ProjektarbeitHauptsache: frei sein

Flache Hierarchien, wenig Routine, viel Verantwortung: Projektarbeit birgt Freiheiten – und unbezahlte Überstunden. Zwei Meinungen von  und Katharina Wagner

Lis Marie Diehl, 30, organisiert im Jahr bis zu acht Theaterprojekte mit behinderten Künstlern in Deutschland und der Schweiz:

ZEIT Campus 2/2012
ZEIT Campus 2/2012

»Meine Arbeit verteilt sich auf viele zeitlich begrenzte Aufgaben. Ich habe einen Vollzeitjob, aber eben nicht im klassischen Sinn. Mit etwa sechs bis acht Kulturprojekten und Theaterfestivals pro Jahr kann ich im Schnitt rechnen. Fast jeden Monat ändert sich mein Arbeitsalltag. Dann wartet sehr oft ein neuer Auftraggeber und ein neues Thema, dann bin ich meist in einer anderen Stadt und mit anderen Kollegen zusammen. Jedes Projekt ist wie eine neue Anstellung.

Ich kann gar nicht betriebsblind werden. Ich arbeite nicht einfach vorgegebene Aufgaben ab, sondern setze eigene Prioritäten. Wie und wann ich arbeite, bleibt mir überlassen. Wir müssen uns natürlich im Team absprechen und Termine, zum Beispiel den Beginn eines Festivals oder die Abgabe eines Antrags, einhalten. Aber ob ich meine Aufgaben nachmittags im Zug erledige oder nachts am Küchentisch, kann ich selbst entscheiden.

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Von der ersten Idee bis zum Schreiben der Abrechnung bin ich beteiligt. Eigene Gedanken und inhaltliche Schwerpunkte kann ich in jedes Projekt einbringen. Auch wenn meist einer aus dem Team die Leitung hat, werden alle Ideen gleich behandelt, und wir entscheiden in der Regel gemeinsam. Es gibt keine seit Jahrzehnten festgelegten Hierarchien, die können wir häufig ebenso aushandeln wie die Arbeitszeit und die Themen. Genau so will ich arbeiten.

Viele Freiheiten, viel Verantwortung

Die vielen Freiheiten, die mein Arbeitsalltag mit sich bringt, bedeuten auf der anderen Seite auch viel Verantwortung. Unsere Projekte stehen und fallen mit den Anträgen, die wir bei sozialen, kulturellen und öffentlichen Stiftungen einreichen. Geld bekommen wir nur, wenn ein Antrag bewilligt wird, nur dann können wir unsere Ideen umsetzen. Wenn nicht, habe ich eben keinen Job und weniger Geld auf dem Konto. Oder ein Projekt wird zwar finanziert, aber es läuft nicht gut. Beim nächsten Mal ist es dann für uns schwieriger, Geld für eine Idee zu bekommen.

Natürlich ist das oft anstrengend, ich muss mich ja ständig um neue Arbeit bemühen. Aber ich empfinde das eigentlich sogar als Vorteil. Stillstand oder Langeweile, das kenne ich nicht. Aus jedem erfolgreichen Projekt entstehen neue Teams und Ideen. Ich muss mich nicht auf eine Richtung oder Tätigkeit festlegen: Ich entwickle Konzepte, ich betreue Künstler und kümmere mich um das Festivalprogramm. Außerdem begleite ich Kulturprojekte als wissenschaftliche Beraterin und schreibe derzeit meine Doktorarbeit; ich halte aber auch Vorträge und verfasse Aufsätze. Wenn ich wollte, könnte ich auch selbst als Künstlerin in einem Projekt mitwirken, zum Beispiel als Pianistin in einer Band.

Weil ich keine klassische Vollzeitstelle habe, habe ich auch nicht die Aufstiegschancen, wie man sie eben aus normalen Arbeitsverhältnissen kennt. Es gibt ja keinen Chef, der mich mal eben befördert. Das heißt aber nicht, dass keine neuen Herausforderungen auf mich warten. Gerade erst hat man mir die Produktionsleitung für ein Theaterstück am Schauspiel Dortmund angeboten. Das habe ich vorher noch nie gemacht.«

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