Studenten von früherTheodor W. Adorno

Der Philosoph und notorische Kulturpessimist führte als Student ein Boheme-Leben - One-Night-Stands inklusive. Teil 34 unserer Serie über Studenten von früher von Katharina Wagner

In einem Wiener Café entdeckt Teddie eine Frau, die ihm gefällt. Er setzt sich zu ihr. Wenig später verschwinden die beiden in einem Hotelzimmer. Der Student Theodor Ludwig Wiesengrund Adorno, der später als einer der größten Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird, hat mal wieder eine Frau abgeschleppt.

Im Mai 1925 ist das Liebesleben des 21-Jährigen chaotisch: Teddie – so nennen ihn seine Freunde – steckt in einer unglücklichen Affäre mit einer Journalistin. Verliebt ist er in eine andere Frau, doch die will nichts von ihm wissen. Außerdem hat er noch eine Freundin in Berlin, die Chemikerin Gretel Karplus, die er später heiraten wird. In einem Brief beichtet er einem älteren Freund, dem Soziologen Siegfried Kracauer, seinen One-Night-Stand.

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Drei Monate zuvor hat Adorno noch sehr euphorisch seine Heimatstadt Frankfurt am Main verlassen, um bei dem österreichischen Komponisten Alban Berg zu lernen. Sein erstes Studium war da bereits erfolgreich beendet: sieben Semester Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musikwissenschaft an der Universität Frankfurt. Seine Doktorarbeit über den Philosophen Edmund Husserl hat Adorno im Sommer 1924 in nur drei Monaten geschrieben, er bekam ein »summa cum laude«.

Der Steckbrief

Lebenszeit:
1903 bis 1969

Studium:
Philosophie, Psychologie, Soziologie, Musikwissenschaft

Besondere Vorkommnisse:
verfasste für eine seiner Affären ein Poesiealbum mit Gedichten

Wichtigste Auszeichnung:
leitete ab 1958 das Frankfurter Institut für Sozialforschung

Jetzt träumt der Sohn einer Opernsängerin von einer Karriere als Komponist. Doch in Wien geraten seine Musikprojekte ins Stocken. Affären? Liebeskummer? Selbstzweifel? Normal für einen Studenten Anfang 20, der gerade zu Hause ausgezogen ist. Aber auch für Theodor W. Adorno? Immerhin wird er später in seinem berühmten Kulturindustrie-Essay über Hollywood, Jazz und leichte Unterhaltung schimpfen. In seiner Ästhetischen Theorie wird er von der Kunst fordern, sie solle eine »gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft« sein. Und viele seiner späteren Leser werden ihn als notorischen Pessimisten und Kultursnob kennenlernen, als Glatzkopf und Hornbrillenträger, der auf Autorenfotos stets schlecht gelaunt aussieht.

Doch in den zwanziger Jahren führt Adorno ein hedonistisches Boheme-Leben in Frankfurt, Wien und Berlin. Er geht viel aus, trifft sich mit Intellektuellen wie Walter Benjamin, Leo Löwenthal und Ernst Bloch. Er hängt in den Wiener Kaffeehäusern rum, trinkt Unmengen von Kaffee mit Schlagobers, besucht Opern und Konzerte. Frauen küsst er die Hand, seine Uhr trägt er an einer Kette in der Hemdtasche. Sieht er in einem Café ein Klavier, klappt er den Deckel hoch und spielt Ragtime – pure Unterhaltungsmusik.

Leserkommentare
  1. Sehnsucht nach der alten Zeit machender Artikel über einen in der heutigen Sprache immer noch coolen "Oberburner"

    Eine Leserempfehlung
  2. dass ein Kapitalismuskritiker nie die eigene elitäre Haltung zum "niederen" Geschmack reflektiert.

    komisch, dass ein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft in Bordelle geht und die Spaltung in Ehefrau/Hure mitträgt.

    komisch, dass so viele Frauen mit einem so schlechtgelaunten Typen ins Bett gegangen sind.

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    "dass ein Kapitalismuskritiker nie die eigene elitäre Haltung zum "niederen" Geschmack reflektiert."

    Was hat er denn dazu gesagt? Das was ich kenne, hört sich recht vernünftig an. Da kritisiert er nicht den Geschmack des Durchschnittlichen, sondern die Anpassung der Kulturindustrie allein darauf, uU mit fatalen Folgen für eine hochentwickelte und komplexe Gesellschaft.

    "komisch, dass ein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft in Bordelle geht und die Spaltung in Ehefrau/Hure mitträgt."

    Woher hast du das mit den Bordellen? Hab ich es überlesen?

    Davon abgesehen ist es aus Männersicht vielmehr so, dass die Frauen sich selbst aufspalten. IdR zu ihrem eigenen Nutzen und im Fall der Hure wohl auch zum Nutzen der sexuell vernachlässigten männlichen Kundschaft.

    "komisch, dass so viele Frauen mit einem so schlechtgelaunten Typen ins Bett gegangen sind."

    War er ja offenbar erst später:
    "Höflich, gesellig, dandyhaft und hochbegabt, so beschreiben ihn seine Freunde. Charmant und gut aussehend, sagen die Frauen"
    und "wohlhabend" nicht vergessen. Es gibt genug Frauen denen das reicht.

    Und später kam wohl noch eine gewisse Bekanntheit hinzu, die aber seine Hornbrille und Glatze nicht ausreichend kaschierte, irgendeinen Grund für seine schlechte Laune muss es ja geben ;-)

    haben Sie den Artikel eigentlich gelesen?

    Dabei hat er Partei ergriffen für Frauen, deren Körper weit mehr dem Commerz und der Verdinglichung ausgesetzt sind. Er hat früh erkannt, dass die totale Wirtschaft ins Intimste des Menschen eingreift, in den Umgang mit dem menschlichen Körper.

    "Die Haßliebe gegen den Körper färbt alle neuere Kultur. Der Körper wird als Unterlegenes, Versklavtes noch einmal verhöhnt und gestoßen und zugleich als das Verbotene, Verdinglichte, Entfremdete begehrt...

    Die drüben den Körper priesen, die Turner und Geländespieler, hatten seit je zum Töten die nächste Affinität, wie die Naturliebhaber zur Jagd.

    Sie sehen den Körper als beweglichen Mechanismus, die Teile in ihren Gelenken, das Fleisch als Polsterung des Skeletts. Sie gehen mit dem Körper um, hantieren mit seinen Gliedern, als wären sie schon abgetrennt. Die jüdische Tradition vermittelt die Scheu, einen Menschen mit dem Meterstab zu messen, weil man die Toten messe – für den Sarg.

    Das ist es, woran die Manipulatoren des Körpers ihre Freude haben. Sie messen den anderen, ohne es zu wissen, mit dem Blick des Sargmachers. Sie verraten sich, wenn sie das Resultat aussprechen: sie nennen den Menschen lang, kurz, fett und schwer. Sie sind an der Krankheit interessiert(...)"

    http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/isf-diktatur.freundlichkeit_lp-i...

    • dacapo
    • 07. Juni 2012 0:51 Uhr

    ......war Adorno schlecht gelaunt? Hatte ich seinerzeit garnicht mitbekommen.

  3. Selbst ich war einen Moment unschlüssig bein Anblick des älteren Herrn auf den Foto ob seiner unstillbaren Potenz. Dieses leidige vor- und rückprojizieren.
    Dabei herrschte in den 1920ern akuter Männermangel, aus wohlbekannten Gründen. Man musste sich als junger Mann schon sehr anstrengen, um nicht ...

    Eine Leserempfehlung
  4. selbst in "wissenschaftlichen Zeitschriften," nicht veröffentlicht gekriegt. Versuchen Sie mal die "Ästhetische Theorie" oder seine Hegel-lektüre.

    Ansonsten lustiger Artikel.

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    • S0T86
    • 06. Juni 2012 18:37 Uhr

    ... dann wüssten sie, dass in seinen "komplexen Texten" durchaus philosophiegeschichtlich Wertvolles drinsteckt. Das seine Texte angeblich nicht mehr publiziert werden würden, läge dann höchstens an der Armut gegenwärtiger Philosophie. Da ich aber Philosophie studiere, weiß ich, dass solche Texte noch publiziert werden. Übrigens: Die Lektüre der "Dialektik der Aufklärung" würde in unserer heutigen kapitalistischen und sehr auf Verdinglichung konzentrierten Zeit nicht Wenigen sehr gut tun. Was wäre das 20te Jahrhundert ohne Adorno?

  5. Da hat Adorno also in jungen Jahren - mehr, als er es sich selbst verzeihen konnte - genossen, was er später in seinen Schriften verdammte; auf Basis der eigenen Schuldgefühle moralische Grundsätze für alle entwickelt. Vielleicht kann man ihn als den Augustinus der Religion namens "Kritische Theorie" bezeichnen.

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    kleinkarierter moralismus.
    dass Sie ausgerechnet die 'kritische theorie', die sich am konsequentesten gegen das verabsolutierende denken stellt und sich jeglicher positiver setzungen enthält, in die nähe der religion rücken, lässt in etwa ahnen, wie es um Ihre kenntnis dieses denkens bestellt ist.

  6. Es wäre wünschenswert, wenn die Leute sich mit Adornos Werk auseinandersezen würden. Diese Klatschgeschichten sind verabscheuungswürdig.

    Eine Leserempfehlung
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    • Leotse
    • 07. Juni 2012 14:24 Uhr

    stehen halt Klatschgeschichten. Den Fehler begehen also Sie, indem sie die für Sie zu leichte Lektüre lesen.

  7. Dass Adorno heute in Philosophie-Journals nix mehr veröffentlicht kriegen würde, hat mit einer sehr gesunden Entwicklung in der Philosophie zu tun.
    Diese wird heute als ernsthafte Wissenschaft - und nicht als das mutige Aneinanderreihen von Abstrakta (zu denen selten intersubjektive Übereinstimmung der Definitionen herrscht) zur Welterklärung. Frei nach Heidegger: Das Ding des Dinges ist das Ringen des Ringes. Oder Hegel: Weltgeist vs. Absolutgeist.

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    • R_B
    • 06. Juni 2012 20:52 Uhr

    für eine positive Wissenschaftstheorie, welche die Frankfurter zeit ihres Lebens kritisiert haben. Ich bezweifle allerdings, dass Sie diese ernsthaft verstanden haben. Wer einmal zu tief im ewig repetitiven Denken drinsteckt, wird kaum je wieder dazu in der Lage sein, sich davon zu lösen. Mein Mitleid haben Sie jedenfalls.

    • S0T86
    • 06. Juni 2012 18:37 Uhr

    ... dann wüssten sie, dass in seinen "komplexen Texten" durchaus philosophiegeschichtlich Wertvolles drinsteckt. Das seine Texte angeblich nicht mehr publiziert werden würden, läge dann höchstens an der Armut gegenwärtiger Philosophie. Da ich aber Philosophie studiere, weiß ich, dass solche Texte noch publiziert werden. Übrigens: Die Lektüre der "Dialektik der Aufklärung" würde in unserer heutigen kapitalistischen und sehr auf Verdinglichung konzentrierten Zeit nicht Wenigen sehr gut tun. Was wäre das 20te Jahrhundert ohne Adorno?

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    "Übrigens: Die Lektüre der "Dialektik der Aufklärung" würde in unserer heutigen kapitalistischen und sehr auf Verdinglichung konzentrierten Zeit nicht Wenigen sehr gut tun."

    Nein, lieber mit einem schlafenden Verstand leben als mit einem wachen - denn ändern kann man so oder so nichts.

    es sie überhaupt gibt, dann besteht doch darin, Philosophen zu verteidigen, anstatt den eignen Ansatz zu formulieren. Da haben Sie recht, Adorno hat andere Philosophen stets kritisiert, als verteidigt. Meine Aussage ist deskriptiv zu verstehen. Was jeder von den heutigen Maßstäben hält, steht auf einem anderen Blatt.

    Die deutsche Wissenschaftssprache macht es möglich: Hat man den Satz endlich verstanden, ist man geneigt, nach so viel Mühen, auch Inhalt zu vermuten.

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