt auch nur bis zum Erreichen dieser) oder am besten über die Arbeit an sich. Wenn mir mein Job Spaß macht, dann kann ich ihn am besten erfüllen. Wenn ich hingegen um der vermeintlichen Sicherheit Willen eine unbefristete aber stinklangweilige Stelle habe, dann kann ich mich ob der Depressionen in einigen Jahren auch gleich begraben lassen. Da helfen alle Benefits, sicheren Aussichten und Boni kein Bisschen weiter.
Ob das Ganze nun über befristete Verträge, eine Zeitarbeitsfirma, die für Abwechslung sorgt, oder die unbefristete Anstellung in einem so großen Unternehmen erfolgt, welches die Abwechslung und Herausforderung auch intern bietet, ist jedem selbst überlassen und nicht unwesentlich von Glück un Zufall abhängig. Ebenso kann ich in einem Vorstellungsgespräch nicht glaubhaft versichern, dass ich die Stelle der Arbeit wegen haben möchte, wenn mich die Ausschreibung schon langweilt.

Von daher: Glück und Sicherheit haben höchstens am Rande miteinander zu tun!

Disclaimer: Ich bin keineswegs in der Position, Wein trinkend aus einer sicheren Stelle heraus Wasser predigen zu können, sondern selbst ein naturwissenschaftlich gebildeter und promovierter Akademiker auf Stellungssuche.

Teilweise falsch

Schön, wie wieder aus angenommenen Tatsachen Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Und nein, Kinder hab ich keine, aber mit meiner Frau sind welche in Planung.

Dennoch bin ich der Ansicht, dass ich ein deutlich besserer Vater sein kann, wenn ich meinen Kindern vorlebe, was ich Ihnen predige. Und das ist definitiv nicht: "Mach, was alle anderen von Dir wollen", sondern glasklar: "Mach, was am besten für Dich ist".

Ich sehe an all den jungen Familien um mich herum, wie ich es auf keinen Fall haben möchte: Relativ gutes Einkommen, mehr oder weniger sicherer Job, furchtbar frustriert vom Leben und in einem besonders miesen Fall nur noch wegen der Kinder zusammen. Hätte sich in dem Fall beide selbst verwirklicht, anstatt auf Biegen und Brechen die scheinbar perfekte Familie herbeizaubern zu wollen, es wäre allen Beteiligten viel Ärger erspart geblieben.

Nein, da halte ich es doch lieber mit dem kölschen Grundgesetz: Es es, wie et es, et kütt, wie et kütt, un' et hätt no' immer jot jejange!

Das mag egoistisch klingen, die Vergangenheit und Gegenwart meiner Umgebung zeigt jedoch, dass es so falsch nicht sein kann. Die, die tun was sie wollen, sind die glücklichsten!

So falsch lag ich nicht,

warten Sie, bis sie Kinder haben, dann sieht die Welt ganz anders aus, auch wenn Sie es mir jetzt nicht glauben.

Im Übrigen, ich weiss nicht warum Sie sich gern von Leuten wie Gigerenzer ausbeuten lassen, und wenn es schon notwendig ist, dass Sie sich darüber auch noch freuen. Warum nimmt denn Herr Gigerenzer keinen befristeten Job an, sondern wartet einfach auf seine Pension.

Gut Ding will Weile haben!

Das ist wohl ein aus der Erfahrung der Menschen gewachsener Rat. Ähnlich hörte ich das so: Zeit ist ein schlechtes Argument.

Man darf sich also nicht unter Druck setzen und setzen lassen.

"... Eine verbreitete Meinung ist derzeit: Wer in diesen Zeiten eine unbefristete Stelle ergattert, ist ein Glückspilz. ..."

Nun, darauf muss man mit Kurt Tucholsky antworten:"... Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird frech. ..." Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel Die Weltbühne, 14.10.1930, Nr. 42, S. 597. http://www.textlog.de/tuc...

Vielleicht beginnt man daher erst mit der Frage: Wie will ich arbeiten: Als Unternehmer, als Freiberufler, als Beamter oder Angestellter. Nun verbindet man diese Antwort mit den eigenen Wünschen und Stärken (was kann ich besonders gut, denn das weiß man als Abiturient auch schon) und berät sich mit Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden, Mitschülern, Lehrern, Bekannten und guckt in verschiedene Berufsbereiche rein.

Richtig an Gigerenzers Ausführungen ist sicherlich, dass man sich von Allgemeinplätzen losmachen muss, insbesondere von jenen, die eine Krisenstimmung verbreiten und Angst anstelle Mut machen. Wer entmutigt ist, traut sich nichts mehr zu. Zu den entmutigenden Allgemeinplätzen gehören auch die Kassandrarufe von angeblich brotlosen Berufs- oder Studiengängen.