Professoren-Kolumne : "Wie übersteht man ein zu langes Referat?"

Wer Kritik äußert, gilt als böse. Für Professoren ist es besonders schwer, schlechte Referate zu überstehen, schreibt unser Kolumnist Fritz Breithaupt.

Ich wäre jetzt lieber woanders. Die anderen auch. Nur der da vorne will nicht aufhören zu reden. Grinsend schwenkt er sein überlanges Handout. Ich freue mich schon auf den Wurf in meine Recyclingtonne: »Nichts soll verloren gehen«, steht da drauf.

Meine Überlebensstrategie ist: auch dem schlimmsten Referat etwas abgewinnen. Aber dieses muss ich einfach abwürgen. Eigentlich müsste ich rufen: »Entweder sagen Sie jetzt endlich was G’scheites, oder Sie verschwinden!« Das geht aber nicht. Auf keinen Fall darf ich den jungen Mann »traumatisieren«.

Die Erfahrung unserer Bachelorstudenten hat stets positiv zu sein, so will es die neue Pädagogik. Sag ich ein böses Wort, sind alle gegen mich, auch die Studenten, die jetzt noch wie ich hoffen, dass jemand den Feueralarm drückt.

Die neue Erziehungslehre des Verhätschelns hat uns Professoren entmachtet. Sachliche Kritik wird als Besserwisserei ausgelegt, das Unterbrechen von Referaten als autoritäre Geste.

Früher war beides Beleg für unser Herrschaftswissen. Heute müssen wir freundlich lügen. Fast jedes Lob, das als Überleitung dient, ist so eine Notlüge. Ich unterbreche den jungen Mann also lobend und schlage ihm vor, uns das ganze Referat per YouTube zugänglich zu machen. »Damit nichts verloren geht.«

Professor Fritz Breithaupt, 44 , lehrt in den USA. Gerade ist sein Buch »Kultur der Ausrede« im Suhrkamp Verlag erschienen.

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