Es ist nicht immer leicht, die eigenen Bedürfnisse herauszufinden
Dass die Versprechen von Freiheit oder Sicherheit oft in die Irre führen, ist aber nicht die einzige Schwierigkeit. Da ist auch noch Problem Nummer zwei: Die Entscheidung, die man trifft, ist selten wirklich die eigene.
»In gewisser Weise ist die Freiheit der Entscheidung eine Illusion«, sagt Heiko Steffens vom Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre an der TU Berlin. Soll ich, oder soll ich nicht? Die Antwort auf diese Frage ist zu einem großen Teil sozial geprägt, erklärt Heiko Steffens: Das Elternhaus, der Beruf der Eltern, der Bildungshintergrund, der Lebensstil der Freunde – all das formt die eigenen Wünsche und Ansichten. Mit anderen Worten: Viele Ideale entwickelt man nicht selbst, sondern nimmt sie aus der Umgebung auf. Man beeinflusst sich gegenseitig und schafft dadurch eine Vernetzung, die einerseits ein festes Wertesystem gibt – andererseits aber auch die eigene Entscheidung einschränken kann. Das gilt für die Wahl des Studienfachs genauso wie für die Liebe und die eigenen Lebensziele.
Aus einer Richtung kommt die Nachricht, Ingenieure würden überall gesucht. Aus einer anderen rufen die Eltern, ein Jurastudium sei »etwas Sicheres«. Gleichzeitig hört man aber von dem Aussteiger im Freundeskreis, der ein Freisemester genommen hat und seine Fotos aus Neuseeland auf Facebook postet – Bilder, die allen zeigen sollen, wie schön es ist, einfach dem Wunsch nach Freiheit zu folgen. »Während wir darum ringen, was wir selbst aus freien Stücken tun wollen, wirken auf uns vielfältige Einflüsse von außen«, sagt der Entscheidungsforscher Ulrich Hoffrage.
Wer Geld verdienen muss, denkt anders über Sicherheit nach
Für viele aber stellt sich die Frage gar nicht erst. Carolin Dohmen hatte Glück, ihre Eltern bezahlten erst ihr Studium und dann einen Teil des Aufenthaltes in Kambodscha. Wer keinen hat, der für ihn zahlt, wer nach dem Seminar noch kellnern geht, muss sich selbst um Sicherheiten kümmern – und denkt über Freiheit oft anders nach. Wohin wir tendieren, kann also auch von der sozialen Herkunft abhängen. Kinder aus finanziell schwächeren Familien besuchen im Durchschnitt eher praxisorientierte Fachhochschulen als forschungsstarke Unis, studieren eher Ingenieurwissenschaften und Maschinenbau als Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Solche Entscheidungen versprechen jene Sicherheit, der viele Wohlstandskinder entfliehen wollen, weshalb sie nach Freiheit und Selbstverwirklichung streben. So wird ein und dasselbe Lebenskonzept für den einen zum Ideal und für den anderen zum Albtraum.
Aber was bleibt noch als Orientierung, wenn die Entscheidung nicht frei ist und die Labels »Freiheit« und »Sicherheit« so mehrdeutig sind? Ein klarer Kopf. Denn wer sich bewusst mache, was ihn beeinflusst, wer die Grundlage seines Handelns kenne, treffe eher die richtige Entscheidung, sagt der Psychologe Christoph Burger. »Wenn ich weiß, dass es das Bedürfnis nach Freiheit ist, das mich von zu Hause weg auf Weltreise treibt, und nicht der Wunsch, die Welt zu sehen, dann kann ich das eher infrage stellen.«
Natürlich ist es nicht immer leicht, die eigenen Bedürfnisse herauszufinden. »Wenn man überlegt, ob man etwas Bestimmtes tun will, sollte man sich fragen: Würde ich es nur deshalb tun, weil es mir nützt oder vor anderen besser aussieht, oder tue ich es um der Sache selbst willen?«, sagt der Entscheidungsforscher Ulrich Hoffrage aus Lausanne. »Würde ich auch dann dafür eintreten, wenn es mit persönlichen Opfern verbunden wäre?« Nur bei solchen Entscheidungen, die man aus Liebe zur Sache selbst trifft, sei man wirklich frei, sagt Hoffrage.
Die Studentin Saskia Holz traf genau eine solche Entscheidung. Eigentlich war für sie immer klar, wohin es gehen soll: nach Berlin. Doch als es so weit war, kurz nach dem Abitur, kam sie ins Zweifeln. Sollte sie nicht besser in Köln bleiben? Auf Lehramt studieren und mit Tobias, ihrem Freund, zusammenziehen? Berlin klang spannender, aber in Köln hatte Tobias die Aussicht auf eine sichere Stelle, sie kannte die Stadt. Sie solle unbedingt nach Berlin, haben viele gesagt. Aber sie blieb. »Andere halten es vielleicht für zu früh, wenn man schon zu Beginn des Studiums abends mit Freund und Katze auf der Couch sitzt«, sagt Saskia. »Aber ich will es eben so. Und wir gehen ja auch oft feiern, ich habe nicht das Gefühl, was zu verpassen.«
Die größte Gefahr für die eigene Zufriedenheit sei es, sich selbst zu belügen, sagt Psychologe Christoph Burger. Letztlich komme es auf einen individuellen Cocktail aus Freiheit und Sicherheit an: »Je weniger man sich dabei reinpfuschen lässt, desto besser – das gilt für Horror-Statistiken genauso wie für die romantischen Träume anderer Leute.« Die richtige Entscheidung zwischen Sicherheit und Freiheit sei diejenige, die man selbst treffe. Laut dem Schweizer Philosophen und Schriftsteller Peter Bieri ist man übrigens bereits dann frei, wenn man auch anders handeln könnte. Wirklich frei ist also jeder, der eine eigene Entscheidung treffen kann.
Carolin Dohmen und ihr Freund schrieben E-Mails aus Kambodscha, sammelten Spenden und gründeten eine Hilfsorganisation. Das erste Kinderhaus steht schon, nun bauen sie an einem zweiten. Im Sommer will Carolin trotzdem zurück nach Deutschland und Psychologie studieren. Sie hat für sich herausgefunden, was ihr wichtig ist, und selbst entschieden. Sie hätte in Kambodscha bleiben können. Aber ein bisschen wollte sie dann doch auf Nummer sicher gehen.







