Studium : Der Abschluss
Seite 2/3:

Der Zugang zum Internet ist beschränkt

Es gibt zwei Arbeitscomputer im Lernraum der JVA. Von hier aus kommt man über eine gesicherte Internetverbindung zur Seite der Fernuniversität Hagen. »Untertunnelte Leitung« nennt die JVA das System. Es ist eine Frage der Sichtweise: Die meisten Gefangenen sehen in den Tunnelwänden ein Problem. Recherchen im Netz sind nicht möglich, aus Sicherheitsgründen. Die Anstaltsschule dagegen ist stolz auf den Ausgang des Tunnels: Man könne den Gefangenen auf diese Weise ein zeitgemäßes Fernstudium ermöglichen.

In der Zelle mag Tino nicht lernen, sein »Heiligtum« nennt er sie. Ein Fernseher steht dort, und eine der schlimmsten Strafen, die sie hier in Tegel kennen, ist Fernsehentzug. Es ist eine Form der intellektuellen Bestrafung: Für viele ist der Apparat das Fenster nach draußen. In Tinos Jackentasche steckt ein zerlesener Band der Percy Jackson-Reihe. Tino spricht über die griechische Antike. Schreibt Kurzgeschichten mit dem Füller auf liniertem Papier. »Man merkt die Zeit im Knast«, sagt er. »Die Eloquenz ist weg, die Rhetorik leidet. Man passt sich der Wortwahl seiner Mitgefangenen an«, sagt er. Es klingt wie eine Entschuldigung. Seine Eltern waren Ärzte.

Zehn Häftlinge machen derzeit in Tegel ein Fernstudium. Tinos Kommilitonen: Klaus*, 61 Jahre alt, der einst in Berlin Geldtransporter überfallen hat. Erst war er Serientäter, saß seine Strafe ab. Später wurde er rückfällig. Er hat schon über 20 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht und studiert nach einem abgeschlossenen Magisterstudium in Sozialpädagogik nun Soziologie. »Um nicht zu verblöden«, sagt er. Tino sagt: »Weißt du, wer das ist? Er war der Lehrmeister von Berlin. Wer einen Geldtransporter knacken wollte, hat zuerst ihn gefragt.« Klaus ist das Lob sichtlich unangenehm. »Es war ein schlimmer Fehler.« Wenn Tino das Wort ergreift, schweigt Klaus, wartet die Pausen ab, um etwas zu sagen. Geduldig greift Tino die Fäden auf, die Klaus spinnt. Die beiden sind keine alten Freunde. Aber sie gehen respektvoll miteinander um.

Und dann ist da Mustafa*, ein ehemaliger Bauunternehmer, der schlüsselfertige Häuser an Privatkunden verkauft hat. Einige seiner Kunden gerieten mit der Zahlung in Verzug. Erst bedrohte er sie, dann ließ er einen seiner Schuldner entführen, um das fällige Geld aus ihm herauszupressen. Mustafa studiert jetzt Rechtswissenschaft auf Bachelor, und er kann sich vorstellen, später eine Weiterbildung im Bereich Inkasso zu machen.

Kann das funktionieren, ein Studium im Gefängnis? Der Abschluss im Lebenslauf, ist das bloß eine Illusion, dass es irgendwie weitergeht, dass noch etwas kommen kann, später, nach der Justizvollzugsanstalt? Dass es noch mal so was gibt wie eine letzte Chance?

Jeden Morgen geht Tino in den Lernraum der Anstaltsschule: PVC-Boden, höhenverstellbare Linoleumtische. Die Fenster sind mit weiß getünchten Stahlstreben vergittert. Von hier aus kann er die Zellenblöcke sehen: das alte Verwahrhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert zur Rechten, ein Backsteinbau von wilhelminischer Brutalität. »Ein mieses, drogenverseuchtes Haus«, sagt Tino. Und zur Linken ein Gussbetonklotz mit gitterförmigem Fassadenschmuck, in dem die Gefangenen neben einigen anderen Annehmlichkeiten auch einen eigenen »Nassbereich« haben. Und etwas mehr Ruhe. Er hat Anträge geschrieben, wollte in den Neubau verlegt werden. »Man konnte sich nicht zurückziehen«, sagt Tino. »Selbst wenn die Tür zu war, konnte ich meinen eigenen Fernseher nicht verstehen.« Die Anstaltsleitung hat ihm seinen Wunsch erfüllt. Tino glaubt jetzt, dass er eine realistische Chance hat, die fünf noch ausstehenden Scheine zu machen.

Lars Hoffmann ist so etwas wie Tinos Rektor. Es klingt technisch, wenn der Leiter des Sozialpädagogischen Dienstes an der JVA Tegel über das Studium im Gefängnis redet. »Wir wollen den Gefangenen Angebote machen, damit sie ihre Defizite aufarbeiten können«, sagt er. Die Anstaltsleitung habe sich entschieden, den Gefangenen ein Online-Fernstudium zu ermöglichen und ihnen auch Zugang zu Lernforen zu verschaffen. In anderen Bundesländern wäre das undenkbar. Sicherheitsgründe. »Es lässt sich nie gänzlich ausschließen, dass da an uns vorbei etwas ausgetauscht wird«, sagt Hoffmann. »Aber die Gefangenen haben letztlich so viele Möglichkeiten der Kommunikation nach außen, dass dadurch keine neue Möglichkeit der Sicherheitsgefährdung entsteht.«

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Schwachsinn

(1) Sind Ärzte die Berufsgruppe mit der größten Suizidgefahr
(2) Bilden Psychologen weder absolut, noch relativ das Schlusslicht in der Arbeitslosenstatistik der Akademiker
(3) Selbst wenn Psychologen unter den Akademikern am häufigsten arbeitslos wären, wäre ihre Arbeitlosenquote dennoch geringer als in den meisten Ausbildungsberufen. Im Mittel kommen Akademiker auf dem Arbeitsmarkt weitaus besser weg als Nichtakademiker.
(4) Mit vierzig einen Ausbildungsberuf zu erlernen ist vertane Müh. Berufsanstieg mit vierzig und Universitätsdiplom ist schwierig aber durchaus nicht unmöglich.

[...] Gekürzt. Bitte äußern Sie sich sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

Unglaublich

(1) Bitte korrigieren Sie mich. Ich will Zahlen sehen.

(2) Habe ich absolut kein Problem damit Häftlingen das Studium zu finanzieren und ihnen so zu ermöglichen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich finanziere ja mit meinen Steuergeldern auch die Schulbildung Ihrer Kinder. Und wenn man sich Ihre Beiträge so anschaut und interpoliert hat Tino da schon mehr Potential - Mord hin oder her.

(3) Halte ich es für einen Skandal, dass die wunderbar pointierten und inhaltlich vollends korrekten Beiträge von Dr. Bresig gelöscht werden.