BerufseinstiegEine Bombe entschärfen

Der Kampfmittelbeseitiger Daniel Bartel, 27, entsorgt seine erste Mine. Wird er das Leben anderer retten oder sein eigenes verlieren? von Leonie Achtnich

Ich stehe auf einer staubigen Landstraße in der Nähe von Kundus im Norden Afghanistans . Der gelbe Benzinkanister steckt vor mir in der Erde, kaum drei Meter von meinem Gesicht entfernt. Er ist gefüllt mit etwas, das aussieht wie weißes Pulver – Sprengstoff, gut 25 Kilo. Ich weiß nicht, wer die Bombe gebaut hat. Vielleicht hockt ein Talib hinter einer Straßenecke und tippt die letzte Ziffer in sein Handy, Fernzünder, dann geht das Ding hoch und reißt mich in Fetzen. Ich hätte nicht mal Zeit für einen Gedanken an den Garten meiner Eltern oder daran, wie jammervoll es ist, nicht in einem Stück nach Hause zu kommen. Bei dieser Entfernung kann einen kein Schutzanzug retten, und schon gar nicht die einfache sandfarbene Militäruniform, die ich an dem Tag trage. Ich schaue genauer hin und sehe die Sprengschnur, ein Gummikabel, das ordentlich zusammengerollt auf dem Kanister liegt. Meine Hände zittern.

Für Kampfmittelbeseitiger gibt es kein Reinschnuppern. Entweder man ist der Bombenentschärfer, oder man ist einer von den Soldaten, die in sicherer Entfernung warten. Bevor ich Kampfmittelbeseitiger wurde, war ich einer von denen. Ich habe Lkw mit Munition gefahren. Dabei kam ich häufig ins Gespräch mit Feuerwerkern, so nennt man Bombenentschärfer im Militärjargon. Einen spannenderen Beruf konnte ich mir nicht vorstellen, ich mochte Raketen und Explosionen, Silvester war immer mein liebstes Fest. Aber ich wusste auch, was Sprengstoff anrichten kann, wenn er als vergessene Mine darauf wartet, dass zum Beispiel ein Kind einen falschen Schritt tut. Um das zu verhindern, bin ich Kampfmittelbeseitiger geworden.

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Ich knie im Staub von Afghanistan vor 25 Kilo Sprengstoff. In der Ausbildung habe ich genau gelernt, wie eine Bombe aufgebaut ist. Aber improvisierte Sprengsätze sind kreative Meisterleistungen. Alles kann dafür genutzt werden: Plastikflaschen und Kanister; Kabel; spitze Steine, Nägel, Metallsplitter; ein Handy als Fernzünder. Man kann die Bombe im Boden vergraben, in den Baum hängen, im Auto verstecken. Der Auslöser kann der Zigarettenanzünder sein, eine Erschütterung oder ein Stromkreis. Jeder Sprengsatz ist ein Rätsel, und ich habe nur ein paar Minuten, um die Lösung zu finden. Entscheide ich richtig, rette ich anderen das Leben. Entscheide ich falsch, verliere ich mein eigenes. Denn das jetzt ist keine Übung mehr. Die Bombe, die vor mir liegt, ist echt.

Eigentlich müsste ich vor Angst verrückt werden. Doch die Nervosität kommt nicht. Ein paar Sekunden vergehen, und ich bin immer noch am Leben, ich spüre immer noch dieselbe trockene Hitze und sehe immer noch die sandfarbenen Hügel. Meine Hände zittern, aber sie zittern nicht vor Angst, sondern von der Anstrengung, als ich mit der Spitzhacke den Boden aufbreche. Mein Herz schlägt ganz ruhig. Ich verstehe nicht, warum. Vielleicht ist das einfach meine Persönlichkeit.

Mein Kollege bringt mir das Seil, und ich knie neben der Grube und binde es vorsichtig an den Henkel des Kanisters. Wir haben den Auslöser der Bombe nicht gefunden, er liegt normalerweise oben auf der Sprengschnur. Ohne Auslöser kann die Bombe nicht hochgehen. Vielleicht ist er unter dem Kanister verborgen. Die Fantasie der Terroristen kennt keine Grenzen. Einmal war eine selbst gebaute Mine in einem Baum angebracht, eine Dose mit Sprengstoff und Splittern darin. Wir haben sie nicht entdeckt und sind daran seelenruhig vorbeigefahren. Wir hatten einfach Glück, dass die Mine nicht gezündet hat. Ein anderes Mal jedoch habe ich einen Kameraden verloren. Er wurde bei einem Selbstmordattentat von einem Mann mit Sprengstoffweste in den Tod gerissen.

Ich ziehe vorsichtig an dem Seil, und der Kanister setzt sich in Bewegung. Wenn der Zünder unter dem Sprengstoff versteckt ist, wird es gleich sehr laut. Aber darunter ist nur sandige, staubige Erde. Wir tragen den Kanister zur Seite, um ihn später auf freiem Feld zu sprengen. Dann winken wir die Soldaten heran, die auf der anderen Seite einer kleinen Brücke in sicherem Abstand gewartet haben.

Am Abend sagt ein Kollege: »Du kannst stolz sein, dass du ruhig geblieben bist.« Das ist ein gutes Gefühl. Im kommenden Jahr werde ich wieder als Bombenentschärfer in Afghanistan arbeiten. Ich weiß, dass ich nicht durchdrehen werde, egal, was passiert. Nur eines wird diesmal anders sein: Meine Freundin weiß jetzt, wie gefährlich dieser Beruf ist, und ist krank vor Sorge.

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Leserkommentare
    • Panic
    • 24. Januar 2012 10:23 Uhr

    Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen. Auch ich finde Sylvester sehr interessant, allerdings ist mir der hier beschriebene Beruf überhaupt nicht sympathisch. Ich versuche gerade mit zittrigen Fingern die Tasten auf meinem Laptop zu treffen. Mein Respekt vor dem Mann und seiner Arbeit.

    Hier mal ein Video von einem Bombenentschärfer in Thailand, der trotz Explosion mit ein paar Kratzern überlebt. Wohl ein Einzelfall mit einem eigenen Schutzengel.

    http://www.youtube.com/wa...

    Gruss

  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    • ao6869
    • 24. Januar 2012 11:37 Uhr

    Sehr unwitzig und geschmacklos :-(

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Komisch, ich dachte das muss der Ort für schlechte Witze sein. Der Artikel, überschrieben mit "Berufseinstieg", steht in der Kategorie "Studium" im Unterpunkt "Uni-Leben".

  2. Komisch, ich dachte das muss der Ort für schlechte Witze sein. Der Artikel, überschrieben mit "Berufseinstieg", steht in der Kategorie "Studium" im Unterpunkt "Uni-Leben".

    Antwort auf "@ freemedia12"
  3. Man mag vom Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr halten, was man will. Gleichzeitig sollte man aber zur Kenntnis nehmen, dass die deutschen Soldaten, die in Kundus täglich Leben und Gesundheit riskieren, von einer von der Mehrheit gewählten Regierung dorthin geschickt wurden – ob es einem persönlich passt oder nicht. Wenn sie dann nicht selten traumatisiert zurückkommen, schlägt ihnen von Vielen eine Haltung in der Art von “Mir egal, ich find’s nämlich eh daneben, was ihr da unten macht” entgegen. Und das ist schäbig.

    Deshalb: Danke, Herr Bartel, für Ihren Dienst. Alles andere habe ist in Form von politischer Beteiligung zu klären.

    3 Leserempfehlungen
  4. Was für ein Blödsinn, dann geht man den Sprengsatz mit einer Schlagladung an um ihn auszulösen anstatt die eigene Sicherheit zu gefährden und wartet in Sicherheit bis die lange Lunte erst die Schlagladung und dann sukzessive das improvisierte Kampfmittel auslöst.

    • AKONIT
    • 16. Februar 2013 16:33 Uhr

    aber vollen Respekt vor diesen Soldaten und Feuerwerkern.
    Ich habe Marinetaucher kennen gelernt, die Seeminen bargen, entschäften, aufsägten und als Trophäe in die Messe hingen - schaurig.
    Wir haben ihnen aber gute Schiffe dafür gebaut.

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  • Serie Das erste Mal
  • Schlagworte Henkel | Afghanistan | LKW | Mine | Munition | Soldat
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