Studentenleben : Stoppt den Optimierungswahn!

Überall schneller, fitter, besser werden: Ist das wirklich erstrebenswert? Unsere Autorin hat es ausprobiert

Es ist noch früh am Morgen, als ich Angst bekomme. Da erklärt unser Coach, dass wir später alle noch die Hosen runterlassen werden. Wir, das sind elf Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München und ich. Wir sitzen im Halbkreis, Blöcke und Bleistifte vom Career Center auf den Knien, und beschäftigen uns mit den Grundlagen der Kommunikation. Freiwillig. Der Coach Michael blickt in erwartungsvolle Gesichter und fragt: »Was wollt ihr hier überhaupt noch lernen?« Die anderen sagen, sie wollten soziale Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen erwerben, ihre Emotionen in den Griff kriegen, erfahren, wie man besser kommuniziert und Konflikte löst.

Wer heute studiert, kümmert sich nicht nur um sein Fach. Die Uni ist ein Ort geworden, an dem man sich rundum optimieren kann. In Workshops von Career Services und Studentenwerken, in Kursen für »Berufsfeldorientierte Kompetenzen« und im Hochschulsport scheint alles trainierbar: von »Kommunikationsstärke« über »Zeitmanagement« oder »Team- und Konfliktfähigkeit« bis hin zu Auftreten und Ausstrahlung. Überall liegen Flyer von Firmen, Praktikumsbörsen und Messen. Unzählige Ratgeber bereiten auf das Berufsleben vor. Sie versprechen: Mit etwas Hilfe kann jeder im Traumjob durchstarten, Karriere machen, erfolgreich werden und glücklich.

Was bringen all diese Angebote? Machen sie einen wirklich zum perfekten Berufseinsteiger? Um das herauszukriegen, bin ich unterwegs. Der Plan: Ich optimiere mich eine Woche lang so umfassend wie möglich.

»Die Top-Kompetenzen, die die Unternehmen von Hochschulabsolventen erwarten, sind Einsatzbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, selbstständiges Arbeiten, Kommunikationsfähigkeit und Teamfähigkeit« – zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages von 2010. Das Training dieser sogenannten Soft Skills steht nach der Studie Workplace Survey von 2009 auch beim Großteil der Unternehmen im Mittelpunkt, wenn sie zukünftige Führungskräfte auf ihre späteren Aufgaben vorbereiten.

Zum professionellen Kommunizieren gehört, dass man Fragetechniken beherrscht, aktiv zuhört und Feedback gibt. Daran will Michael, den wir duzen sollen, heute mit uns arbeiten. Er trägt Jeans und Polohemd, verwendet Ausdrücke wie »irre geil« und »gequirlte Kacke« und haut sich mit einem Flipchartstift auf die Handinnenfläche, wenn er seinen Aussagen Nachdruck verleihen will.

Zwei Teilnehmer sitzen vor der Gruppe. Sie sollen ein streitendes Pärchen spielen und nur Ich-Aussagen treffen, statt sich zu beschuldigen. So höre man sich eher zu, sagt Michael. »Ich war enttäuscht von dir gestern«, fängt sie an, »du hast die ganze Zeit der Kellnerin hinterher...« – »Stopp!«, ruft Michael. »Ihr seid wieder beim Du!« Sie beginnen von vorn. Als sie schließlich nur noch »ich« sagen, obwohl sie »du« meinen, klingt das etwas künstlich. Beim nächsten Konflikt werden sie aber vielleicht diplomatischer vorgehen, und das ist sicher hilfreich.

Ich fahre weiter nach Köln . Dort bietet das Professional Center der Universität das Training Go global an. Ohne »interkulturelle Kompetenz« geht, wenn man den Stellenanzeigen glauben möchte, in vielen Branchen gar nichts mehr. Daher haben sich die Teilnehmer drei Tage lang mit »kulturellen Regeln«, »Kulturkategorien«, Vorurteilen und Empathie befasst.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Auf den Punkt!

Ich würde diesen Artikel gerne kopieren und als Flyer in diesen doofen Seminaren verteilen.

Ich habe neulich in einer Heidelberger Straßenbahn folgendes Gespräch zweier Erstsemester Medinzinerinnen verfolgt:
"Hattest du an deiner Schule auch das beste Abi?" Die andere: "Ja." Die erste, etwas verdutzt und nach einigem Zögern:
"Mit wie vielen Punkten?"

Ich habe laut aufgelacht und wurde schief angeschaut.

Sehr guter Artikel.

Wunderbar geschrieben und mit einer Conclusion, die man meistens in den Kommentaren suchen muss.

Leider ist durch die Bacheloreinführung gerade diese Optimierung in die Studiengänge selbst gekommen. Freiheiten und selbst denken behindert meistens die Noten, die Auswendiglernen gebracht hätten.

Zumindest gehen die angestoßenen Reformen der Studiengänge nun wieder in die richtige Richtung.

Zeitgeist

Das lautstarke Protestieren gegen den "Optimierungswahn" scheint ja der neuste Journalismus-Trend zu sein.

Nur ist das daraus meist resultierende Selbstbesinnungs-Wohlfühlgeschwurbel oder pseudorebellisch aufgesetztes Antispießertum halt auch nichts was irgend jemandem auf Dauer hilft.

Der "Optimierungswahn" ist doch einfach nur die Übertreibung einer prinzipiell durchaus sinnvollen Sache: dem Versuch, hilfreiche Dinge zu lernen und Fehler zu vermeiden. Niemand wird durch schlechte Kommunikation glücklich, oder dadurch, dass er Jahre darauf verschwendet, sich auf einen Beruf vorzubereiten, für den er eigentlich gar nicht geeignet ist.

Etwas zu lernen hat nichts mit Selbstverleugnung zu tun, auch wenn es einen verändert.

Zeitgeist - Ob die Autorin einem Trend folgen wollte?

Ich glaube, sie meinte es ganz so, wie sie es schrieb.

Aber nun zu meinem eigentlichen Anliegen:
Meinen Sie nicht, dass es einen Unterschied zwischen Lernen und Trainieren gibt?

Beim Lernen, da stimme ich Ihnen vollkommen zu, muss man sich selbst nicht verleugnen, im Gegenteil. Im besten Falle verbindet man sich selbst sogar mit dem Gelernten.

Wie ist es aber beim Trainieren oder Coaching? Geht es da noch immer um die Person die vor einem steht oder nur um das Produkt (ein netter Spruch und ein Lächeln vom Verkäufer), das am Ende entstehen soll?

Zumindest ein besseres Beispiel für den Trend

Es ist bestimmt nicht das schlimmste Beispiel für diese Art von Artikeln.

Und Lernen und Trainieren sind zwar nicht das gleiche, haben aber durchaus viel miteinander zu tun. Man muss Gelerntes trainieren, sonst vergisst man es schnell wieder.

Vielleicht ist das die Art von Coaching, die wirklich als Selbstverleugnung zu kritisieren ist: wo nichts gelernt, sondern bestimmte, angeblich "optimale" Verhaltensweisen antrainiert werden. Aber es wird selten so extrem sein.