AlkoholkonsumMüssen alle mittrinken?

Eine Freundin des Exzesses und ein Abstinenzler diskutieren über Alkohol von Justus Bender und Nora Gantenbrink

Alkoholkonsum

Alkohol gehört in dieser Gesellschaft dazu. Wer nicht mittrinkt, wird oft für seltsam oder langweilig gehalten.  |  © photocase/madochab

Nora Gantenbrink, 25, kennt Schützenfeste nicht nur vom Hörensagen

Wenn ich am Wochenende aus der Haustür trete, spiele ich manchmal Kotzpfützenhüpfen. Ich wohne in einer Nebenstraße der Reeperbahn. Von meiner Fußmatte bis zur S-Bahn-Station liegen Alkoholleichen , Kondome, Kackhaufen. Trotzdem trinke ich gerne.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich das tue. Alle Gründe, aus denen ich und meine Freunde am Wochenende Alkohol trinken, werden gesellschaftlich verachtet. Kontrollverlust. Unbeschwertheit. Ausbruch. Aber genau darin liegt etwas, das ich am Alkoholkonsum schätze: Der Exzess hat etwas Menschliches. Denn er offenbart Schwäche. Er bringt Willensstarke zum Weinen und lässt die ewig Kontrollierten ihre Ärsche zeigen.

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Leute, die auf Partys keinen Alkohol trinken, sind mir suspekt, weil sie so stark erscheinen. Sie haben Disziplin. Sie sind die Kontrolleure. Schlimmstenfalls sagen die Kontrolleure: »Jetzt ist aber genug.« Und um halb eins: »Willst du mit uns nach Hause fahren?« Ich denke mir dann: Warum nach Hause fahren? Warum nicht noch einen Gin Tonic trinken, der die Nacht verlängert und die Füße tanzen lässt? Warum zum Teufel die Menschheit nicht mal schwächeln lassen? Manchmal denke ich auch: Die Abstinenzler haben Angst. Denn Alkohol macht nackt.

ZEIT Campus 1/2012
ZEIT Campus 1/2012

Ich bin mal mit einem Kommilitonen nach einer Party nach Hause gegangen. Wir haben Dosenbier von der Tanke geholt und auf seiner Couch weitergeredet. Wir waren betrunken. Kurz vor Sonnenaufgang erzählte er mir, dass sein Vater einen Schlaganfall erlitten hat, als er für ihn einen Kühlschrank in seine WG getragen hat. Der Vater starb, begraben unter dem Kühlschrank.

Ich bin im Hellen heim und habe gedacht, dass Alkohol die Abgründe nach außen kehrt. Beim Pfützenhüpfen denke ich manchmal an die Geschichte der Kotze auf dem Asphalt. Sie interessiert mich sehr.


Justus Bender, 30, hat noch nie getrunken. Nur Erkältungssaft.

Ich trinke keinen Alkohol, generell nicht, nie. Nein, ich bin kein trockener Alkoholiker. Doch, es gibt Menschen, die es nicht als Glück empfinden, lallend herumzutorkeln, mit Fremden total touchy zu werden und jedem, der nicht tanzt, ins Ohr zu brüllen: »Eywasnlos ... machdochma PARTY jetz!!!«

Es ist nicht einfach, in unserer Gesellschaft nicht zu trinken . Man muss sehr viele Fragen beantworten. Manche Menschen begegnen Abstinenzlern wie mir mit ehrlicher Sorge: »Ich hab gehört, du trinkst nicht – alles okay? Hat dein Vater dich immer mit dem Gürtel durch die Wohnung gejagt, wenn er betrunken vom Kiosk kam?« Andere stellen Fragen wie aus dem Untersuchungsprotokoll einer psychiatrischen Klinik: »Könnte deine Abstinenz auf eine tief im Unterbewusstsein verankerte Furcht vor Kontrollverlust hindeuten?« Nein. Nein! Nein!!! Ich mag den Geschmack und die Wirkung einfach nicht, das ist alles!

Wieder andere wittern in meiner Weigerung so etwas wie einen Vorwurf und reagieren fast wütend: »Du Spaßbremse, jetzt nimm einfach das Bier, okay?« Alkohol ist eine Volksdroge in Deutschland, wie das Kat bei den Somalis und das Jungfernkraut bei den Mazateken. Ja, richtig: Alkohol ist eine Droge! Man stelle sich einmal vor, wie es wäre, jemanden zu fragen, der eine Heroinspritze ablehnt: »Du nimmst kein Heroin? Noch nie? Krass. Wovor hast du denn Angst? Du Langweiler, nimm einfach die Spritze, okay?«

Das Kranke an unserer Gesellschaft sind nicht die besoffenen Hooligans, die depressiven Säufer, die Lebergeschädigten und die Unfalltoten. Das Kranke ist, dass jemand wie ich seine Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken, begründen muss. Der einzige Grund, den ich deshalb als Argument für den Alkohol gelten lasse, sind die Betrunkenen selbst: Ihre Fragerei ist nüchtern kaum zu ertragen.


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Leserkommentare
  1. In meinem Studium hatte ich unter vielen Bekannten auch drei Freunde, die keinen Alkohol getrunken haben, einer aus sportlichen und einer aus beruflichen Gründen. Der letzte hatte einmal schlechte prägende Erfahrungen gemacht. Wenn wir gemeinsam mit denjenigen, die getrunken haben, unterwegs waren, war es völlig unproblematisch, weil die Jungs auch ohne Alkohol ausgelassen waren. Der Artikel suggeriert, man entscheide sich entweder pro Alkohol und damit pro Spaß oder contra Alkohol und damit contra Spaß. Dazwischen gibt es aber auch noch etwas.
    Wer meint, dass Ausgelassenheit akzessorisch zum Alkoholkonsum sein müsse, hat meines Erachtens ein echtes Problem.

    15 Leserempfehlungen
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    • xpeten
    • 13. Dezember 2011 21:37 Uhr

    Ich glaub ich spinne. Das sehe ich aber genau andersherum.

    Jeder kennt irgendwoher Alkoholiker, die sich die Leber weggesoffen haben oder die ihre Kinder verprügeln, ihre Familie zerstört oder den Job verloren haben, jeder weiß, dass die Folgekosten des Alkoholismus in Deutschland viele Milliarden betragen, und leider will kaum einer wissen, dass das Suchtpotential von Alkohol dem von Heroin kaum nachsteht.

    Aber das würde ja auch die Partystimmung der Zielgruppe "immer gut drauf" vermiesen. Und man könnte ja auch nicht mehr mit dem Finger auf die paar asozialen Junkies zeigen, die jedes Jahr den Löffel abgeben. Tote Alkoholoker gibts ca. 1.000 mal mehr. Lachhaft.

    Leute sauft, wieviel ihr wollt, alleine oder in Gesellschaft - und seid stolz drauf.

    Andere sind lieber stolz dauf, dass sie genügend Selbstwertgefühl haben, sich von der gefährlichen Suchtdroge Alkohol, die kaum ein Säufer lange kontrollieren kann, nicht vereinnahmen zu lassen.

    • Blaargh
    • 13. Dezember 2011 11:31 Uhr

    I'm a person just like you
    But I've got better things to do
    Than sit around and fuck my head
    Hang out with the living dead
    Snort white shit up my nose
    Pass out at the shows
    I don't even think about speed
    That's something I just don't need

    I've got the straight edge

    I'm a person just like you
    But I've got better things to do
    Than sit around and smoke dope
    'Cause I know I can cope
    Laugh at the thought of eating ludes
    Laugh at the thought of sniffing glue
    Always gonna keep in touch
    Never want to use a crutch

    I've got the straight edge

    Eine Leserempfehlung
  2. Bender spricht genau meine Meinung aus. Ich trinke auch nie Alkohol und die wenigsten Menschen scheinen damit klar zu kommen. Ich meine, als ob das ein Problem wäre. Würden alle Cola trinken und ich Fanta, wärs jedem egal. Aber wenn alle Bier trinken und ich Fanta, muss ich ja ein Spinner sein. Wenn ich sage, dass mir der Geschmack einfach nicht schmeckt (genauso wie Kaffee übrigens, ist mir alles zu bitter), dann werde ich pseudo-bemitleidet, als würde man einem Kleinkind erklären wollen, dass Cola nur was für die Großen ist.

    Willkommen im toleranten Westen.

    Diese Nora übrigens erscheint mir als die typische Partygängerin, die eines Tages ihre nackten Brüste auf Facebook wiederfindet und von allen Jungs aus dem Bekanntenkreis drauf angesprochen wird. Ich wünsche ihr das sicher nicht, aber es wäre mal wieder ein typisches Beispiel unserer Party-"Gesellschaft".

    7 Leserempfehlungen
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    Sie sprechen von der Intoleranz der Alkoholfreunde und sprechen im nächsten Absatz direkt von den typischen Beispielen unserer Partygesellschaft? In meinem Bekanntenkreis gibts es nicht einen, der Nacktbilder (nüchtern oder betrunken) bei Facebook hat.

    Wenn Sie nicht zu den typischen antialkoholischen Miesmachern gezählt werden wollen (zu Recht), dann stecken Sie doch bitte andere nicht in die Kategorie "typische Partygänger mit Nacktbildern auf Facebook".

    …vielleicht aber auch kaum noch eingeladen.
    Alkohol schmeckt mir nicht ist doch kein Argument, schon gar nicht wenn sich der zweite Abschnitt ihres Textes nur noch mit dem Kontrollverlust von Nora beschäftigt, der ja äußerst peinlich enden kann.
    Wenn Alkohol besser schmecken würde, würden Sie doch auch kein Alkohol trinken, oder doch?
    Ein bisschen mehr Ehrlichkeit für den Grund der eigenen Alkoholabstinenz wäre schon wünschenswert.

    Sie bemängeln die fehlende toleranz im bitterpösen "westen" und bringen selbst keine auf für einen menschen der andere gewohnheiten hat wie sie. das naennt man "heucheln".

    • Yulivee
    • 13. Dezember 2011 11:55 Uhr

    tut mir ein bisschen Leid, wenn sie wirklich nur Spaß haben kann, wenn sie betrunken ist.

    Ich trinke auch nicht. Und die ewige Fragerrei nach den Gründen nervt wirklich gewaltig. Ich biete mich immer schon als Fahrerin an. So kann ich wenigstens sagen "Wenn ich autofahre trinke ich keinen Alkohol". Selbst nach diesem wirklich guten Grund wird mir dann gesagt "Aber von 1 oder 2 Bierchen wird man doch nicht betrunken."...

    Wieso muss ich mich rechtfertigen, wenn ich keinen Alkohol mag (schmeckt mir einfach nicht)?
    Ich kann nämlich auch nüchtern feiern. Der Spaß endet erst dann, wenn alle zu betrunken werden und das überhaupt nicht merken.

    12 Leserempfehlungen
  3. Ich bin keiner der blöde nachfragt wenn jemand nichts trinken möchte. Aber ich möchte darauf nicht verzichten und ich möchte im Gegenzug auch nicht zur "Generation Alkohol" (siehe d. gleichnamigen Leserartikel) gestopft werden.

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    Es ist die eigene Entscheidung, zu welchem Teil seiner Generation man gehört. Nicht durch möchten, sondern durch konkludentes Handeln.

  4. Sie sprechen von der Intoleranz der Alkoholfreunde und sprechen im nächsten Absatz direkt von den typischen Beispielen unserer Partygesellschaft? In meinem Bekanntenkreis gibts es nicht einen, der Nacktbilder (nüchtern oder betrunken) bei Facebook hat.

    Wenn Sie nicht zu den typischen antialkoholischen Miesmachern gezählt werden wollen (zu Recht), dann stecken Sie doch bitte andere nicht in die Kategorie "typische Partygänger mit Nacktbildern auf Facebook".

    9 Leserempfehlungen
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