ZEIT Campus : Frau Theiss, Sie sind amtierende Weltmeisterin im Kickboxen und promovierte Medizinerin. Wie passt das zusammen?

Christine Theiss: Ich habe mit dem Kickboxen angefangen, als ich sieben Jahre alt war. Als ich dann mit 26 Profi wurde, hatte ich schon Medizin studiert und seit drei Jahren an meiner Doktorarbeit geschrieben. Ich wusste am Anfang einfach noch nicht, ob ich später beruflich kickboxen oder lieber an der Uni-Klinik arbeiten möchte. Also habe ich beides ausprobiert.

ZEIT Campus: Kampfsport und Wissenschaft sind aber doch sehr unterschiedliche Bereiche.

Theiss: Klar, die Aufgaben sind zunächst einmal völlig verschieden. Trotzdem habe ich sehr schnell gemerkt, dass viel von dem, was ich mir im Sport erarbeitet habe, auch beim Schreiben meiner Doktorarbeit wichtig war.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Theiss: Weltmeisterin zu werden oder zu promovieren sind zunächst abstrakte Ziele. Man braucht dann Disziplin, um sich Schritt für Schritt vorzuarbeiten. Das geht nur, wenn man genau weiß, was man will. Und wenn man sich strukturieren kann, ganz konkret mit Trainingsplan. Wenn ich beim Sandsacktraining nicht weiß, ob ich Kondition oder Technik trainiere, kann ich es gleich lassen. Dann haue ich einfach nur drauf.

ZEIT Campus: Was bedeutet das für die Promotion ?

Theiss: Bei der Promotion konnte ich auch nicht einfach drauflosschreiben, sondern habe genau geplant, welches Kapitel ich wann schreibe. Ich habe mit einer klinisch-statistischen Studie über Stammzelltherapie bei Herzinfarktpatienten promoviert. Dabei habe ich 44 Patienten vier Jahre lang mitbetreut und Tausende von Daten ausgewertet. Ohne Struktur wäre das nicht gegangen.

ZEIT Campus: Wie haben Sie sich strukturiert?

Theiss: Mein Tag war genau eingeteilt: von sechs bis neun Uhr Training, dann an den Schreibtisch. Mittags habe ich eine Pause eingelegt, dann ging die Arbeit an der Promotion weiter. Abends stand wieder Training an.

ZEIT Campus: Das klingt nach einem straffen Zeitplan. Können Sie auch mal lockerlassen?

Theiss: Andere Leute gehen joggen, um sich auszupowern. Das funktioniert bei mir nicht als Entspannung. Als Ausgleich brauche ich Ruhetage. Egal, wann der Wettkampf ansteht: Sonntag ist frei. Punkt. Da gehe ich in den Bergen wandern. Ich finde, man muss lernen, in sich hineinzuhören. Beim Boxen höre ich auf meinen Körper, bei der Promotion auf meinen Kopf.