ZEIT CAMPUS: Amelie Leipprand, Theaterspielen ist für viele ein Traumberuf. Warum haben Sie aufgehört?

Amelie Leipprand: Ich wollte einfach einen normalen Job.

ZEIT CAMPUS: Sie hatten das Theater satt?

Leipprand: Nein. Der Geruch im Saal, die Aufregung in der Luft, das war mein Ein und Alles. Aber man muss sich zerfleischen, um gut zu sein. Das zehrt an einem.

ZEIT CAMPUS: Wie zerfleischt man sich für eine Rolle?

Leipprand: Man muss sich selbst, alle Erlebnisse, die man in sich trägt, zur Verfügung stellen. Wenn ich die Julia spiele und um Romeo weine, muss ich mein eigenes Liebesleid reaktivieren. Man legt sein Herz auf die Bühne.

ZEIT CAMPUS: Ist Ihnen das gelungen?

Leipprand: Ja, aber bis ich mich selbst als Arbeitsmaterial begreifen konnte, hat es lange gedauert. Es hat auch wehgetan. Stellen Sie sich vor, Sie holen all Ihre Ängste hervor, und dann sagt der Regisseur: »So kann man das nicht spielen.« Das ist wie ein Tritt in die Eier.

ZEIT CAMPUS: Wann hatten Sie genug?

Leipprand: Es war bei einer Probe zu Kabale und Liebe. Ich war die Lady Milford. Die fetzt in zehn Minuten durch alle Emotionen, die es gibt. Sie hasst, leidet, intrigiert. Der Regisseur war großartig, die Inszenierung auch, es hat einfach alles gestimmt.

ZEIT CAMPUS: Wieso wollten Sie dann aussteigen?

Leipprand: Ich war erfüllt. So sehr, dass ich dachte: Das ist es, was ich vom Theater wollte. Mehr nicht. Ich wusste einfach, jetzt ist der Moment zum Aufhören gekommen. Trotzdem hätte ich heulen können. Das war wie eine Liebe, die vergeht.

ZEIT CAMPUS: Haben Sie bei den Maschinenbauern Trost gefunden?

Leipprand: Am Anfang war es hart. Ich saß in Vorlesungen und habe nichts, wirklich gar nichts verstanden. Es war auch keine Herzensangelegenheit. Ingenieure sind eben gefragt, deshalb habe ich mich dafür entschieden. Mittlerweile geht es mir sehr gut damit. Auch wenn ich mir die emotionalen Barrieren erst wieder antrainieren muss.

ZEIT CAMPUS: Klingt nach Kulturschock.

Leipprand: Ich bin ja lernfähig. Wenn meine Kommilitonen fragen, wie es mir geht, wollen die nicht in meine Seele gucken. Die wollen, dass ich sage: Danke, und selbst?

ZEIT CAMPUS: Werden Sie manchmal wehmütig?

Leipprand: Nein. Ich bin dankbar für die Theaterzeit, aber auch froh, dass sie vorbei ist. Schauspielern ist eine Art dauerhafte Urschrei-Therapie. Man kommt da nicht wieder runter. Wenn ich alte Kollegen in der Kneipe treffe, spüre ich das deutlich: Die sind wie angeknipst, immer bereit, etwas darzustellen.

ZEIT CAMPUS: Worauf freuen Sie sich?

Leipprand: Auf ein normales Leben mit Platz für Familie. Und auf den Feierabend: Dann muss ich keine Rolle mehr spielen. Dann schalte ich einfach den Computer aus.