Es gehe darum, den Gefangenen eine Perspektive zu eröffnen, sagt Lars Hoffmann. Tinos Perspektive ist es jetzt, Sozialarbeiter zu werden. Der Straftäter mit den Armen so dick wie Oberschenkel und den klaren Worten, vielleicht würde das funktionieren auf der Straße in Berlin. Streetworker, das könnte er sich gut vorstellen.

Tino wurde von seinen Kommilitonen in Tegel zum Studentensprecher gewählt, er redet mit der Anstaltsleitung, wenn die Technik streikt, setzt sich für genügend Computerarbeitsplätze ein. Die Anstaltsschule hatte sich darüber beschwert, dass die Studenten in einem Monat 3.500 Kopien gemacht hätten, nun haben sie beschlossen, sich selbst um das Papier zu kümmern. Tino ist stolz auf diese Unabhängigkeitserklärung im Kleinen.

Es gibt genug Gründe, warum Tino es nicht schaffen könnte mit dem Abschluss. In seinem alten Diplomstudiengang hat er zehn sogenannte Versuchspersonenstunden abgeleistet. Für das Studium an der Fernuniversität braucht man aber 30. Die könnte man auch online ableisten, wären da nicht die Tunnelwände seines Internetzugangs. »Ich schaue jeden Morgen in den Mail-Eingang, ob mir die Uni die Stunden erlässt oder die Anstaltsleitung mir den Zugang freischaltet«, sagt Tino. Auch ein Praktikum ist Pflicht. Aber da gibt es wieder das gleiche Problem: Raus kann er nicht. Und im Gefängnis lässt man ihn nicht. Ein Häftling, der mit Häftlingsakten arbeitet, das ist undenkbar.

Dann ist da die Umgebung. Justizvollzugsanstalt. Hier in Tegel haben weniger als zehn Prozent der Häftlinge Abitur. Das heißt nicht, dass alle anderen Gefangenen dumm sind. Und Tino und die anderen Studenten von der JVA Tegel sagen auch, dass sie von ihren Mitgefangenen für ihre Ambitionen nicht angefeindet würden. Dass viele ihnen sogar mit Respekt begegneten.

Doch was fehlt, ist eine akademische Kultur: Studenten an einer Präsenzuni lernen auch dann noch, wenn sie sich nach dem Lernen mit Freunden treffen und den Tag Revue passieren lassen. In der Schulbibliothek steht ein blauer Pappschuber, zwölf Leinenbände mit den Werken von Günter Grass. Vor fast drei Jahren war der Literaturnobelpreisträger hier, hat in der Gefängniskirche aus seinen Werken gelesen. Als Gastgeschenk hat er den Karton mit der Göttinger Ausgabe seines Werkes mitgebracht. Schlägt man die Leinenbände auf, Katz und Maus oder Die Blechtrommel, dann hängen die Seiten immer noch zusammen, stanzfrisch.

Und natürlich ist da noch Tinos Unruhe. Ist das alles einfach zu viel, damit es klappen kann, mit Modulen und Prüfungen? Tino kämpft. Obwohl das Semester erst im April beginnt, hat er schon Ende Februar begonnen, das erste Studienheft von der Fernuni durchzuarbeiten. Im September möchte er dann seinen ersten Schein machen, endlich. Noch vor Ende der Haft scheinfrei sein und draußen dann nur noch die Bachelorarbeit schreiben, das ist sein Ziel. Noch bleibt etwas Zeit dafür. Noch zweieinhalb Jahre, um sich vorzubereiten. Auf Berlin. Auf die Freiheit. Auf die letzte Chance.

* Die vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt