"Ihr Zustand wechselt nur noch zwischen tiefen Depressionen, Lach-, Wein- und Schreikrämpfen." Für den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung ist die Diagnose eindeutig: Hysterie. Jung ist Oberarzt in der psychiatrischen Klinik Burghölzli bei Zürich . Dort wird am 17. August 1904 eine junge Frau eingeliefert, das Abitur hat sie gerade bestanden, 18 Jahre ist sie alt. Sie kämme ihr Haar nicht, kleide sich in unförmige Säcke und strecke "bei jeder Berührung unter den Zeichen größten Abscheus die Zunge heraus", so erzählt es der berühmte C.G. Jung seinen Studenten.

Die Patientin heißt Sabina Spielrein. Schon wenige Monate später darf sie die Klinik wieder verlassen. Sie zieht in eine kleine Wohnung in der Stadt und schreibt sich an der Züricher Universität für Medizin ein. Mit 25 wird sie als eine der ersten Frauen auf dem Gebiet der Psychoanalyse promoviert, mit Mitte 30 ist sie eine anerkannte Kinderpsychologin und Analytikerin.

Bis zu ihrem Abschluss bleibt Sabina Spielrein C.G. Jungs Patientin. Sie vertraut ihm an, dass es sie schon als Kind sexuell erregte, wenn ihr Vater sie schlug. Heute sehne sie sich nach solchen Schlägen. Die Therapiesitzungen finden auf gemeinsamen Bootsfahrten, Spaziergängen und in Spielreins Wohnung statt, C.G. Jungs Behandlungsmethode bedeutet unter anderem auch: Sex. In seinem Tagebuch bezeichnet er sie als seinen "psychoanalytischen Schulfall". Denn laut Sigmund Freud rufen sexuelle Urerfahrungen Komplexe hervor. Spielreins Verhalten bei der Einlieferung und ihre frühkindlichen Erinnerungen bestätigen seine Theorie.

Die Studentin Sabina Spielrein hat kaum noch hysterische Anfälle. C.G. Jung trifft sie dennoch weiterhin regelmäßig, sie nennen es "Therapiesitzungen". Sie haben Sex und diskutieren Sabina Spielreins Doktorarbeit. Er beschreibt die Lage so: "Da ich aus Erfahrung wusste, daß sie sofort rückfällig wurde, wenn ich ihr meinen Beistand versagte, zog sich die Beziehung über Jahre hin." Sabina Spielrein hingegen entwickelt ihren ersten Theorieansatz, den "Siegfried-Komplex": Wie Brünnhilde in Richard Wagners Ring des Nibelungen ihrem Retter Siegfried in den Tod folgt, so sieht sich auch Sabina Spielrein auf ewig mit C.G. Jung vereint. 

Im Januar 1911 endlich ist die junge Frau ebenso gründlich auskuriert wie ausgebildet. An vier Tagen besteht sie acht Abschlussprüfungen an der Züricher Universität, darunter das Fach Psychiatrie mit Auszeichnung. Am Abend des letzten Examens verlässt sie Zürich und notiert in ihr Tagebuch: "Es ist gegangen, und es ist gut so. Ach ja, was kommt nun?" Doch die Sorgen um ihre berufliche Zukunft erweisen sich schnell als unbegründet.