»Er kann nicht mal singen!« Marinestabsoffizier George Stephen Morrison ist fassungslos. Sein Sohn James will sich keinen Job suchen, sondern lieber eine Band gründen. James Douglas Morrison, frisch graduierter Filmwissenschaftler, hat tatsächlich noch nie in seinem Leben gesungen, nicht mal Weihnachtslieder. Wenigstens hat er sein Studium abgeschlossen, wenn er schon nicht die Offizierslaufbahn eingeschlagen hat, wie es sich sein Vater gewünscht hätte.

Zu Schulzeiten war Jim Morrison noch der folgsame Sohn: sensibel, mollig, sogar Klassensprecher. Doch bald beginnt er, gegen die Dominanz seines Vaters aufzubegehren. »Ich schreibe nur gute Noten, damit ihr in eurem Bridge-Club damit angeben könnt«, schreit er seine Eltern an. Später zieht er zu seinen abstinenten Großeltern nach Florida, die er mit Alkoholexzessen schockiert. Lehrer und Mitschüler ärgert er mit obszönen Collagen, die er aus Comics anfertigt. Schon früh zeigt sich seine Ablehnung gegenüber Autoritäten, die später zum Treibstoff seiner Karriere wird.

Jim Morrison besucht diverse Vorlesungen in St. Petersburg, Florida, und wechselt 1961 an die Florida State University nach Tallahassee. Er liest alle Bücher, die er bekommen kann, von Camus bis Joyce, von den Existenzialisten bis zu den Beat-Autoren. Besonders fasziniert ist er von der radikalen Philosophie Nietzsches, die auch seine Gedichte und späteren Songs prägen wird. Mitstudenten gegenüber prahlt er mit seiner Belesenheit: Er stellt sich vor ein Bücherregal, fordert sie auf, aus irgendeinem Buch vorzulesen, woraufhin er ohne zu zögern Titel und Autor nennt. Für ein Seminar über »Kollektives Verhalten: Die Psychologie der Massen« entwickelt Morrison sogar eine Theorie, die ermöglichen soll, die sexuellen Neurosen einer Menschenmenge gezielt zu behandeln. Der Professor ist begeistert, allerdings weigern sich Morrisons Kommilitonen, die Theorie zu testen. Einige halten ihn für brillant, die meisten aber für exzentrisch, gewalttätig oder einfach verrückt. Morrison fliegt aus Studentenheimen, verliert seinen Aushilfsjob in der Bibliothek und setzt im Vollrausch das Auto seines Zimmergenossen gegen einen Telegrafenmast.

Nach ein paar Semestern beschließt Morrison, nicht Schriftsteller oder Soziologe, sondern Filmemacher zu werden. Gegen den Willen seiner Eltern schreibt er sich an der Filmabteilung des Lehrstuhls für Theaterwissenschaften an der University of California in Los Angeles ein. Seine Professoren sind Regisseure wie Jean Renoir und Josef von Sternberg; einer seiner Kommilitonen ist Francis Ford Coppola

Seine Uni hat einen guten Ruf – was ihn nicht davon abhält, seinen eigenen gründlich zu ruinieren. Einmal pinkelt er zwischen die Bücherregale, ein anderes Mal erklimmt er einen Turm auf dem Campus, zieht sich nackt aus und verstreut seine Kleidung. Er beschäftigt sich intensiv mit diversen Drogen, aber auch mit Filmtheorie. Seine Gedanken dazu erscheinen später in einem Gedichtband. Morrison gilt als begabter, aber schlampiger Student, der selten etwas fertig bekommt. Sein Abschlussfilm, in dem ein halb nacktes Mädchen und einige Nazis eine Rolle spielen, ist so schlecht geklebt, dass er bei der Vorführung reißt. Morrison erhält ein »Ungenügend« und bricht in Tränen aus. Trotzdem bekommt er 1965 sein Diplom – allerdings per Post, weil er lieber am Strand von Venice auf Droge Gedichte schreibt, als zur Abschlussfeier zu gehen.

In Venice trifft Morrison den Musiker und Exkommilitonen Ray Manzarek, dem er seine Texte zeigt. Der Rest ist Legende. Manzarek ist begeistert und sagt: »Wir machen eine Rock-’n’-Roll- Band auf und verdienen Millionen!« Die ersten Auftritte absolviert Jim Morrison mit dünner Stimme und dem Rücken zum Publikum, mehr Dichter als Sänger. Doch die Leute sind hingerissen von diesem Adonis in Lederhose und seiner düsteren Poesie. The Doors werden zu Stars – und Morrison geht in seiner neuen Rolle als Sexsymbol auf. »Fick deinen Nächsten!« schreit er dem Publikum zu, und bezeichnet sich als »erotischen Politiker«. Doch je größer der Erfolg der Doors wird, desto mehr leidet er auch unter diesem Image und träumt davon, als Dichter oder Filmemacher zu arbeiten. Als Morrison wegen vermeintlicher Zurschaustellung seines Genitals verhaftet und die Band durch einen langen, kostspieligen Prozess zermürbt wird, geht er nach Paris. Er trinkt, schnupft Heroin, streicht bärtig und aufgedunsen durch die Straßen. Fremden erzählt er, er sei Dichter. Morrison stirbt 1971 in Paris – offiziell aufgrund von Herzversagen.

Viele seiner Fans glauben bis heute, dass Jim Morrison noch lebt und sich unerkannt als Schriftsteller in Europa aufhält. Wer weiß – vielleicht hat er einen Lehrauftrag an einer französischen Provinz-Uni, wo er modernen Schamanismus unterrichtet, Biogemüse anbaut, Joints raucht und sich über seine braven Studenten lustig macht.

Die Serie "Ehemaligenverein" erscheint im Magazin ZEIT Campus. Lesen Sie hier weitere Folgen.