Alkoholkonsum Müssen alle mittrinken?

Eine Freundin des Exzesses und ein Abstinenzler diskutieren über Alkohol

Alkohol gehört in dieser Gesellschaft dazu. Wer nicht mittrinkt, wird oft für seltsam oder langweilig gehalten.

Alkohol gehört in dieser Gesellschaft dazu. Wer nicht mittrinkt, wird oft für seltsam oder langweilig gehalten.

Nora Gantenbrink, 25, kennt Schützenfeste nicht nur vom Hörensagen

Wenn ich am Wochenende aus der Haustür trete, spiele ich manchmal Kotzpfützenhüpfen. Ich wohne in einer Nebenstraße der Reeperbahn. Von meiner Fußmatte bis zur S-Bahn-Station liegen Alkoholleichen , Kondome, Kackhaufen. Trotzdem trinke ich gerne.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich das tue. Alle Gründe, aus denen ich und meine Freunde am Wochenende Alkohol trinken, werden gesellschaftlich verachtet. Kontrollverlust. Unbeschwertheit. Ausbruch. Aber genau darin liegt etwas, das ich am Alkoholkonsum schätze: Der Exzess hat etwas Menschliches. Denn er offenbart Schwäche. Er bringt Willensstarke zum Weinen und lässt die ewig Kontrollierten ihre Ärsche zeigen.

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Leute, die auf Partys keinen Alkohol trinken, sind mir suspekt, weil sie so stark erscheinen. Sie haben Disziplin. Sie sind die Kontrolleure. Schlimmstenfalls sagen die Kontrolleure: »Jetzt ist aber genug.« Und um halb eins: »Willst du mit uns nach Hause fahren?« Ich denke mir dann: Warum nach Hause fahren? Warum nicht noch einen Gin Tonic trinken, der die Nacht verlängert und die Füße tanzen lässt? Warum zum Teufel die Menschheit nicht mal schwächeln lassen? Manchmal denke ich auch: Die Abstinenzler haben Angst. Denn Alkohol macht nackt.

ZEIT Campus 1/2012

Ich bin mal mit einem Kommilitonen nach einer Party nach Hause gegangen. Wir haben Dosenbier von der Tanke geholt und auf seiner Couch weitergeredet. Wir waren betrunken. Kurz vor Sonnenaufgang erzählte er mir, dass sein Vater einen Schlaganfall erlitten hat, als er für ihn einen Kühlschrank in seine WG getragen hat. Der Vater starb, begraben unter dem Kühlschrank.

Ich bin im Hellen heim und habe gedacht, dass Alkohol die Abgründe nach außen kehrt. Beim Pfützenhüpfen denke ich manchmal an die Geschichte der Kotze auf dem Asphalt. Sie interessiert mich sehr.


Justus Bender, 30, hat noch nie getrunken. Nur Erkältungssaft.

Ich trinke keinen Alkohol, generell nicht, nie. Nein, ich bin kein trockener Alkoholiker. Doch, es gibt Menschen, die es nicht als Glück empfinden, lallend herumzutorkeln, mit Fremden total touchy zu werden und jedem, der nicht tanzt, ins Ohr zu brüllen: »Eywasnlos ... machdochma PARTY jetz!!!«

Es ist nicht einfach, in unserer Gesellschaft nicht zu trinken . Man muss sehr viele Fragen beantworten. Manche Menschen begegnen Abstinenzlern wie mir mit ehrlicher Sorge: »Ich hab gehört, du trinkst nicht – alles okay? Hat dein Vater dich immer mit dem Gürtel durch die Wohnung gejagt, wenn er betrunken vom Kiosk kam?« Andere stellen Fragen wie aus dem Untersuchungsprotokoll einer psychiatrischen Klinik: »Könnte deine Abstinenz auf eine tief im Unterbewusstsein verankerte Furcht vor Kontrollverlust hindeuten?« Nein. Nein! Nein!!! Ich mag den Geschmack und die Wirkung einfach nicht, das ist alles!

Wieder andere wittern in meiner Weigerung so etwas wie einen Vorwurf und reagieren fast wütend: »Du Spaßbremse, jetzt nimm einfach das Bier, okay?« Alkohol ist eine Volksdroge in Deutschland, wie das Kat bei den Somalis und das Jungfernkraut bei den Mazateken. Ja, richtig: Alkohol ist eine Droge! Man stelle sich einmal vor, wie es wäre, jemanden zu fragen, der eine Heroinspritze ablehnt: »Du nimmst kein Heroin? Noch nie? Krass. Wovor hast du denn Angst? Du Langweiler, nimm einfach die Spritze, okay?«

Das Kranke an unserer Gesellschaft sind nicht die besoffenen Hooligans, die depressiven Säufer, die Lebergeschädigten und die Unfalltoten. Das Kranke ist, dass jemand wie ich seine Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken, begründen muss. Der einzige Grund, den ich deshalb als Argument für den Alkohol gelten lasse, sind die Betrunkenen selbst: Ihre Fragerei ist nüchtern kaum zu ertragen.


 
Leser-Kommentare
    • -CKV-
    • 13.12.2011 um 19:35 Uhr

    Ich mag auch keinen Alkohol. Ich MAG ihn nicht, er schmeckt bitter. Manche sagen mir, dann solle ich halt Cocktails trinken, gesüßte Getränke etc. Trotzdem ist da der bittere Geschmack drin. Da trinke ich doch lieber direkt Cola, statt Cola mit Rum. Ich tue auch keine Komponente, die mir nicht schmeckt, in ein Gericht, dass mir schmeckt, nur damit die Komponente (also Alkohol) drin ist.

  1. 74. Soso..

    "Das Argument Alkohol schmeckt nicht ist nicht richtig weil er nach wirklich nix schmeckt"
    "...ich zB. trinke weil mir mein Bier/Cocktail/Whiskey eben schmeckt..."

    Und ich trinke es nicht, weil es mir nicht schmeckt!

    Sie kommen hier mit dem Argument, dass man Alkohol nicht schmeckt, schreiben aber, dass Sie Alkohol wegen des Geschmacks trinken. Ja was denn nun?

    Antwort auf "Gedanken..."
    • -CKV-
    • 13.12.2011 um 20:07 Uhr

    "Ethanol (auch Äthanol) ist eine bei Raumtemperatur farblose, leicht entzündliche Flüssigkeit mit der Summenformel C2H60. Die reine Substanz hat einen brennenden Geschmack und einen charakteristischen, würzigen Geruch."

    Also "schmeckt nach nichts" ist für mich etwas anderes. Außerdem habe ich schon Alkohol getrunken. Er schmeckt nach etwas.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Gedanken..."
    • sauce
    • 13.12.2011 um 20:27 Uhr

    Ich habe eine Tochter, die einfach keinen Alkohol mag.
    Sie trinkt nicht - und in ihrer Umgebung war das nichtmal ein Problem, als sie erst 18 war.
    Neue Bekannte sind wohl mal etwas erstaunt - aber es ist dasselbe Erstaunen, daß geäußert wird wenn ihre konsequente Abneigung gegen Obst jeglicher Art bekannt wird. Sie geht gerne aus, feiert jede Fete mit und verbringt etliche Nächte tanzenderweise in Clubs - völlig ohne Alk oder sonstige Drogen. Das tut ihrer Beliebtheit unter ihren Freunden keinen Abbruch und sie muß sich auch nicht rechtfertigen. Sie selber findet es auch nicht schlimm wenn ihre Freunde alle etwas angeschickert sind solange ihr niemand vor die Füße kotzt.

  2. ... handelt es sich auch um meine Form von Rücksicht: trockene Alkoholiker brauchen andere Umstände und Zuwendungen als Abstinenzler, denen es einfach nicht schmeckt. Mein Vater mag keine alkoholhaltigen Pralinen, er spuckt sie aus. Für einige meiner Freunde würde die angebotene Süßigkeit eine Herausforderung, wenn nicht Katastrophe bedeuten.
    Jeder trockene Alkoholiker würde sich zwar nach dem Inhalt erkundigen - aber muss ich ihn wirklich dazu zwingen?
    Es ist doch besser, wenn ich es vorher weiß.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nur mal nachfragen hat sicher niemand etwas.

    Was stört sind diese unpassenden, völlig entsetzten Reaktionen. "WAAAS? ECHT? Wie kann man denn so leben/feiern? Du Langweiler."
    Das stört. Wenn mich jemand fragt, antworte ich gerne.
    Wenn mir jemand dann aber trotzdem ein Drink aufdrängen möchte, ist das mehr als unpassend.

    nur mal nachfragen hat sicher niemand etwas.

    Was stört sind diese unpassenden, völlig entsetzten Reaktionen. "WAAAS? ECHT? Wie kann man denn so leben/feiern? Du Langweiler."
    Das stört. Wenn mich jemand fragt, antworte ich gerne.
    Wenn mir jemand dann aber trotzdem ein Drink aufdrängen möchte, ist das mehr als unpassend.

  3. 78. Gegen

    nur mal nachfragen hat sicher niemand etwas.

    Was stört sind diese unpassenden, völlig entsetzten Reaktionen. "WAAAS? ECHT? Wie kann man denn so leben/feiern? Du Langweiler."
    Das stört. Wenn mich jemand fragt, antworte ich gerne.
    Wenn mir jemand dann aber trotzdem ein Drink aufdrängen möchte, ist das mehr als unpassend.

    Antwort auf "Wenn ich nachfrage ..."
    • xpeten
    • 13.12.2011 um 21:37 Uhr

    Ich glaub ich spinne. Das sehe ich aber genau andersherum.

    Jeder kennt irgendwoher Alkoholiker, die sich die Leber weggesoffen haben oder die ihre Kinder verprügeln, ihre Familie zerstört oder den Job verloren haben, jeder weiß, dass die Folgekosten des Alkoholismus in Deutschland viele Milliarden betragen, und leider will kaum einer wissen, dass das Suchtpotential von Alkohol dem von Heroin kaum nachsteht.

    Aber das würde ja auch die Partystimmung der Zielgruppe "immer gut drauf" vermiesen. Und man könnte ja auch nicht mehr mit dem Finger auf die paar asozialen Junkies zeigen, die jedes Jahr den Löffel abgeben. Tote Alkoholoker gibts ca. 1.000 mal mehr. Lachhaft.

    Leute sauft, wieviel ihr wollt, alleine oder in Gesellschaft - und seid stolz drauf.

    Andere sind lieber stolz dauf, dass sie genügend Selbstwertgefühl haben, sich von der gefährlichen Suchtdroge Alkohol, die kaum ein Säufer lange kontrollieren kann, nicht vereinnahmen zu lassen.

    2 Leser-Empfehlungen
  4. ich weiß nicht. ich finde nicht, dass alkoholkonsumenten besser feiern können: sie kreischen einfach lauter, grölen, rempeln irgendwann unkontrolliert gegen die turntables vom dj oder die boxen, oder sie werden schläfrig und wollen kuscheln. wirklich tanzen (und nicht hypnotisiert stundenlang von einem bein aufs andre treten) tun die nüchternen: tanzen ist nämlich sport, und dazu muss man ein bißchen fit sein.
    für mich persönlich ist alkohol ein partykiller: man wird müde und langweilig, die nacht versumpft. aber alkohol macht halt mit jedem menschen was andres, je nach konstution. ich preferiere den körpereigenen chemiecocktail zum glücksrausch: funktioniert doch auch! eine nacht durchtanzen, schon ist alles bestens benebelt!

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