Kabarettist Vince Ebert"Ich muss alles hinterfragen"

Der Kabarettist Vince Ebert hat in Würzburg Physik studiert. In seiner alten Mensa spricht er über Wissenschaft, Adrenalin und Kaviar von 

Vince Ebert bestellt Hackbraten mit Pommes. Wer an 200 Tagen im Jahr auf der Bühne alles gibt, braucht Energie. Seit 2001 tourt Ebert mit seinen Soloprogrammen durch Deutschland und die Schweiz ; in seine alte Uni-Stadt kommt er dabei regelmäßig. Schätzen gelernt habe er Würzburg allerdings erst, seit er weggezogen sei, sagt er.

ZEIT CAMPUS: Herr Ebert, Sie haben hier Physik studiert – ein Studium, das Sie nachher gar nicht gebraucht haben.

Anzeige

Vince Ebert: Das stimmt überhaupt nicht! Die Wissenschaft ist meine Existenzgrundlage! Auf der Bühne versuche ich ja gerade, den Leuten Wissenschaft auf humorvolle Art und Weise nahezubringen.

ZEIT CAMPUS: In die Forschung wollten Sie aber nicht gehen. War Ihnen das schon zu Anfang Ihres Studiums klar?

Ebert: Nein, ich hab einfach Physik studiert, weil mir das in der Schule immer leichtgefallen ist. Fasziniert hat mich außerdem der Blickwinkel der Naturwissenschaften auf die Welt. Sie stellen immer wieder Vermutungen auf und überprüfen sie, irren sich also quasi nach oben. All die Theorien, die Schrödinger , Heisenberg oder Einstein aufstellten, fand ich hochspannend. Selber forschen musste ich erst während meiner Diplomarbeit.

ZEIT CAMPUS:Laut Wikipedia haben Sie die »ferroelektrischen Phasenübergänge an Betain-Mischkristallen« untersucht.

Ebert: Ein absolutes Knallerthema! Ich habe nächtelang bei gedimmtem Laserlicht dagesessen, Kristallsysteme auf 20 Kelvin runtergekühlt und dann gemessen. Dabei ist mir leider vor allem eines klar geworden: dass ich nicht 30 Jahre so zubringen wollte.

ZEIT CAMPUS: Und das am Ende des Studiums.

Ebert: Ja, das war kein guter Moment. Ich wusste nur, dass ich irgendwas mit Kommunikation machen wollte, aber bloß nicht Lehrer werden. Also habe ich in einer Unternehmensberatung angeheuert.

ZEIT CAMPUS: Wie hat es Ihnen dort gefallen?

Ebert: Ich fand es bizarr. Da geht man mit Ende 20 in einen Betrieb und erzählt Managern, die schon seit 30 Jahren in ihrem Job sind, wie sie ihren Laden zu führen haben! Was aber noch extremer war: Ich habe festgestellt, dass ich mit dem Arbeiten in einer Firma, mit Vorgesetzten und festen Zeiten, überhaupt nicht zurechtkomme. Und da hab ich wirklich Schiss gekriegt. Weil ich wusste, ich kann zwar den Job wechseln, aber das löst mein Problem nicht.

ZEIT Campus 2/2012
ZEIT Campus 2/2012

ZEIT CAMPUS: Sie hätten sich in der nächsten Firma genauso unwohl gefühlt.

Ebert: Ich habe es ja sogar versucht. Ich hab mich in der Kommunikationsabteilung eines Unternehmens für Industriegase beworben. Das Vorstellungsgespräch lief super, ich passte genau ins Profil. Trotzdem bekam ich eine Absage. Ich habe die Personalchefin angerufen und nachgefragt, warum. Sie sagte, ich sei ihr Wunschkandidat gewesen, aber sie habe im Gespräch gemerkt, dass ich den Job eigentlich gar nicht wolle. Ich war erst vollkommen entrüstet. Aber nach ein paar Tagen Nachdenken ist mir klar geworden: Die Frau hatte recht. Da habe ich den Entschluss gefasst, auf die Bühne zu gehen. 

ZEIT CAMPUS: Kabarettist werden – ist das so einfach?

Ebert: Erst mal war das eine Katastrophe! Man hatte mir zwar immer gesagt, dass ich gut Geschichten erzählen kann, aber es ist ein riesiger Unterschied, ob man das auf einer Party nachts um halb drei in der Küche macht oder ob man vor Publikum auf einer Bühne steht. Am Anfang ist man einfach nicht lustig, weil man das Handwerk noch nicht beherrscht. Ein Veranstalter, der mich schon lange begleitet, hat neulich zu mir gesagt: »Ich hab noch dein erstes Demotape. Wenn ich das einem Fernsehsender gebe, kann ich deine Karriere ruinieren!«

Leserkommentare
  1. "Herr Ebert, Sie haben hier Physik studiert – ein Studium, das Sie nachher gar nicht gebraucht haben."

    eines der gängigsten irrtümer:
    nur weil man nicht konkret das verwendet, was im studium erlernt wurde, soll es unbrauchbar sein.

    ist es nicht.
    das studium prägt das weltbild, die denkweise, das systematische herangehen an eine fragestellung oder ein problem, ... und viele weitere dinge.

    auch hier kann man sagen: du bist, was du isst! ;-)

    8 Leserempfehlungen
  2. 2. Danke

    .

  3. "Wenn ein Naturwissenschaftler korrekt sein will, muss er immer sagen: »Das ist nicht die Wahrheit, das ist nur der aktuelle Wissensstand.« Dadurch macht er sich natürlich angreifbar."

    Nö, eigentlich nicht. Es sollte allgemeines Grundwissen sein, dass die Naturwissenschaft immer nur MODELLE entwickelt, die nicht die Wahrheit sind, diese aber hinreichend gut beschreiben können.

    Ich finde es hervorragend, dass Vince Ebert auf humoristische Weise Wissenschaft vermittelt. Nur wenn er von Klimaforschung spricht, dann sträuben sich die Haare.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Es sollte allgemeines Grundwissen sein, dass die Naturwissenschaft immer nur MODELLE entwickelt, die nicht die Wahrheit sind, diese aber hinreichend gut beschreiben können."

    Ja, es SOLLTE! Ist es aber leider nicht.

    • Sarefo
    • 07. April 2012 11:16 Uhr

    Herr Ebert ist ein typischer Neoliberaler: Alles so lange "hinterfragen", bis es einem in die eigene Ideologie passt, aber dann ganz schnell damit aufhören, könnte ja gefährlich werden! Ähnlich einem Zuschauer, der hinter den Vorhang schaut und die Kulisse dahinter für die Realität hält. Man sollte in diesem Zusammenhang erwähnen dass Herr Ebert durch die Gegend tingelt und seinem leichtgläubigen Publikum erzählt das Klimaproblem sei eine Ersatzreligion, und "Klima nicht vorhersagbar". Wenn er sich mal ernsthaft, also nicht ideologiegebunden, dem Thema widmete, würde er schnell erkennen dass die Unsicherheiten in den Vorhersagen nicht zu unserem Vorteil stehen, sondern es wahrscheinlicher ist, dass das Problem drastischer ausfallen wird als es zum Beispiel der IPCC-Report auslegt. Schade für Herrn Ebert, dass er noch so jung ist, und darum sich in 30,40 Jahren wird anhören müssen dass er kräftig mitgeholfen hat die Energiereform aufzuhalten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Herr Ebert ist ein typischer Neoliberaler: Alles so lange "hinterfragen", bis es einem in die eigene Ideologie passt, aber dann ganz schnell damit aufhören, könnte ja gefährlich werden!"

    1) also wenn es typisch neoliberal seil soll, Dinge zu hinterfragen, dann frage ich mich ernsthaft, was man dagegen haben kann, neoliberal zu sein
    2) wie weit hinterfragen denn "linke" Kabarattisten wie Georg Schramm oder Volker Pisper die Fakten? So weit wie es Ihnen passt?

    "Schade für Herrn Ebert, dass er noch so jung ist, und darum sich in 30,40 Jahren wird anhören müssen dass er kräftig mitgeholfen hat die Energiereform aufzuhalten."

    1) Der Mann ist Physiker, wird also schon mal mehr von der Thematik verstehen, als 95% der restlichen Bevölkerung
    2) Der Mann ist Komiker, wie soll er bitte die Möglichkeit haben die Energiereform aufzuhalten? Wenn Kabrettisten Macht hätten, würden wir schon längst im Sozialismus leben ;)
    3) Das der Klimawandel in gewisser Weise religöse Züge annimmt, lässt sich auch schwer bestreiten. Das Thema ist halt gerade in, so wie damals das Waldsterben oder das Ozonloch.

    "seinem leichtgläubigen Publikum"
    1) Ebert regt meistens zum Nachdenken an. Nicht zum leichtgläubigen nachplappern... Und letztendlich soll er die Leute zum lachen bringen und keinen wissenschaftlichen Vortrag halten
    2) ist das Publikum von Pisper und Co etwa nicht leichtgläubig?

  4. "Es sollte allgemeines Grundwissen sein, dass die Naturwissenschaft immer nur MODELLE entwickelt, die nicht die Wahrheit sind, diese aber hinreichend gut beschreiben können."

    Ja, es SOLLTE! Ist es aber leider nicht.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Angreifbar?"
  5. Leider gibt es da eben auch das andere Gesicht von Vince Eberth, wo er sich als Klimaskeptiker präsentiert und anstatt dem Publikum humoristisch Wissenschaft nahe zu bringen, sich auf das Reproduzieren von Vorurteilen gegen Wissenschaft und Pseudoargumente beschränkt.

    Im Netz findet man zahlreiche Beispiele aus seinem Programm, ich habe stattdessen mal diesen Artikel von ihm aus novo argumento ausgewählt.

    Abgesehen davon, dass es wissenschaftlicher Unfug ist, das vernichtendste Urteil lautet: Es ist nicht einmal lustig.

    Schade, dass dies dem ZEIT-Autor nicht bekannt war, Fragen dazu wären hochinteressant gewesen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Anderes Gesicht" setzt voraus das Herr Ebert mehrere hätte.

    Er ermuntert seine Zuschauer, sich ihres Verstandes zu bedienen, und mit einer wissenschaftlichen Weise an ein Thema heranzugehen. Sich Fakten ansehen, und daraus unter Berücksichtigung dem aktuellen Stand unseres Wissens seine Rückschlüsse ziehen.

    Machen Sie mal ein Experiment: Sie nehmen 2 Fliegen. die erste sitzt am Tisch, sie klatschen -> die Fliege schwirrt weg.
    Der zweiten Fliege reissen sie die Flügel aus. Und klatschen danach erneut. Die Fliege fliegt nicht weg.
    Jetzt könnten Sie auch daraus schliessen das die 2. Fliege taub ist...

    Die Behauptung ist natürlich Unfug, aber sie klingt für den Unwissenden logisch. Und mangels ausgereifter und belastbarer Theorien und Modelle hat die Klimawissenschaft im Moment leider die gleiche Aussagekraft die das obige Experiment. Man schafft es ja nicht mal, Klima und Wetter (ja das sind 2 unterschiedliche Dinge) auf kurze Sicht vorherzusagen.

    Im Übrigen kommt die Kritik an der Klimadebatte in 2 Nebensätzen in einem sehr unterhaltsamen, niveauvollen und kurzweiligen Programm vor. Gucken Sie es sich mal an, es lohnt sich.

  6. Vince Ebert natürlich ohne "h" am Ende ;-)

  7. "Anderes Gesicht" setzt voraus das Herr Ebert mehrere hätte.

    Er ermuntert seine Zuschauer, sich ihres Verstandes zu bedienen, und mit einer wissenschaftlichen Weise an ein Thema heranzugehen. Sich Fakten ansehen, und daraus unter Berücksichtigung dem aktuellen Stand unseres Wissens seine Rückschlüsse ziehen.

    Machen Sie mal ein Experiment: Sie nehmen 2 Fliegen. die erste sitzt am Tisch, sie klatschen -> die Fliege schwirrt weg.
    Der zweiten Fliege reissen sie die Flügel aus. Und klatschen danach erneut. Die Fliege fliegt nicht weg.
    Jetzt könnten Sie auch daraus schliessen das die 2. Fliege taub ist...

    Die Behauptung ist natürlich Unfug, aber sie klingt für den Unwissenden logisch. Und mangels ausgereifter und belastbarer Theorien und Modelle hat die Klimawissenschaft im Moment leider die gleiche Aussagekraft die das obige Experiment. Man schafft es ja nicht mal, Klima und Wetter (ja das sind 2 unterschiedliche Dinge) auf kurze Sicht vorherzusagen.

    Im Übrigen kommt die Kritik an der Klimadebatte in 2 Nebensätzen in einem sehr unterhaltsamen, niveauvollen und kurzweiligen Programm vor. Gucken Sie es sich mal an, es lohnt sich.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service