Work-Life-BalanceMein Leben gehört mir!

Die Grenze zwischen Arbeit und Privatem verschwimmt. Eine frühere Google-Mitarbeiterin, ein freier Designer und eine Schauspielerin erzählen, wie sie sich dagegen wehren. von 

ZEIT CAMPUS: Lena Tangermann, Google gilt als einer der beliebtesten Arbeitgeber der Welt. Wie ist es dort wirklich?

Lena Tangermann: Total locker. Als ich angefangen habe, war ich erst 24 und durfte gleich in den ersten Wochen zu Terminen in der ganzen Welt jetten. Die Atmosphäre in den Büros ist sehr entspannt, überall stehen Sitzsäcke und Kickertische, die Kollegen kommen in Jeans und Turnschuhen zur Arbeit und sind supernett. Da steckt eine ganze Philosophie dahinter: die Googliness.

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ZEIT CAMPUS: Was ist das?

Tangermann: Wer bei Google arbeiten will, muss »googly« sein. Also cool, spontan, kreativ.

ZEIT CAMPUS: Das ist ja nichts Schlechtes. Warum haben Sie trotzdem gekündigt?

Tangermann: Inhaltlich hat mich der Job gereizt. Aber es wurde so viel Wert auf Socializing gelegt.

ZEIT CAMPUS: Und darauf hatten Sie keine Lust?

Tangermann: Ich hatte nichts gegen die Leute, im Gegenteil. Aber durch die lockere Atmosphäre haben sich Geschäftliches und Privates vermischt. Die Kollegen waren wie Kumpel, und wenn man eine Google-Party ausfallen ließ, kam das schon etwas komisch rüber. Bei Konferenzen haben wir manchmal die Hotelzimmer geteilt. Einmal bin ich sogar mit den Kollegen in einen Google-Urlaub gefahren.

ZEIT CAMPUS: Die ganze Abteilung?

Tangermann: Die ganze Firma. Wir haben uns alle zum Skifahren in Kalifornien getroffen, da wurde ein komplettes Dorf gemietet.

ZEIT CAMPUS: Was hat Sie daran gestört?

Tangermann: Ich habe spannende Leute aus der ganzen Welt getroffen und Snowboarden gelernt. Aber wenn ich ehrlich bin, war das nicht mein Ding. Abends beim Bier war ich eher die Verschlossene.

ZEIT CAMPUS: Waren Sie eine Ausnahme?

Tangermann: Ich glaube, neu zugezogene Kollegen freuen sich, wenn die Firma die Freizeitgestaltung gleich mit übernimmt. Aber ich war ja nicht neu in der Stadt. Ich bin in Hamburg aufgewachsen, habe hier meine Freunde, meinen Fußballverein. Und nichts dagegen, wenn mein Privatleben privat bleibt.

ZEIT CAMPUS: Kann man bei Google mit dieser Einstellung Karriere machen?

Tangermann: Es ist ganz bestimmt nicht hilfreich, wenn man sich abgrenzt.

ZEIT CAMPUS: Sind Sie deshalb gegangen?

Tangermann: Nein, eher weil sich Routine eingeschlichen hatte, eine eigenartige Mischung aus Gleichförmigkeit und Stress, obwohl um mich herum alles so hip und bunt war.

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Tangermann: Ich habe mir einen alten Traum erfüllt und eine Hundetrainer-Ausbildung gemacht. Vor einem Jahr habe ich dann das Elbrudel gegründet, meine eigene Hundeschule.

ZEIT CAMPUS: Wie geht es Ihnen damit?

Tangermann: So gut wie nie zuvor.

Leserkommentare
    • tobmat
    • 06. Februar 2012 13:03 Uhr

    "Lebe ich um zu arbeiten, oder arbeite ich um zu leben?"

    Diese Frage beantwortet jeder ein klein wenig anders. Dementsprechend setzt auch jeder seine Prioritäten im Leben anders. Einen einzigen alle Menschen seelig machenden Weg gibt es nicht.
    Ich kenne Menschen die sind zum Selbständigen geboren und genauso kenne ich Menschen die sind am liebsten Angestellte.

  1. ...mit Mitschülern angefreundet und gemerkt, dass viele dieser Freundschaften den Wechsel an die Uni nicht überstehen...
    ...mit Studienkollegen angefreundet und gemerkt, dass viele dieser Freundschaften den Wechsel in den Beruf nicht überleben...
    ...mit Sportkameraden angefreundet und gemerkt, dass viele dieser Freundschaften den Wechsel der Sportart nicht überstehen...

    Wo ist denn nun das besondere am Beruf?

    Antwort auf "Beziehungen....."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hagmar
    • 06. Februar 2012 17:27 Uhr

    Nein, einen Unterschied wird es im Beruf wohl nicht geben. Aber wenn nur jeweils EINE Freundschaft übersteht, hätten Sie schon eine ganze Menge :=). Im Ernst, es gibt natürlich Lebensabschnittsfreundschaften. Wenn auch nur zwei davon lange überdauern sollen, muss man sich darum bemühen. Ein bisschen Glück brauchts auch noch, z.B. wenn dazustossende Lebenspartner "passen" und in die Freundschaft einbezogen werden können. Das erleichtert vieles, z.B. gemeinsames Reisen. Bei mir hat das einmal geklappt, einmal nicht.
    Ich wünsche Ihnen gute Freundschaften. Ich halte sie für sehr wichtig.

    • Hagmar
    • 06. Februar 2012 16:53 Uhr

    Egal wie man diese Frage für sich beantwortet, für ALLE gilt: Auch Arbeitszeit ist Lebenszeit.
    Fast ebenso wichtig wie die Arbeit selbst ist auch das Milieu in dem sie stattfindet und welche „Sorte“ Menschen es anzieht. Meine beiden wichtigsten, seit Jahrzehnten bestehenden Freundschaften sind beruflichen Ursprungs und haben auch Arbeitswechsel und große Distanzen überstanden.
    Es gibt viele Berufe, in denen die Trennung Arbeitszeit/Freizeit schwierig sein kann: Arzt und Pfarrer gehören dazu, Hausfrau und Mutter dürfte der verbreitetste sein.
    Meine Beobachtung ist, dass sehr viele Menschen gern über ihren Beruf reden, wenn sie echtes Interesse spüren, und ich rede einfach lieber über Themen, von denen mein Gegenüber garantiert mehr versteht als ich; das vermeidet smalltalk und Gemeinplätze. Neulich bekam ich spannenden Einblick in die Technik, wie man versucht, echte Asylbewerber von anderen zu unterscheiden. Ich habe mich schon blendend mit einer Bestattungsunternehmerin unterhalten und werde auch nie vergessen, wie mir die "HR-Frau" einer grossen IT-Firma ihre Strategien für Einstellungsgespräche erklärte. Diese und viele ähnliche Gespräche fanden ausserhalb der Arbeitszeit statt, in der Eisenbahn, bei einer Einladung zum Abendessen, etc.

    • Hagmar
    • 06. Februar 2012 17:27 Uhr

    Nein, einen Unterschied wird es im Beruf wohl nicht geben. Aber wenn nur jeweils EINE Freundschaft übersteht, hätten Sie schon eine ganze Menge :=). Im Ernst, es gibt natürlich Lebensabschnittsfreundschaften. Wenn auch nur zwei davon lange überdauern sollen, muss man sich darum bemühen. Ein bisschen Glück brauchts auch noch, z.B. wenn dazustossende Lebenspartner "passen" und in die Freundschaft einbezogen werden können. Das erleichtert vieles, z.B. gemeinsames Reisen. Bei mir hat das einmal geklappt, einmal nicht.
    Ich wünsche Ihnen gute Freundschaften. Ich halte sie für sehr wichtig.

    • rugero
    • 06. Februar 2012 17:30 Uhr

    Als Selbständiger habe die Freiheit gehabt meine Grenzen selber zu suchen und anfangs in der Aufbauphase meiner Beratungsfirma den Fehler gemacht mich total zu überarbeiten. Nach 3 Jahren ohne Urlaub und sehr langen Arbeitstagen hat mich mein Körper gewarnt und ich habe deutlich reduziert und mehr delegiert. Nach der Umstellung war ich sogar wirtschaftlich erfolgreicher. Ein überarbeiteter Kopf hört irgendwann auf kreativ zu sein. Mit 50 habe ich die Firma den Mitarbeitern übergeben, das Land gewechselt, viel überflüssigen Luxus-Balast abgeschafft und die Erwerbstätigkeit auf ein Minimum beschränkt. Ein schönes Leben, daß mir Zeit läßt für neue und andere Eindrücke, für das ich aber mit 35 noch nicht bereit gewesen wäre. Auch das internationale Geschäftsleben, die Anerkennung, das Image, die 12-Zylinder-Limousine waren irgendwann mal wichtig. Nur haben sich irgendwann die Werte verschoben.

    Eine Leserempfehlung
  2. aber, wer bin ich?

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