Studenten von früherSabina Spielrein

Erst kam sie als Hysterie-Patientin in die Psychiatrie, später brachte sie die Psychoanalyse voran. Teil 33 unserer Serie über Studenten von früher. von Sven Behrisch

"Ihr Zustand wechselt nur noch zwischen tiefen Depressionen, Lach-, Wein- und Schreikrämpfen." Für den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung ist die Diagnose eindeutig: Hysterie. Jung ist Oberarzt in der psychiatrischen Klinik Burghölzli bei Zürich . Dort wird am 17. August 1904 eine junge Frau eingeliefert, das Abitur hat sie gerade bestanden, 18 Jahre ist sie alt. Sie kämme ihr Haar nicht, kleide sich in unförmige Säcke und strecke "bei jeder Berührung unter den Zeichen größten Abscheus die Zunge heraus", so erzählt es der berühmte C.G. Jung seinen Studenten.

Die Patientin heißt Sabina Spielrein. Schon wenige Monate später darf sie die Klinik wieder verlassen. Sie zieht in eine kleine Wohnung in der Stadt und schreibt sich an der Züricher Universität für Medizin ein. Mit 25 wird sie als eine der ersten Frauen auf dem Gebiet der Psychoanalyse promoviert, mit Mitte 30 ist sie eine anerkannte Kinderpsychologin und Analytikerin.

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Bis zu ihrem Abschluss bleibt Sabina Spielrein C.G. Jungs Patientin. Sie vertraut ihm an, dass es sie schon als Kind sexuell erregte, wenn ihr Vater sie schlug. Heute sehne sie sich nach solchen Schlägen. Die Therapiesitzungen finden auf gemeinsamen Bootsfahrten, Spaziergängen und in Spielreins Wohnung statt, C.G. Jungs Behandlungsmethode bedeutet unter anderem auch: Sex. In seinem Tagebuch bezeichnet er sie als seinen "psychoanalytischen Schulfall". Denn laut Sigmund Freud rufen sexuelle Urerfahrungen Komplexe hervor. Spielreins Verhalten bei der Einlieferung und ihre frühkindlichen Erinnerungen bestätigen seine Theorie.

Der Steckbrief

Lebenszeit:

1885 bis 1942

Studium:

Medizin

Besondere Vorkommnisse:

wurde mit Anfang 20 aufgeklärt, beeindruckte später die Fachwelt mit ihrer Sexualpsychologie

Wichtigste Auszeichnung:

Aufnahme als erste Frau in die von Freud gegründete Wiener Psychoanalytische Vereinigung

Die Studentin Sabina Spielrein hat kaum noch hysterische Anfälle. C.G. Jung trifft sie dennoch weiterhin regelmäßig, sie nennen es "Therapiesitzungen". Sie haben Sex und diskutieren Sabina Spielreins Doktorarbeit. Er beschreibt die Lage so: "Da ich aus Erfahrung wusste, daß sie sofort rückfällig wurde, wenn ich ihr meinen Beistand versagte, zog sich die Beziehung über Jahre hin." Sabina Spielrein hingegen entwickelt ihren ersten Theorieansatz, den "Siegfried-Komplex": Wie Brünnhilde in Richard Wagners Ring des Nibelungen ihrem Retter Siegfried in den Tod folgt, so sieht sich auch Sabina Spielrein auf ewig mit C.G. Jung vereint. 

Im Januar 1911 endlich ist die junge Frau ebenso gründlich auskuriert wie ausgebildet. An vier Tagen besteht sie acht Abschlussprüfungen an der Züricher Universität, darunter das Fach Psychiatrie mit Auszeichnung. Am Abend des letzten Examens verlässt sie Zürich und notiert in ihr Tagebuch: "Es ist gegangen, und es ist gut so. Ach ja, was kommt nun?" Doch die Sorgen um ihre berufliche Zukunft erweisen sich schnell als unbegründet.

Leserkommentare
  1. /Zitat
    Sex, so ihre These, vernichte die Person, weil sich das Ich im Geliebten auflöse. Es heißt, Freuds Theorie vom Todestrieb sei von ihrer Idee beeinflusst,
    Zitat/

    Zu den schädlichsten Irrtümern <strong>jeglicher</strong> Psychologie gehört der Fehlschluss, der (krankhafte) Ausnahmefall beschreibe die Normalität, so auch im folgenden Beispiel:

    /Zitat
    Grenzen sind wesentlicher Bestandteil der Kindererziehung... Wenn ein Kind aus einem Pflegeheim in eine neue Pflegefamilie kommt --, da die eigene Familie zerrüttet ist und als Verbund nicht mehr besteht - wird der Sozialarbeiter die neuen Pflegeeltern immer wieder darauf hinweisen, dass es zunächst Probleme geben kann:

    "Es kann sein, daß sich dieses Kind schnell eingewöhnt. Wahrscheinlicher ist aber, daß es in den ersten drei Monaten herausfinden möchte ... ob sie es zügeln können {\ppp} Es möchte herausfinden, ob die neue Familie nicht ebenso zerbricht, wie die, in der es aufwuchs."

    Diese Situation ist ein extremes Beispiel. Aber alle Kinder gleichen sich in einer Hinsicht: Sie brauchen Gewissheit, dass jemand da ist, der sie bremst

    (Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder S. 112)
    Zitat/

    Das ist ungefähr so, wie wenn man behaupten würde, zuckerkranke Kinder seien zwar ein extremes Beispiel, aber da ihnen Insulin helfe und da sie Kinder seien und alle Kinder sich gleichen würden, sei Insulin für alle Kinder gut.

    Die Schäden aus solch diagnostischer Quacksalberei sind inzwischen erdrückend.

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    ...ich sehe nur ein quacksalberndes Durcheinander.

    • malera
    • 04. April 2012 15:52 Uhr

    Ein Beispiel sollte genügen, zu zeigen, dass Sie noch nicht die Struktur eingesehen haben, welche Sie völlig unzureichend mit 'kranken' Ausnahmefall bezeichnen.

    Ein Kind verbrennt sich den Finger.

    Der Schrei ist nicht eine 'Krankheit' sondern symbolischer Ausdruck.
    Aufgrund der Reaktion, des symbolischen Ausdrucks (=gehört zum gesundheitserhaltenden 'Imun'system, wie bei Krippe das gesundmachende Fieber) welcher sich dann meldet, wenn störende Einflüsse den Normalfall bedrohen (zu bedrohen scheinen), kann man zusammen mit der Störquelle, dem Feuer, Versuchen das 'Normale' herauszufinden, etwa die maximale Dauer einer bestimmten Temperatur.

    Sie sehen, dass bereits ihr Krankheitsbegriff zu eindimensional gedacht wird, also ohne Reaktion, ohne symbolischen Ausdruck, und dass Sie so gar nicht 'fremde' Störungsursache von der Reaktionen differenzieren können, und so fälschlicher Weise die Wunde mit der Ursache verwechseln.

    Deswegen funktioniert Ihre Kritik, so wie Sie es aufbauen wollen, nicht.

  2. ...ich sehe nur ein quacksalberndes Durcheinander.

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    Sie schreiben: "...ich sehe nur ein quacksalberndes Durcheinander."

    - Die "destruktive Sextheorie" entsteht vor folgendem Hintergrund:

    /Zitat
    »Ihr Zustand wechselt nur noch zwischen tiefen Depressionen, Lach-, Wein- und Schreikrämpfen...

    Die Therapiesitzungen finden auf gemeinsamen Bootsfahrten, Spaziergängen und in Spielreins Wohnung statt, C.G. Jungs Behandlungsmethode bedeutet unter anderem auch: Sex....

    Sie haben Sex und diskutieren Sabina Spielreins Doktorarbeit."
    Zitat/

    - Die Grenzsetzungstheorie entsteht vor diesem Hintergrund:

    /Zitat
    Es kann sein, daß sich dieses Kind schnell eingewöhnt. Wahrscheinlicher ist aber, daß es in den ersten drei Monaten herausfinden möchte ... ob sie es zügeln können {\ppp} Es möchte herausfinden, ob die neue Familie nicht ebenso zerbricht, wie die, in der es aufwuchs.

    Diese Situation ist ein extremes Beispiel. Aber alle Kinder gleichen sich in einer Hinsicht: Sie brauchen Gewissheit, dass jemand da ist, der sie bremst."
    Zitat/

    Beides Mal wird der aus dem Extremfall eine Theorie über/für die Normalität abgeleitet, ein in der gesamten Psychologie, z. T. auch in den Sozialwissenschaften übliches Verfahren.

    PS: Ich bedanke mich für das "quacksalbernde Durcheinander". Es ist immer wieder herzerfrischend, mit solch kultivierten Menschen zu diskutieren.

    P

  3. ...da ist ein e reingerutscht.

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    Ihnen ist mehr als nur ein "e" verrutscht ;-)

    Da gibt sich einer Mühe strukturgebende Texterweiterungen hinzuzufügen, ... und dann kommt ein Banause und fühlt sich davon durcheinandergebracht?!

    Aber die Gemeinde mit Beiträgen belästigen, wleche auf einen kleinen Rechtschreibfehler hinweisen ... gehts noch eitler???

  4. Sie schreiben: "...ich sehe nur ein quacksalberndes Durcheinander."

    - Die "destruktive Sextheorie" entsteht vor folgendem Hintergrund:

    /Zitat
    »Ihr Zustand wechselt nur noch zwischen tiefen Depressionen, Lach-, Wein- und Schreikrämpfen...

    Die Therapiesitzungen finden auf gemeinsamen Bootsfahrten, Spaziergängen und in Spielreins Wohnung statt, C.G. Jungs Behandlungsmethode bedeutet unter anderem auch: Sex....

    Sie haben Sex und diskutieren Sabina Spielreins Doktorarbeit."
    Zitat/

    - Die Grenzsetzungstheorie entsteht vor diesem Hintergrund:

    /Zitat
    Es kann sein, daß sich dieses Kind schnell eingewöhnt. Wahrscheinlicher ist aber, daß es in den ersten drei Monaten herausfinden möchte ... ob sie es zügeln können {\ppp} Es möchte herausfinden, ob die neue Familie nicht ebenso zerbricht, wie die, in der es aufwuchs.

    Diese Situation ist ein extremes Beispiel. Aber alle Kinder gleichen sich in einer Hinsicht: Sie brauchen Gewissheit, dass jemand da ist, der sie bremst."
    Zitat/

    Beides Mal wird der aus dem Extremfall eine Theorie über/für die Normalität abgeleitet, ein in der gesamten Psychologie, z. T. auch in den Sozialwissenschaften übliches Verfahren.

    PS: Ich bedanke mich für das "quacksalbernde Durcheinander". Es ist immer wieder herzerfrischend, mit solch kultivierten Menschen zu diskutieren.

    P

  5. Ihnen ist mehr als nur ein "e" verrutscht ;-)

    Da gibt sich einer Mühe strukturgebende Texterweiterungen hinzuzufügen, ... und dann kommt ein Banause und fühlt sich davon durcheinandergebracht?!

    Aber die Gemeinde mit Beiträgen belästigen, wleche auf einen kleinen Rechtschreibfehler hinweisen ... gehts noch eitler???

    Antwort auf "Differenzieren"
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    "Banausoi" sind wörtl. Handwerker und ich bin keiner. "Strukturgebende Texterweiterungen" beziehen sich auf den Text, der übrigens bereits eine ganz gute Struktur hatte - im Gegensatz zum Kommentar, den ich kritisierte. Ich habe meinen eigenen Vertipper korrigiert, falls Ihnen das nicht recht auffiel. So viel zu Ihnen, Sie "Gemeinde"!

    Abgesehen davon mag man die Fehltritte der Psychoanalyse in frühen Jahren belächeln oder wutschnaubend die unbedeutendsten Fehler gleich aufs Ganze draufhauen, wie Kollege @Inoetal. Das ist nicht neu, die besserwissenden Geiferer gab es von Anfang an. Was nichts ändert an wesentlichen Einsichten Freuds für Sexualleben, Traumarbeit oder die Bewegungen des Unbewussten. C.G. Jung ist noch eine andere "Geschichte", an die ich selber nicht "glaube". Aber dass Forscher auf ihren Wegen ins Unbekannte seltsame Fehler oder Übertreibungen begehen, wie die Frau des Artikels, ist nichts, worüber man 100 Jahre später lästern müsste wie eine pseudoakademische Heilsmannschaft.

  6. "Banausoi" sind wörtl. Handwerker und ich bin keiner. "Strukturgebende Texterweiterungen" beziehen sich auf den Text, der übrigens bereits eine ganz gute Struktur hatte - im Gegensatz zum Kommentar, den ich kritisierte. Ich habe meinen eigenen Vertipper korrigiert, falls Ihnen das nicht recht auffiel. So viel zu Ihnen, Sie "Gemeinde"!

    Abgesehen davon mag man die Fehltritte der Psychoanalyse in frühen Jahren belächeln oder wutschnaubend die unbedeutendsten Fehler gleich aufs Ganze draufhauen, wie Kollege @Inoetal. Das ist nicht neu, die besserwissenden Geiferer gab es von Anfang an. Was nichts ändert an wesentlichen Einsichten Freuds für Sexualleben, Traumarbeit oder die Bewegungen des Unbewussten. C.G. Jung ist noch eine andere "Geschichte", an die ich selber nicht "glaube". Aber dass Forscher auf ihren Wegen ins Unbekannte seltsame Fehler oder Übertreibungen begehen, wie die Frau des Artikels, ist nichts, worüber man 100 Jahre später lästern müsste wie eine pseudoakademische Heilsmannschaft.

    Antwort auf "Kopfschüttel"
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe und diskutieren Sie das Artikelthema sachlich. Danke, die Redaktion/lv

  7. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe und diskutieren Sie das Artikelthema sachlich. Danke, die Redaktion/lv

    Antwort auf "Welche "Gemeinde"?"
  8. Heute würde die Diagnose Borderline (mit histrionischen Anteilen) lauten. Beziehungen werden sexualisiert aufgrund struktureller Defizite. Eine Diagnose/Erkenntnis die damals unbekannt war und erst mit der Objekttheorie entwickelt wurde. So gesehen gibt es tatsächlich in allen Psychiatrien viele derartige "hysterische" Pat. Nur dass diese früher anders diagnostiziert wurden. Und mit der Theorie und der Diagnose hat sich auch die Therapie geändert und professionalisiert. Interessant ist, dass sich die Borderlinespaltung und -Projektion regelmäßig in Gruppensupervision bei den Kollegen zeigt. Die (notwendige, stabilisierende) Spaltung (in Gut und Böse) findet sich ebenso, wie das damit verbundene Ausagieren der aggressiven Affekte, welches zu einer Spaltung in zwei Gruppen führt, die sich dann heftig bekämpfen. Wie eben hier im Forum. Im Übrigen würde der richtige Klarnahmen statt eines Pseudonyms zu mehr Seriosität führen (wie neuerdings bei der Bildzeitung online) - aber dann hätte ich nicht so schöne Kopiervorlagen für meine Ausbildungsseminare.

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    Sie schreiben: "Die (notwendige, stabilisierende) Spaltung (in Gut und Böse) findet sich ebenso, wie das damit verbundene Ausagieren der aggressiven Affekte, welches zu einer Spaltung in zwei Gruppen führt, die sich dann heftig bekämpfen. Wie eben hier im Forum."

    ... aber zumindest ich niemanden.

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