Professoren-Kolumne"Wie übersteht man ein zu langes Referat?"

Wer Kritik äußert, gilt als böse. Für Professoren ist es besonders schwer, schlechte Referate zu überstehen, schreibt unser Kolumnist Fritz Breithaupt. von Fritz Breithaupt

Ich wäre jetzt lieber woanders. Die anderen auch. Nur der da vorne will nicht aufhören zu reden. Grinsend schwenkt er sein überlanges Handout. Ich freue mich schon auf den Wurf in meine Recyclingtonne: »Nichts soll verloren gehen«, steht da drauf.

Meine Überlebensstrategie ist: auch dem schlimmsten Referat etwas abgewinnen. Aber dieses muss ich einfach abwürgen. Eigentlich müsste ich rufen: »Entweder sagen Sie jetzt endlich was G’scheites, oder Sie verschwinden!« Das geht aber nicht. Auf keinen Fall darf ich den jungen Mann »traumatisieren«.

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Die Erfahrung unserer Bachelorstudenten hat stets positiv zu sein, so will es die neue Pädagogik. Sag ich ein böses Wort, sind alle gegen mich, auch die Studenten, die jetzt noch wie ich hoffen, dass jemand den Feueralarm drückt.

ZEIT Campus 2/2012
ZEIT Campus 2/2012

Die neue Erziehungslehre des Verhätschelns hat uns Professoren entmachtet. Sachliche Kritik wird als Besserwisserei ausgelegt, das Unterbrechen von Referaten als autoritäre Geste.

Früher war beides Beleg für unser Herrschaftswissen. Heute müssen wir freundlich lügen. Fast jedes Lob, das als Überleitung dient, ist so eine Notlüge. Ich unterbreche den jungen Mann also lobend und schlage ihm vor, uns das ganze Referat per YouTube zugänglich zu machen. »Damit nichts verloren geht.«

Professor Fritz Breithaupt, 44 , lehrt in den USA. Gerade ist sein Buch »Kultur der Ausrede« im Suhrkamp Verlag erschienen.

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Leserkommentare
  1. Ich musste während der Oberstufe pro Monat mindestens ein Referat oder zumindest einen Vortrag halten. Gott, wie hab ich das als Schüler gehasst. Auf der anderen Seite komme ich aber nun mit Referaten im Studium super klar, viel besser als andere. Einfach, weil ich es schon hundert mal gemacht habe.

    Wobei ich den rein pädagogischen Nutzen bei Referaten nicht verstehe. Zwar beschäftigt sich jemand eingehend mit einer Materie, die übrigen Teilnehmer hören jedoch allenfalls halb zu, entweder, weil sie ihr Referat schon gehalten haben und sich daher entspannen, oder, weil ihr Referat noch bevor steht und sie daher Bammel haben. Wirklich lernen tut da keiner was. Wäre es nicht sinnvoller, ein oder zwei Pflichtveranstaltungen über das Halten von Referaten einzubinden und stattdessen auf sämtliche Vorträge zu verzichten?

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    • Blin3
    • 13. April 2012 18:48 Uhr

    Es ist sein Job, er bekommt Geld dafür. Ein Referat ist keine Unterhaltungsshow.

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  2. will ein schlechtes Referat halten. Ein gutes zu halten lernt man aber nur durch sachgemäße Kritik.

    Professoren, die nicht kritisieren, schaden ihren Studenten.

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    • eklipz
    • 13. April 2012 19:23 Uhr

    aber auch hier tragen die Lehrkräfte nur bedingt die Schuld. Wenn in einem Seminar 40 Menschen und mehr sitzen (bei ca. 12-15 Sitzungen im Semester), die alle ein Referat halten sollen, bleibt einfach keine Zeit für ausreichend Diskussion und Kritik in der Gruppe.

  3. Lieber Herr Breithaupt,
    herzlichen Dank für diesen, leider etwas zu kurz geratenen Kommentar. Ich habe Vorschläge vermisst, sowohl für Dozenten als auch Studierende, wie man aus solchen Situationen herauskommt.

    Fakt ist, das kann ich als angehender Dozent bestätigen, dass das Vortragen an den Unis nicht gelehrt wird. Es wird einfach erwartet, dass der Student das könne. Aber woher denn auch, wenn 1. die Uni keine Kurse anbietet, die sich allein mit der Präsentation beschäftigen und 2. der Dozent scheinbar, wie Sie berichten, nicht einschreiten darf.

    Wie so häufig ziehen sich dann im Ansatz gute Studenten zurück und werden entmutigt, sich weiter zu beteiligen.

    Mir scheint, als ob bei all der Reformerei unseres Bildungssystems vieles auf der Strecke bleibt. Auch habe ich das Gefühl, dass die Wandlung von Diplom- und Magisterstudiengängen zu Bachelor- und Masterabschlüssen diesen Mangel an Wissen nur bestärkt.

    4 Leserempfehlungen
    • eklipz
    • 13. April 2012 19:23 Uhr

    aber auch hier tragen die Lehrkräfte nur bedingt die Schuld. Wenn in einem Seminar 40 Menschen und mehr sitzen (bei ca. 12-15 Sitzungen im Semester), die alle ein Referat halten sollen, bleibt einfach keine Zeit für ausreichend Diskussion und Kritik in der Gruppe.

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    Antwort auf "Niemand"
  4. Ich kann mich noch an einen Philosophieprofessor im zweiten Semester erinnern: Der hat jedes, ich betone, JEDES Referat nach wenigen Sätzen korrigierend unterbrochen, und wir hatten die Kritik der reinen Vernunft solange diskutiert bis wirs auswendig kannten. Aber er hatte als "Leibnizianer" natürlich schon "sehr spezielle" Ansichten zu Kant.
    Nach der Unterbrechung in den ersten Sekunden des Referats konnte man sich gemütlich zurücklehnen, denn den Rest der 90 Minuten hat der einfach weiter monologisiert und man bekam seine 3 bis 4 (höchstens). Und das galt für alle.

    In Sachen Sozialpsychologie haben wir also ne Menge gelernt.
    Vor allem übers Ego. ^^

    3 Leserempfehlungen
  5. ist keine zeit mehr?

  6. Professor Breithaupt lehrt in den USA. Welche Reichweite diese "pädagogische Richtlinie" hierzulande hat, wüßte ich gerne?
    Ich kann mich bei Referaten sowohl an Kritik erinnern, an bereichernde (und natürlich auch überflüssige), und mittlerweile gibt es Vorlesungen über das Halten von Referaten.
    Das beständige Vermeiden von jeglicher, auch konstruktiver Kritik ist jedoch ein USA-Phänomen.

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    Ja, das habe ich mir auch sofort gedacht, als ich gelesen habe, wo Herr Breithaupt lehrt. Hier in Deutschland ist mir das soweit noch nicht aufgefallen. Natürlich gibt's da Unterschiede zwischen einzelnen Lehrenden, die je nach verfügbarem Zeitrahmen und Charakter unterschiedlich kritisieren und diskutieren. Aber dieses Verhätscheln findet seine Höchstform tatsächlich in den USA. Habe mich mal mit einer Lehrerin einer Privatschule unterhalten. Da muss man sogar eine Erklärung dazu unterschreiben! Kritik geht gar nicht, aber auch keine persönlichen Wertungen. Die Kinder sollen sich ja selbst ihre Meinung bilden...
    Na ja, aber in dem Land wird ja "Höflichkeit" eh sehr groß geschrieben, da kriecht dir ja dein größter Feind öffentlich noch in den Arsch. Hinterm Rücken sieht's dann natürlich ganz anders aus...

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  • Schlagworte Buch | Pädagogik | Student | Suhrkamp-Verlag | YouTube | USA
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