ZEIT CAMPUS: Professor Metzinger, Sie sagen, mein Selbst existiere nicht. Das kann gar nicht sein: Ich sitze Ihnen hier gegenüber. Ich atme, und ich spüre meinen Körper, habe meine eigene Lebensauffassung und meine eigenen Gedanken...

Thomas Metzinger: Sie haben natürlich das Gefühl eines Selbst, aber das gehört nur zu einem vom Gehirn erzeugten Modell. Und das fühlt sich in etwa so an, als würden wir wie ein kleines Männchen hinter den Augen sitzen und in die Welt hinausschauen. Zu uns gehört der Körper, ein Volumen im Raum und eine Abgrenzung nach außen. Das ist das Grundgefühl, das uns das Gehirn manchmal vermittelt: jemand zu sein.

ZEIT CAMPUS: Manchmal? Ich fühle mich eigentlich die ganze Zeit selbst...

Metzinger: Wirklich? Da ist aber nichts Dauerhaftes, keine Seele oder Ähnliches , wie wir es uns immer vorstellen. Es ist eher eine Art vorübergehende Simulation. Im traumlosen Tiefschlaf zum Beispiel gibt es das nicht. Und im Traum wird oft ein ganz anderes Selbstmodell aktiviert, in dem man zum Beispiel fliegen kann, gleichzeitig aber schwere Gedächtnislücken hat und seine Aufmerksamkeit nicht steuern kann.

ZEIT CAMPUS: Wenn man sich das eigene Selbst so sehr einbildet, warum kamen Sie dann darauf, dass es vielleicht gar nicht existieren könnte?

Metzinger: Es gibt Hinweise, dass Teile unseres körperlichen Selbst angeboren sein könnten. Dieses Körperbild wäre dann genetisch festgelegt und könnte auch aktiv sein, wenn der Körper unvollständig ist. Viele Kinder, die ohne Arme und Beine geboren werden, erleben zum Beispiel sogenannte Phantomglieder: Sie spüren Hände, als würden sie zu ihnen gehören, obwohl sie keine haben und nie welche hatten. Unser Selbstbewusstsein steht offenbar nicht direkt mit unserem Körper in Kontakt. Der Neuropsychologe Peter Brugger hat eine Patientin ohne Gliedmaßen in den Scanner geschoben und sie gebeten, nacheinander mit ihren Phantomfingern den Daumen zu berühren, den sie eigentlich gar nicht hat. Und plötzlich wurden da Zonen im Gehirn aktiv: das Selbstmodell. Wurden diese Areale dann mit magnetischen Reizen von außen stimuliert, entstanden für die Frau Bewegungsempfindungen und Schmerzen in ihren nicht vorhandenen Fingern.

ZEIT CAMPUS: Das ist aber nur die körperliche Ebene. Was ist mit dem Ich-Gefühl?

Metzinger: Es gibt zum Beispiel eine sehr seltene Krankheit, bei der die Patienten fest überzeugt sind, dass sie selbst nicht existieren. Abgesehen davon können sie völlig klar denken. Man kann mit ihnen darüber ganz sachlich diskutieren, ihnen erklären, dass sie doch gerade zuhören und reden und deshalb ja eigentlich existieren müssen, aber sie sind für solche Argumente unzugänglich. Bei diesen Patienten ist anscheinend ein Teil des Selbstmodells ausgefallen, die "emotionale Selbstvertrautheit".

ZEIT CAMPUS: Das alles beschreiben Sie auch in Ihrem Buch "Der Ego-Tunnel" .

Metzinger: Ja, da geht es auch um meine Theorie des Selbstmodells. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben versucht, ein allgemein verständliches Buch zu schreiben, eine völlig neue Erfahrung!