Berufsanfänger: Vorsicht: Scheinriese
Was will der Arbeitsmarkt? Warum das die falsche Frage ist, sagt unsere Kolumnistin Maren Lehky.
Wenn es um die Jobsuche geht, tauchen sie spätestens im dritten Satz auf: die Forderungen »des Arbeitsmarktes«. Von ihm wird gesprochen, als sei er eine Person und eine mächtige dazu. Nichts scheint wichtiger als das, was »der Arbeitsmarkt« angeblich will. Und nichts scheint schwieriger, als ihm zu genügen. Denn er hat unendlich hohe Ansprüche an seine Bewerber. Die sollen schnell studiert haben, Bestnoten, Auslandserfahrung und Sozialkompetenz mitbringen, praxiserfahren und dennoch jung sein, selbstverständlich auch flexibel, überall einsatzbereit und auf Karriere gepolt.
Zum Glück ist es mit dem Arbeitsmarkt ähnlich wie mit Herrn Tur Tur. Herr Tur Tur aus dem Kinderbuch Jim Knopf ist ein Scheinriese: Von fern wirkt er gigantisch, alle fürchten sich vor ihm. Kommt man ihm nahe und betrachtet ihn genau, schrumpft er auf Normalmaß.
Schauen wir also genauer hin. So wenig wie es »den« Arbeitnehmer gibt, so wenig gibt es auch »den« Arbeitsmarkt. Was es gibt, sind Unternehmen und ihre Mitarbeiter in den Personal- und Fachabteilungen. Es ist immer ein Mensch, der auswählt, wer wohin passt, nicht ein abstrakter Mechanismus namens Arbeitsmarkt. Und diese Menschen haben höchst verschiedene Interessen und Probleme.

Maren Lehky ist Unternehmens- und Personalmanagement-Beraterin in Hamburg. In ihrer Kolumne, die im ZEIT CAMPUS Magazin und auf ZEIT ONLINE erscheint, gibt sie Berufsanfängern Karrieretipps.
Personalexperten in beliebten Großkonzernen etwa drohen oft in der Bewerberflut unterzugehen. Daher nutzen manche von ihnen elektronische Filter, die dann zum Beispiel Bewerber von einem bestimmten Notenschnitt an aussortieren. Ganz anders die Situation vieler Mittelständler. Ihre Namen sind Absolventen oft unbekannt, sie leiden eher unter einem Mangel an geeigneten Bewerbern als unter einem Ansturm. Teure Traineeprogramme können sich viele von ihnen nicht leisten. Sie schätzen daher Kandidaten mit reichlich Lebens- und Praxiserfahrung, die sich selbstständig einarbeiten, sich mit den Kollegen zusammenraufen und früher schon Zähigkeit bewiesen haben. Dafür akzeptieren sie auch mal eine Drei auf dem Abschlusszeugnis. So mancher Mittelständler schreckt sogar davor zurück, einen »perfekten« Kandidaten mit Bestnoten und Rekordstudienzeit einzustellen, weil er fürchtet, dessen Ambitionen nicht lange befriedigen zu können und ihn zu verlieren, bevor das Unternehmen von ihm profitiert.
Wie man als Bewerber bewertet wird, hängt aber nicht nur von Größe und Bekanntheit des Unternehmens ab. Es kommt auch auf die Persönlichkeit der Menschen an, die über die Vergabe von Jobs entscheiden. Sie sind geprägt von Vorbildern und Geschichten, von ihren Werten und ihrer Lebenserfahrung. So habe ich einmal eine Frau eingestellt, die im vierten Monat schwanger war. Sie wollte nach der Geburt rasch wieder einsteigen, passte ideal auf die Stelle und hatte gute Betreuungspläne. Andere erklärten mich für verrückt: Wäre das Kind erst mal da, würde sie all ihre Zusagen in den Wind schlagen und ich stünde ohne jemanden da. Ich vertraute ihr – und wurde nicht enttäuscht.
Deswegen: Starren Sie nicht auf »den Arbeitsmarkt« und seine angeblichen Ansprüche. Gehen Sie entschlossen auf den Scheinriesen zu, und suchen Sie das Unternehmen und die Menschen, die zu Ihnen passen.






Endlich mal ein etwas aufbauender Artikel und nicht die ständigen Ermahnungen, was man in Bewerbungen nicht falsch machen soll. Und außerdem mal ein Personaler ohne dummes Geschwätz.
Zitat: "... so wenig gibt es auch »den« Arbeitsmarkt. Was es gibt, sind Unternehmen und ihre Mitarbeiter in den Personal- und Fachabteilungen."
Doch. Natürlich gibt es »den« Arbeitsmarkt! Auch wenn Firmen und Anforderungen unterschiedlich sein können. Genau so, wie es ja auch »die« Mode gibt - auch wenn die Geschmäcker der Kunden unterschiedlich sein können.
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Beide sind eben nur in einem gewissen Rahmen unterschiedlich. Und ebenso, wie die Kunden im Modekaufhaus nicht einfach ordentlich angezogen sein wollen, so haben Personalchefs natürlich Forderungen über die Qualifikation der Bewerber hinaus.
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Von einem Kleidungsstück erwartet der Kunde (m/w) bestimmte Farben, Materialien, Schnitte, die gerade angesagt sind. Von einem Bewerber erwartet der Personalchef ein bestimmtes Alter und Geschlecht, Größe und Gewicht, eine bestimmte Hautfarbe, Hobbys, einen Dialekt, eine bestimmte Religion - zu haben oder eben nicht zu haben.
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Wer heute wegen eines dieser Kriterien abgeblitzt ist, kann frühestens in fünf Jahren wieder Hoffnung schöpfen.
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