Deutschlandstipendium : Brauchen wir das Deutschlandstipendium?

Ein Stipendiat und ein Gegner der Begabtenförderung diskutieren

Ja, sagt René M. Mittelstaedt, 25. Er ist Vorsitzender des RCDS Bremen. Er erhält das Deutschlandstipendium.

Ich kenne das Vorurteil: Das Deutschlandstipendium bekämen doch nur wieder die, die es eh nicht nötig haben. Doch ein Stipendium ist keine Sozialleistung, es fördert Studenten, die viel Zeit und Mühe in ihr Studium stecken. Die 300 Euro im Monat bekomme ich ja nicht einfach geschenkt. Ich habe mich durch sehr gute Noten ausgezeichnet und finde es gerecht, dass meine harte Arbeit auch belohnt wird.

Das neue Stipendiensystem steigert die Chancengerechtigkeit sogar. Gleiches Recht für alle heißt doch auch, dass alle an den gleichen Kriterien gemessen werden. Und wie die aussehen, dürfen die Hochschulen mitentscheiden; so wird an meiner Uni in Bremen neben dem Notenschnitt auch das soziale Engagement der Bewerber berücksichtigt.

Für das Deutschlandstipendium werden nicht nur die Steuerzahler zur Kasse gebeten, auch Unternehmen zahlen mit. In anderen Ländern, vor allem im angelsächsischen Raum, ist das längst üblich. Die Wirtschaft hat ein Interesse an hoch qualifizierten Absolventen, also sollte sie auch in Nachwuchsförderung investieren.

Im Gegenzug erhalten die Unternehmen ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Studiengänge, auf die Stipendien verteilt werden. Angeblich würden dadurch Geisteswissenschaftler diskriminiert, weil Unternehmen ja nur auf der Suche nach Ingenieuren und Naturwissenschaftlern seien. Ich bin das beste Gegenbeispiel: Ich mache gerade meinen Master in Sozialpolitik und werde trotzdem gefördert. An meiner Uni kenne ich Stipendiaten aus allen Fachrichtungen.

Das Deutschlandstipendium ist das richtige Signal gegen die geradezu leistungsfeindliche Haltung, die in diesem Land herrscht. Warum sollte ich mich nicht freuen, dass meine Mühe anerkannt wird? Ein schlechtes Gewissen habe ich deshalb sicher nicht.

Nein, sagt Simon Hurtz, 22. Er bekommt kein Stipendium – und will auch keines.

Das Deutschlandstipendium ist ein Taschengeld für die Elite. Gefördert werden die Studenten, die an wirtschaftsnahen Hochschulen gute Noten schreiben, und das in Fachrichtungen, die sie interessant für Unternehmen machen. Das verschärft die Ungleichheit zwischen den Unis, zwischen den Studiengängen und zwischen den Studenten.

Bevor eine Hochschule Stipendien vergeben kann, muss sie Drittmittel einwerben, das heißt: bei Unternehmen um Unterstützung betteln. Im Wirtschaftsstandort München klappt das prima – Unis in strukturschwachen Regionen wie Brandenburg oder Thüringen gehen dagegen leer aus.

Obwohl die Spender nur knapp ein Dritteln des Geldes zuschießen, bestimmen sie bei zwei Drittel der Stipendien über Fakultät und Fach. Wie viele Unternehmen sind wohl an der Förderung von Philosophen interessiert? Blicke ich auf die Verteilung der vergleichbaren NRW-Stipendien, sehe ich meine Befürchtung bestätigt: Unterstützt wird, wer der Wirtschaft nutzt.

Geld schreibt keine guten Noten, aber es hilft dabei. Wer sich keine Nachhilfe leisten kann, wechselt vielleicht erst gar nicht aufs Gymnasium. Wer seine Miete mit zwei Nebenjobs finanzieren muss, hat weniger Zeit für sein Studium. »Deutschlandstipendien werden nach Begabung und Leistung vergeben«, so will es das Gesetz. Davon profitieren in erster Linie Kinder gut verdienender Akademiker. Damit buddelt der Staat munter im sozialen Graben.

Das beste Drittel der Bafög-Empfänger muss nur einen Teil seiner Schulden zurückzahlen – noch. Ende des Jahres ist Schluss damit. Das spart zwölf Millionen Euro. Der Etat des Deutschlandstipendiums ist 2012 dreimal so groß. Ich finde, wir sollten das Geld lieber an Studenten verteilen, die es wirklich nötig haben.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Pro Deutschlandstipendium

Eine Förderung auf Studenten zu beschränken, die Bafög erhalten, finde ich höchstgradig ungerecht. Und zwar aus dem Grund, dass die Verdienstgrenze der Eltern viel zu niedrig bemessen ist. Ich kenne etliche, die keinen Anspruch auf Bafög haben, deren Eltern sich die Finanzierung ihrer Kinder aber nicht (im ausreichenden Maß) leisten können. Diese Leute in der Mitte sind die wahren Verlierer, wie in jeder Hinsicht in unserer Gesellschaft. Daher halte ich das Deutschlandstipendium nicht für schlecht. Und Hand auf's Herz, Simon Hurtz - Kinder wohlhabender Eltern werden sich nicht auf diese "popeligen" 300€ für so einen kurzen Zeitraum bewerben.

Vor- und Nachteile von Stipendien...

Doch, Sie werden sich bewerben, die Kinder reicher Eltern, denn ein Stipendium im CV macht sich äusserst gut! Ich gehöre leider auch zu den "Leuten der Mitte" und hab jahrelang mit 350€ gelebt um studieren zu können. Fand es immer bescheuert, dass ich mich erst gar nicht für Stipendien bewerben brauchte, da ja nur Bafögempfänger berechtigt sind obwohl ich auf Grund meines "sozialen Engagements" bestimmt eines hätte abgreifen können. Diese Lücke sollte endlich mal geschlossen werden.
Ich bin mir sicher: hätte ich mir nicht so viele Sorgen um das Geld gemacht, wäre mein Abschluss viel besser ausgefallen. Ich hätte auch Bafög genommen, und das hätte völlig gereicht.
Aber die Verschuldung von selbstständigen Eltern wird bisher nicht ins Bafög eingerechnet. Warum nicht? Ist es meine Schuld, welche monetären und beruflichen Hintergründe meine Eltern haben? Auf der anderen Seite wäre es doch blöd gewesen, würden andere meine "Fächer" bestimmen.
Frei aber arm?
Ich hätte auch arbeiten gehen können? Hab ich auch, aber so richtig war es nicht möglich bei 29 Std. Studium per Woche plus extra Arbeitszeit für Projektarbeiten und 7-10 Klausuren am Ende des Halbjahres.
Brauchen Studenten die so wie so alles mit Links machen ohne zu arbeiten (und deshalb Zeit für "Soziales" haben) zusätzlich ein Stip. zum Bafög? Und die anderen die wenigstens wissen wie man arbeitet, haben eine schlechtere Note, weil Sie Geld anschaffen müssen? Ist es das, was die DE Wirtschaft will?
Faule reiche Begabte?

Der angesetzte Selektionsmechanismus

dieses Deutschlandstipendiums ist mir auch nicht wirklich deutlich. Ich gehe auch davon aus, dass, wer ausreichend finanziell abgesichert ist, eher 1.) bessere Noten erbringen kann 2.) seine Zeit auch in soziales Engagement investieren kann.
Dann sind noch die wenigen Ausnahmen, die ohne starke finanzielle Basis beides schaffen können. Sind diese die Alibi-Stipendiaten?

Meiner Meinung nach gab es erst Schwierigkeiten mit gutem Nachwuchs, als peuapeu die Mittel in die Bildung reduziert wurden. Der Umbau von Massenförderung zur Eliteförderung hat eigentlich das Nachwuchs- und Standortproblem geschaffen. Also ein selbstproduziertes Problem im Rahmen der Privatisierung von Bildung. Es geht meiner Meinung nach auch nicht um die Studenten und den wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern um die Finanzierung der Bildung. Politisch gewollt ist die weitergehende Privatisierung. Das ist im Grundschul- und Sekundarschulbereich ebenso deutlich auszumachen. Lehrermangel, Verkürzung der Schulzeit bei gleichbleibender Stofffülle und Unterrichtsausfälle ermöglichen den gnadenlosen Aufschwung des privaten Nachhilfesektors. Und hier haben wir wieder Arm-und-Reich-Debatte.

Belohnung für Mühen?

" Doch ein Stipendium ist keine Sozialleistung, es fördert Studenten, die viel Zeit und Mühe in ihr Studium stecken."
Die Universität ist als Bildungsinstitution gedacht für Menschen, die Wissenschaft um der Wissenschaft willen betreiben und denen ihr Fach genug Belohnung ist. Wenn das nicht so ist, sollte man darüber nachdenken, was man an dieser Institution verloren hat. Es sollte Belohnung genug sein, wenn einem ein Studium ermöglicht wird.

@cardiac: Ich weiß ja nicht, aber für mich wäre ihr Beitrag ein Argument dafür, die Bafög-Bezugsgrenzen auf ein realistisches Niveau zu heben - davon profitieren dann nämlich alle, die tatsächlich Geldprobleme haben und das ganz ohne Auswahlverfahren.

Zu wenig

Unter Stipendium verstehe ich, dass man damit den Großteil seines Lebensunterhaltes bequem bestreiten kann. Dann lieber 1.000€/ Monat und dafür weniger STipendien.

Und ja, die Wirtschaft will lieber Ingenieure als Philosophen. Und? Wir müßten die Hochschulen ohnehin mal durchforsten, wie viele Fakultäten und wie viele Lehrstühle wir von welcher Fachrichtung zukünftig brauchen. Und wenn wir dann in D nur noch drei philosophische Fakultäten mit je 5 Lehrstüheln haben, dann ist das eben so...

Wollen wir Menschen fördern?

Ich finde, es macht viel Sinn, Menschen zu fördern. Es ist im Sinne der Menschen selbst, unserer Volkswirtschaft und mithin der gesamten Gesellschaft. Das bedeutet zwangsläufug auch, dass Förderung "sich rechnet", wobei die Art der Förderung selbstverständlich so intelligent und effizient wie möglich gestaltet sein sollte.

Aber eines ist ebenso klar: Die Menschen sind von Natur aus unterschiedlich. Und je mehr und je besser sie gefördert werden, je mehr die unterschiedlichen Potenziale entwickelt und zur Geltung gebracht werden, desto sichtbarer werden die Unterschiede werden. Zu kritisieren ist das meines Erachtens nicht.

Förderung ja, aber...

... wir sollten nicht die fördern die Ihr Potential schon gezeigt haben (gute Noten), sondern diejenigen in denen noch Potential schlummert, welches Sie aus wirtschaftlichen oder "Schicht"- oder anderen Gründen (egal) bisher nicht entfalten konnten. Und das ist potentiell jeder mit oder ohne Abitur. Jedem sollte ein Studium ohne Sorgen ermöglicht werden. Am Ende wird dann trotzdem noch selektiert. Bzw. inzwischen wird ja auch ermöglicht (wenn auch zugegebener Maße eher eingeschränkt seit Ba-Ma System eingeführt wurde) sich zu spezialisieren. Wir brauchen keine Alleskönner, wir brauche Menschen die die Nischen besetzen. Und das werden nicht diejenigen sein, die in allen Fächern gut sind und deshalb ein Stipendium abgreifen können. Das sind die Menschen die in Ihrem Spezialfach voll durchstarten und das andere so mitnehmen wie es kommt. Diese Vorselektiererei (auch die Schule) ist Schwachsinn. Die Menschen sind unterschiedlich, genau! Und deshalb brauchen Sie auch unterschiedlich lange und unterschiedliche Ansätze ud Methoden um Ihre Potentiale zu entwickeln. Der Output ist aber am Ende der Selbe, nur, dass der eine gelernt hat zu arbeiten für das was er erreichen will, und dem anderen fällt es samt Stipendium einfach in den Schoß.
Das ist ungerecht und hilft der Wirtschaft nicht.

Wieso denn das?

"wir sollten nicht die fördern die Ihr Potential schon gezeigt haben (gute Noten)"

Warum nicht? Vielleicht waren sie trotz guter Noten hoffnungslos unterfordert. Nochmals: Die Fördeung der Menschen zur umfänglichen Entwicklung ihrer Potenziale ist zu allererst im Sinne der Menschen selbst, aber auch unserer Volkswirtschaft und damit der Gesellschaft.

Natürlich erscheint mir eine umfassende Bildung wichtig. Das heißt aber nicht, dass die Menschen auf allen Gebieten gleich gut sein müssten. Das können sie auch gar nicht, weil auch das persönliche Potenzial eines Menschen stets spezifische Stärken und Schwächen aufweist. Sie sollen m.E. aber insbesondere dort so gut wie möglich sein können, wo es ihnen selbst besonders wichtig ist, m.a.W., wo das Herz brennt und wo die Energie ist.

Eine Förderung machte m.E. nur dann keinen Sinn mehr, wenn die individuellen Grenzen (wo immer sie auch liegen mögen) erreicht wären und weiterer Aufwand keinen lohnenden Ertrag mehr erbrächte.

Nein,

aber gleiche Chancen für alle und nicht nur für die mit Begabung oder genug Geld. Wir sind schon Leistungsgesellschaft genug um das nicht auch noch zu brauchen. Die Leistung die eine Gesellschaft wirklich braucht erlangt man nicht nur durch das Studieren oder als Begabter. Es gibt auch eine soziale Intelligenz, die ist viel wichtiger!
Der Begabte der sich aus mangelnder Förderung langweilt, entwickelt hoffentlich aus seiner Langweile heraus eine super-tolle nachhaltige Innovation für die Zukunft oder schreibt ein Buch... Es ist schließlich nachgewiesen, dass Langeweile Kreativität fördert.

Ja, da stimme ich Ihnen zu

Schlechte Leistungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass noch viel Potenzial brach liegt (obwohl es durchaus so sein kann). Und gute Leistungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass das Potenzial erschöpft ist (obwohl auch das durchaus so sein kann*). Deshalb sollte man Förderung am Potenzial ausrichten. Die Aufgabe der Lehrenden ist es u.a., solche unerschlossenen Potenziale zu erkennen.

* z.B. bei Leuten, die ihre guten Noten intensiver Nachhilfe und überdurchschnittlich hohem Arbeitsaufwand verdanken.

Zitat aus Kommentar 15

"Der Begabte der sich aus mangelnder Förderung langweilt[/unterfordert fühlt], entwickelt hoffentlich aus seiner Langweile heraus eine super-tolle nachhaltige Innovation für die Zukunft oder schreibt ein Buch"
...
Die Armen die sich "unterfordert fühlen: Die meisten Studenten fühlen sich >überfordert<, weil Sie neben dem Studium auch noch arbeiten gehen müssen oder containern...