Bis sie merkte, dass sie vielleicht alles falsch gemacht hat, dachte sich Carolin Dohmen, sie habe eigentlich alles richtig gemacht. In der Schule informierte sie sich über Berufsperspektiven, damit kann man nie früh genug anfangen. Sie lernte fürs Abitur, bekam gute Noten, ihr standen alle Möglichkeiten offen. Sie schrieb sich an der Uni ein für Molecular Life Sciences, einen Studiengang mit Zukunft, so etwas wird immer gebraucht. »Du wirst dir keine Sorgen machen müssen«, haben ihre Eltern gesagt.

Ein paar Wochen später sitzt Carolin in einem abgedunkelten Laborraum in Hamburg und macht sich Sorgen. Im Biologieunterricht in der Schule war es noch interessant, Zellen im Mikroskop zu beobachten. Aber ist das wirklich das Richtige? Etwas, womit man sich ein ganzes Leben beschäftigen kann? Das Interesse hat schon nach ein paar Tagen nachgelassen. »Je länger ich dasaß, desto nervöser wurde ich«, erinnert sich Carolin. Eigentlich könnte sie sich zurücklehnen mit der Aussicht auf eine sichere Zukunft. Aber genau die macht Carolin jetzt Angst. Kann man sein Studium hinschmeißen, weil die Aussichten zu verlässlich sind? Weil das Ungeplante fehlt? Kann es verkehrt sein, sich für Sicherheit zu entscheiden?

Praktikum oder Südamerikareise?

Der Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit holt früher oder später alle ein. Soll mir mein Studienfach eine gute Zeit versprechen – oder einen guten Job? Ziehe ich mit meinem Freund zusammen, oder mache ich ein Auslandssemester? Praktikum oder Südamerikareise? Im Studium trifft man in kurzer Zeit so viele wichtige Entscheidungen wie in kaum einer anderen Lebensphase. Stadt, Wohnung, Berufswunsch, Partner – es gibt nur wenig, was man zwischen Abitur und Uni-Abschluss nicht noch einmal verändern könnte. Und fast alle dieser vielen Möglichkeiten lassen sich mit einem von zwei Aufklebern versehen. »Freiheit« steht auf dem einen, »Sicherheit« auf dem anderen.

»Gerade bei sehr komplizierten Entscheidungen neigen wir dazu, Dinge zu vereinfachen, indem wir einige Gesichtspunkte und Informationen schlicht ignorieren«, sagt der Entscheidungsforscher Ulrich Hoffrage von der Universität Lausanne. So lässt sich alles in klare Kategorien einteilen. Und damit fangen die Probleme an. Problem Nummer eins: Die Aufkleber »Freiheit« und »Sicherheit« führen in die Irre. Statt Orientierung zu bieten, schaffen sie einen Mythos, der mit der Realität oft wenig zu tun hat.

Der Mythos Sicherheit geht so: »Entscheide dich für etwas Solides, und deine Zukunft ist sicher und sorgenfrei.« Das war das Versprechen, dem Carolin Dohmen gefolgt ist. 2008, als sie in der 12. Klasse war, gingen in den USA die ersten Investmentbanken pleite. In den Nachrichten hörte man düstere Prognosen für den Arbeitsmarkt, man sprach von Einstellungsstopps und Rezession. Irgendwann fühlte es sich für Carolin bedrohlich an, nicht zu wissen, was sie studieren und womit sie später einmal ihr Geld verdienen würde.

Wie sich das Bedürfnis nach Sicherheit verbreitet, hat der Soziologe Gert-Joachim Glaeßner untersucht. Es sei vor allem deshalb so groß, weil sich alte Regeln aufgelöst hätten, sagt er. Früher ließ sich jeder in eine Gruppe einordnen, die Handwerker etwa in ihre jeweilige Zunft, über die sie sich auch privat definierten. Heute jedoch gehört jeder einer Vielzahl von Gruppen an – aber keine deckt die Identität vollständig ab. »Die Individualisierung hat dazu geführt, dass man weniger Möglichkeiten hat, sich an festen Mustern zu orientieren«, sagt Glaeßner. Das wecke den Wunsch nach Verlässlichkeit. Der werde noch verstärkt durch die enorme Beschleunigung der Kommunikation und der Ereignisse, erklärt der Soziologe: »Wir leben in einer sich überschlagenden Zeit, die außer Kontrolle zu geraten scheint. Fukushima, Finanzkrise – wir hören von einer Katastrophe nach der nächsten, und zwar in enormer Geschwindigkeit.«

Es erscheint da erst einmal konsequent, auf Sicherheit zu setzen. Die Statistik gibt Hinweise, was sicher sein soll, etwa wenn es um die Studien- und Berufswahl geht: Es gibt viel mehr offene Stellen für Ingenieure als für Germanisten. Die Fachrichtung und der Abschluss beeinflussen bei Berufseinsteigern wesentlich die Höhe des ersten Gehalts, die Wartezeit bis zur ersten Stelle und die Chancen auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Eine Statistik spricht aber in Wahrscheinlichkeiten, sie gibt keine Garantien. Mit etwas Abstand betrachtet, ist es absurd, das Leben nach Wahrscheinlichkeiten auszurichten: Würde jemand nicht nach München ziehen, weil es heißt, es sei schwierig, dort eine Wohnung zu finden? Würde man sich einer Beziehung bloß deshalb verweigern, weil der potenzielle Partner sich von allen fünf Vorgängern getrennt hat, und zwar im Durchschnitt nach viereinhalb Monaten?