Wirtschaftswissenschaft Nach dem Crash
Die Krise hat die Finanzwelt verändert. Was heißt das für Absolventen?
Wer nach dem Studium bei einer Bank oder Versicherung arbeiten will, betritt eine Welt, die heute anders ist als noch vor fünf Jahren. Die Finanzmarktkrise hat die Branche durcheinandergeschüttelt und die Spielregeln für Banker und Versicherungsexperten neu geschrieben. Zwei Veränderungen bekommen Absolventen der Wirtschaftsstudiengänge besonders deutlich zu spüren: Die Finanzbranche hat an Reputation eingebüßt, und zwar gewaltig. Und die Politik mischt sich nun stärker ein als bisher, um die Geschäfte von Banken und Versicherungen zu kontrollieren.
Um ihr ramponiertes Image zu verbessern und auch in Zeiten strengerer Finanzaufsicht ihr Geld zu vermehren, brauchen Banken und Versicherungen neue Ideen – und das ist eine Chance für Berufseinsteiger. Aber von vorn: Als 2008 die ersten sogenannten systemrelevanten Banken zusammenbrachen, fand die Öffentlichkeit ein neues Synonym für die Menschen, die dort arbeiten: Zocker. Besonders das unter Wirtschaftsabsolventen einst beliebte Investmentbanking hat an Ansehen verloren; hier wurden vor der Krise jene riskanten Geschäfte gemacht, die das weltweite Finanzsystem ins Wanken brachten. Wer vor allem nach einem hohen Gehalt und dicken Boni strebt, der ist in einer Investmentbank wohl immer noch gut aufgehoben. Doch die Stellen sind rar geworden: Großbanken wie die Deutsche Bank, die Schweizer Credit Suisse oder die Royal Bank of Scotland haben angekündigt, in diesem Jahr mehrere Tausend Stellen in ihrer Investmentsparte zu streichen. Und auch die Gehälter sind deutlich schmaler geworden. Wer als Einsteiger damit rechnet, schon bald sechsstellige Beträge auf seinem Konto zu sehen, der hofft mittlerweile oft vergeblich.
Nach den Vorstellungen der Bundesregierung müssen auch Versicherungsmakler künftig auf Einkünfte verzichten: Die Maklerprovisionen für private Krankenversicherungen und Lebensversicherungen sollen abgeschafft oder zumindest stark beschränkt werden. In vielen nordeuropäischen Ländern sind diese Provisionen bereits verboten, in den Niederlanden werden sie ab 2013 stark eingeschränkt.
Aber nicht nur bei Provisionen und Gehältern wird Bankern und Maklern auf die Finger geschaut. Auch die Produkte, die sie vertreiben, werden jetzt stärker reguliert. Viele Länder, darunter Deutschland, hatten während der Krise den Handel mit riskanten Finanzprodukten untersagt; diese Verbote gelten teilweise bis heute. So sind etwa Leerverkäufe bestimmter Aktien – das heißt, Wertpapiere zu verkaufen, die man gar nicht besitzt, und dann auf sinkende Kurse zu spekulieren – teilweise immer noch nicht erlaubt.
Die strengeren Kapitalvorschriften für Banken haben den Berufsalltag der Branche verändert. Das Abkommen »Basel III« verlangt eine höhere Eigenkapitalquote, die Institute müssen künftig also mehr eigenes Kapital im Verhältnis zum geliehenen Geld hinterlegen. Das beeinflusst auch die Geschäfte, die im riskanten Investmentbanking getätigt werden können. Denn besonders hohe Renditen wurden häufig erst dadurch möglich, dass man wenig eigenes Geld einsetzte und mit fremdem Geld spekulierte.
Ebenso wie die großen Bankhäuser werden die Verwalter von alternativen Anlagefonds, also etwa von Hedgefonds, Immobilienfonds und Private-Equity-Fonds, stärker kontrolliert: Gemäß der AIFM-Richtlinie (Alternative Investment Fund Managers) müssen sie von nun an den Behörden regelmäßig mitteilen, mit welchen Instrumenten sie handeln und welche Risiken dabei entstehen können.
Voraussichtlich Anfang 2013 tritt auch für die Versicherungsbranche eine wichtige Reform in Kraft: Mit dem »Solvency-II«-Abkommen will die EU-Kommission die Versicherungen strenger beaufsichtigen. Ähnlich wie Banken sollen Versicherungen mehr Eigenmittel bereithalten, um für den Schadensfall gerüstet zu sein. Außerdem müssen sie ihr Risikomanagement verbessern, indem sie beispielsweise ein internes Kontrollsystem einrichten; darüber hinaus werden sie verpflichtet, den Aufsichtsbehörden wie auch der Öffentlichkeit über dieses Risikomanagement zu berichten.
All diese Neuerungen führen dazu, dass sich Banken und Versicherungen umorientieren müssen. Viele Versicherungen steigen neuerdings ins Kreditgeschäft ein. Früher war das eine klassische Bankerdomäne, die Versicherungsbranche hat vergleichsweise wenige Spezialisten auf diesem Gebiet und kann Absolventen mit entsprechendem Wissen gut gebrauchen. Banken schneiden ihre Finanzprodukte immer öfter auf Kunden zu, die nach moralisch vertretbaren und nachhaltigen Formen des Zinsgewinns suchen: zum Beispiel Fonds aus Aktien von Unternehmen, die umweltfreundlich produzieren, oder Wertpapiere von Firmen, die Entwicklungsprojekte betreiben. Für diese Anlageformen brauchen Banken Personal, das die Kunden in ihrem Streben nach Nachhaltigkeit berät und Jahresberichte von Firmen auf ethisch korrektes Handeln prüft.
Klimawandel oder die Occupy-Proteste
Auch die Hochschulen werben damit, verantwortungsbewusste Finanzexperten auszubilden. Die private European Business School in Oestrich-Winkel hat zwei philosophische Lehrstühle geschaffen, die Frankfurt School of Management and Finance bietet einen Bachelorstudiengang an, der die Disziplinen Betriebswirtschaftslehre, Philosophie und Politikwissenschaften vereint. Und an der Mannheim Business School ist ein Sozialprojekt Pflicht für alle MBA-Studenten – zwischen Führungsseminar und Marketingvorlesung organisieren die angehenden Manager zum Beispiel Lebensmitteltafeln für Bedürftige. Auch im Ausland wurden Lehren aus der Krise gezogen: An der Londoner Cass Business School startet dieses Semester ein Modul, das Wirtschaftsstudenten für die ethischen und sozialen Konsequenzen ihres Handelns sensibilisieren soll. Auf dem Lehrplan stehen dann etwa der Klimawandel oder die Occupy-Proteste.
Studenten müssen sich in Zukunft wohl auch stärker zwischen Banken- und Versicherungsbranche entscheiden. Was bislang als »Master in Banking and Finance« zusammengefasst wurde, soll künftig in separate Masterprogramme für Versicherungswirtschaft und Bankwesen getrennt werden. Einige Hochschulen, zum Beispiel die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, bieten die spezialisierten Studiengänge schon an. Deren Absolventen dürften gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben: Laut einer Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften legt die Finanzbranche bei Absolventen immer größeren Wert auf Fachwissen und wünscht sich eine stärkere Spezialisierung in der Ausbildung.
Ob all das tatsächlich dazu führt, dass die Entscheider in Bankentürmen und Versicherungszentralen bald öfter über Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung sprechen, wird sich zeigen. An der Harvard Business School leisten die Wirtschaftsbosse der Zukunft seit 2009 zumindest schon mal einen Eid. Sie beteuern: »Als Manager ist es meine Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen.«
- Datum 30.05.2012 - 19:15 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus
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schreiben Sie das es angedacht ist, das Provisonen stark reduziert werden sollen.
Dazu fällt mir erstens ein das doch ohnehin berits Transparenz der Provision bei Vertragsabschluß dem Kunden gewährt werden muß und das diese auch nach langer Zeit noch teilstorniert werden können.
Ist der Markt solventer Kunden abgegrast und keiner soll mehr dem anderen etwas wegnehmen oder ist das ein weiterer Schritt in Richtung Armut für alle?
Wenn die Politik sich in diese Felder einmischt weiß man nie ob das durch Lobbyisten der gleichen Unternehmen geschieht um die Bestände ihrer langjährigen Beschaffer abzuwerten.
Hoffentlich haben die kommenden Absolventen Fremdsprachenkenntnisse um sich international zu bewerben.
Ist das Satire?
"Die Finanzmarktkrise hat (...) die Spielregeln für Banker und Versicherungsexperten neu geschrieben. (...) die Politik mischt sich nun stärker ein als bisher, um die Geschäfte von Banken und Versicherungen zu kontrollieren."
Die Schrottpapiere und SIVs (Special Investment Vehicles) mit den vielen Euroakronymen werden vom Staat 'kreiert'. Hier liegen die Risiken.
Basel III wird umgangen werden müssen, denn sonst gibt es kaum noch Kredite für die Wirtschaft.
Beratung für Finanzprodukte wird nicht besser, wenn damit kein Geld verdient wird.
Durch Ethikunterricht kommt man auf dumme Gedanken, auf die man ohne ihn nie gekommen wäre.
Mit Nachhaltigkeitsgeschwafel legt man naive 'Investoren' rein.
Viel Spaß weiterhin.
Die einzige Universität, die schon seit Jahrzehnten Wirtschaftswissenschaftler mit dem Motto "soziale Verantwortung fördern " ausbildet, und sich nicht nur mal eben mit einem Feigenblatt -Philosophie -Lehrstuhl schmückt, haben Sie vergessen : die Universität Witten /Herdecke.
Das Paradoxe an dem aktuell stattfindenden Shitstorm gegen Investmentbanken und deren Produkte ist doch, dass die dessen Entfacher keine Ahnung haben, gegen was sie eigentlich so vehement pöbeln, wobei pöbeln ja noch ein Euphemismus ist.
Es ist heute fast unvorstellbar, dass jemand in der Politik mit einem Master of Finance einer renommierten Hochschule arbeitet. Stellen Sie sich das mal mit SPD-Parteibuch vor. Da gerät der selbsternannte Finanzmarktexperte Peer Steinbrück schon ins Schlingern, wenn er erklären soll, was ein Hedgefonds ist.
Wenn man die Finanzkrise lösen will, dann sollte es möglichst viele Leute geben, die die Black-Scholes Formel und ihre Schwächen in- und auswendig können. Auf der Ebene des Journalismus bzw genauer: der großen Tages - und Wochenzeitungen kann das übrigens nur die FAZ. Das zeigt dieser oberflächliche Artikel mal wieder. Obwohl er natürlich auch für die Leserschaft geschrieben ist, die nichts wissen will.
oder ignoriert, auf dem sie parasitiert (und das ist noch ein Euphemismus), machen auch noch so fachkundige Artikel keinen Sinn.
Das was niemand hören will wird in folgendem Video erklärt.
Ich hoffe das sich wenigstens ein oder zwei Menschen die Zeit nehmen das anzusehen und zu verstehen.
http://www.silber.de/vide...
oder ignoriert, auf dem sie parasitiert (und das ist noch ein Euphemismus), machen auch noch so fachkundige Artikel keinen Sinn.
Das was niemand hören will wird in folgendem Video erklärt.
Ich hoffe das sich wenigstens ein oder zwei Menschen die Zeit nehmen das anzusehen und zu verstehen.
http://www.silber.de/vide...
oder ignoriert, auf dem sie parasitiert (und das ist noch ein Euphemismus), machen auch noch so fachkundige Artikel keinen Sinn.
Das was niemand hören will wird in folgendem Video erklärt.
Ich hoffe das sich wenigstens ein oder zwei Menschen die Zeit nehmen das anzusehen und zu verstehen.
http://www.silber.de/vide...
habe nach meinem Examen 2008 keine Stelle bekommen und erst in den letzten Jahren gelernt, wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Leider wird das nicht an den Unis gelehrt, zumindest nicht im Fach Wirtschaftswissenschaften. Vielleicht noch eher bei den Soziologen.
Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist.(Kenneth Boulding)
In diesem Zusammenhang kann man nicht oft genug auf einen der besten Dokumentationsfilme mit "Inside Job" über das globale Banken- und Finanzmarktdisaster seit 2008 bis dato hinweisen.
hier der Link:
http://www.youtube.com/wa...
Um dem Film zu folgen, muss man übrigens nicht die Black-Scholes Formel verstehen ;-)
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