In einem Wiener Café entdeckt Teddie eine Frau, die ihm gefällt. Er setzt sich zu ihr. Wenig später verschwinden die beiden in einem Hotelzimmer. Der Student Theodor Ludwig Wiesengrund Adorno, der später als einer der größten Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird, hat mal wieder eine Frau abgeschleppt.

Im Mai 1925 ist das Liebesleben des 21-Jährigen chaotisch: Teddie – so nennen ihn seine Freunde – steckt in einer unglücklichen Affäre mit einer Journalistin. Verliebt ist er in eine andere Frau, doch die will nichts von ihm wissen. Außerdem hat er noch eine Freundin in Berlin, die Chemikerin Gretel Karplus, die er später heiraten wird. In einem Brief beichtet er einem älteren Freund, dem Soziologen Siegfried Kracauer, seinen One-Night-Stand.

Drei Monate zuvor hat Adorno noch sehr euphorisch seine Heimatstadt Frankfurt am Main verlassen, um bei dem österreichischen Komponisten Alban Berg zu lernen. Sein erstes Studium war da bereits erfolgreich beendet: sieben Semester Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musikwissenschaft an der Universität Frankfurt. Seine Doktorarbeit über den Philosophen Edmund Husserl hat Adorno im Sommer 1924 in nur drei Monaten geschrieben, er bekam ein »summa cum laude«.

Jetzt träumt der Sohn einer Opernsängerin von einer Karriere als Komponist. Doch in Wien geraten seine Musikprojekte ins Stocken. Affären? Liebeskummer? Selbstzweifel? Normal für einen Studenten Anfang 20, der gerade zu Hause ausgezogen ist. Aber auch für Theodor W. Adorno? Immerhin wird er später in seinem berühmten Kulturindustrie-Essay über Hollywood, Jazz und leichte Unterhaltung schimpfen. In seiner Ästhetischen Theorie wird er von der Kunst fordern, sie solle eine »gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft« sein. Und viele seiner späteren Leser werden ihn als notorischen Pessimisten und Kultursnob kennenlernen, als Glatzkopf und Hornbrillenträger, der auf Autorenfotos stets schlecht gelaunt aussieht.

Doch in den zwanziger Jahren führt Adorno ein hedonistisches Boheme-Leben in Frankfurt, Wien und Berlin. Er geht viel aus, trifft sich mit Intellektuellen wie Walter Benjamin, Leo Löwenthal und Ernst Bloch. Er hängt in den Wiener Kaffeehäusern rum, trinkt Unmengen von Kaffee mit Schlagobers, besucht Opern und Konzerte. Frauen küsst er die Hand, seine Uhr trägt er an einer Kette in der Hemdtasche. Sieht er in einem Café ein Klavier, klappt er den Deckel hoch und spielt Ragtime – pure Unterhaltungsmusik.