ZEIT Campus: Und was ist, wenn einer von beiden sagt: "Ich kann nicht mehr"?

Theiss: Dann muss ich ehrlich zu mir selbst sein und die Erschöpfung anerkennen. Wenn ich ein Tief habe, stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn ich mein Ziel erreicht habe. Das Gefühl, gewonnen zu haben und nach dem Kampf den Gürtel hochzuhalten.

ZEIT Campus: Wie fühlt sich das an?

Theiss: Hammermäßig. Da kann ich mich so reinsteigern, dass mir vor Glück die Tränen in die Augen schießen. Genau so war es bei meiner Promotion: sich dieses Gefühl vorzustellen, in die Druckerei zu gehen, die fertige Arbeit abzuholen und sie endlich abzugeben. Das motiviert extrem.

ZEIT Campus: Gab es auch Rückschläge?

Theiss: Bei einem Amateurkampf habe ich zum Beispiel mal den Fehler gemacht, nach Treffern überhastet zu kontern, dabei habe ich meine Deckung aufgemacht. Punktniederlage.

ZEIT Campus: Wie sind Sie damit umgegangen?

Theiss: Da war bei mir erst mal Wundenlecken angesagt. Ich hatte keinen Bock, darüber zu reden oder zu analysieren, ich war einfach nur enttäuscht. Ich hatte das auch beim Schreiben der Doktorarbeit. Mein Doktorvater wollte Dinge oft ganz anders, als ich sie geschrieben hatte. Als ich die Arbeit nach langem Warten von der Erstkorrektur zurückbekam, war etliches rot angestrichen. Dabei hatte ich so viel Zeit und Mühe reingesteckt! Ich war stinkig und habe erst einmal nur geflucht.

ZEIT Campus: Wollten Sie hinschmeißen?

Theiss: Wenn ich etwas angefangen habe, dann ziehe ich das auch durch. Das habe ich beim Kickboxen gelernt. Bei Rückschlägen kann man heulen und fluchen, das ist in Ordnung. Aber dann muss man sich schütteln, wieder aufraffen und weitermachen. An meine Niederlagen denke ich heute überhaupt nicht mehr, die habe ich abgehakt.

ZEIT Campus: Und das funktioniert?

Theiss: Für mich ist die Einstellung unglaublich wichtig. Das klingt vielleicht nach einem Klischee. Aber ich habe fünf Jahre an meiner Promotion gearbeitet, da muss man sich ständig neu motivieren. Dass ich es im Ring immer wieder geschafft habe, gibt mir Selbstbewusstsein. Das habe ich auch bei der Promotion gemerkt. Ich zweifle einfach nicht an mir selbst. Sonst könnte ich weder boxen noch schreiben.