StudiumDer Abschluss

Wegen Mordes sitzt Tino seit acht Jahren im Gefängnis. Er studiert trotzdem: Psychologie, an der Fernuni. Und denkt gegen die Mauern an, die ihn umgeben von Sebastian Christ

Als Tino* einen Mann ermordete, stand er kurz vor seinem Diplom in Psychologie. Seit er volljährig ist, weist sein Lebenslauf nur drei harte Fakten auf: das Abitur. Die Immatrikulation. Und die Verurteilung wegen Mordes durch das Landgericht Berlin.

Seitdem sind acht Jahre vergangen. Tino ist jetzt 39, er sitzt mit verschränkten Armen in einem Lernraum der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. 1,85 Meter groß, kahl rasierter Schädel, dunkle Stoppelhaare. Das Vorurteil liegt unausgesprochen in der Luft. Er nennt sich selbst »böser Junge«. Voll tätowierter Bodybuilder, auf seine Finger hat er sich in altenglischen Buchstaben die Wörter »EAST SIDE« stechen lassen. Sein massiver Brustkorb lehnt gegen die umgedrehte Rückenlehne seines Stuhls. Dann fängt Tino an, über seine Ziele zu reden.

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Er wollte Profiler werden, bevor er ins Gefängnis kam, Verbrecher aufspüren. Tino sagt das ohne Ironie. Er hat sich inzwischen damit abgefunden, dass man einem verurteilten Mörder keinen Job anvertrauen wird, in dem es darum geht, Straftäter zu überführen. »Das kann ich knicken, ist schon klar«, sagt er. Sein Studium in Psychologie will er trotzdem noch beenden, auch im Gefängnis. Wenn er den Abschluss macht, dann wäre vielleicht etwas anders, wenn seine Strafe abgesessen ist. Tino weiß, dass er Schwierigkeiten bekommen wird, wenn nicht bald etwas passiert. Ende 2014 wird er entlassen. Die Tat hat er damals nur dreißig Kilometer von Tegel entfernt begangen. Berlin: Kokain. Und Jugend und Schule und Studium. Auch die Freunde von damals leben noch hier. Sein Berlin hat so viele Dellen wie sein Leben, aber es bleibt seine Stadt. Und wenn er nicht aufpasst, wird sie ihn bald endgültig auffressen.

Die Sucht. Sie führte ihn an den Nullpunkt seines Lebens. Jeden Monat brauchte er 7.000 Euro für Kokain. Er hatte Schulden. Sein Dealer verschwand in einer Märznacht, und als man dessen Leiche in einem Waldstück in Brandenburg fand, lag ein Taschentuch mit Tinos DNA-Spuren am Tatort. Im Schwurgerichtsprozess stritt er zunächst alles ab. Später gab er zu, den Mann erdrosselt zu haben. Mit dessen eigener goldener Panzerkette. Er habe unter Drogeneinfluss gehandelt, beteuerte Tino. Das Gericht glaubte ihm in diesem Punkt. Dadurch entging er einer lebenslangen Freiheitsstrafe, neuneinhalb Jahre hat er bekommen.

ZEIT Campus 3/12
ZEIT Campus 3/12

Ein Psychologiestudium war immer schon Tinos Wunsch. Nach dem Abitur hat er mehrere Semester Wartezeit in Kauf genommen, um einen Platz zu bekommen. Jetzt liegen auf seinem Tisch die Lernmaterialien der Fernuniversität Hagen. Seit drei Semestern studiert Tino noch einmal Psychologie, diesmal auf Bachelor. Die Fernuni hat ihm sechs von elf Modulen des Fernstudiums anerkannt. Aber von den fehlenden fünf hat er bisher kein einziges geschafft. »Ich hätte in der Zeit zwei Berufsausbildungen machen können«, sagt Tino. »Doch derzeit habe ich nur zwei angefangene Studiengänge.« Tinos Bewegungen sind kontrolliert, seine Augen dagegen mustern, prüfen, flackern. Er sagt, dass er sich kaum länger als eine halbe Stunde auf seinen Stoff konzentrieren könne. Vielleicht habe er ja ADS, sagt Tino.

Die erste Zeit saß er in Moabit, einer Haftanstalt, die er den »Albtraum aus Stein« nennt: mitten in Berlin, in Laufweite des Hauptbahnhofs. Nur 20 Minuten bis zur alten Wohnung. Seit mehr als sieben Jahren lebt er hinter den Mauern der JVA Tegel. Tegel: kein Zuhause. Ein Sperrwerk aus Mauern und armdicken Stahltüren. Die Eingänge sind durch Schleusentüren gesichert. Ein Ort, der dem Bösen im Menschen Rechnung trägt.

Die Außenwand der Justizvollzugsanstalt ist aus Backstein und Beton, 1,3 Kilometer lang. Mauern, gegen die man andenken muss, wenn man im Gefängnis studiert. Keine Tutoren. Keine Uni-Bibliothek. Keine Referatsgruppen. Wer hier studiert, der ist viel mit den Gedanken allein.

Leserkommentare
    • Pjotr_
    • 26. Mai 2012 20:11 Uhr

    (1) Bitte korrigieren Sie mich. Ich will Zahlen sehen.

    (2) Habe ich absolut kein Problem damit Häftlingen das Studium zu finanzieren und ihnen so zu ermöglichen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich finanziere ja mit meinen Steuergeldern auch die Schulbildung Ihrer Kinder. Und wenn man sich Ihre Beiträge so anschaut und interpoliert hat Tino da schon mehr Potential - Mord hin oder her.

    (3) Halte ich es für einen Skandal, dass die wunderbar pointierten und inhaltlich vollends korrekten Beiträge von Dr. Bresig gelöscht werden.

    Antwort auf "herzlichen Dank"
    • Sord
    • 26. Mai 2012 20:26 Uhr

    Könnten Sie den Inhalt der gelöschten Kommentare (natürlich ohne den Löschungsgrund) noch einmal wiedergeben? Würde mich interessieren.

  1. ...die Gruppe der Ärzte ist meines Wissens nach nicht mit der größten Suizidgefahr belegt. Sie tauchend deswegen häufiger unter Suizidtoten auf, weil sie durch ihre Ausbildung weiß, wie man es richtig macht, während beim diesbezüglich Ungebildeten die Fehlerquote und damit die Überlebensquote höher ist.

    Antwort auf "Schwachsinn"
  2. erledigt da der ursprüngliche Brief von mir durch die Redaktion gelöscht wurde, warum auch immer (?) somit keine Basis mehr besteht das weiter zu beschreiben

    Antwort auf "herzlichen Dank"
  3. Weil ich kein Bock auf Arbeit im Knast hatte.

    • Mithra
    • 27. Mai 2012 0:29 Uhr

    Ein paar Worte über den ermordeten Mann und dessen Ziele und Hintergrund hätten den Artikel komplettiert.

    • E.Wald
    • 27. Mai 2012 1:03 Uhr

    Gut möglich, das sollte man abklären. Ich kann mich an eine französische (arte?) Dokumentation erinnern, in der die physiologische Wirkung von Kokain beschrieben wurde: es ist im Grunde der selbe Wirkmechanismus dem auch die (sanftere) Medikation mit Ritalin zugrunde liegt (Neurotransmitter-Wiederaufnahmehemmung). Interessant fand ich vor allem, dass bei den in der Dokumentationsstudie untersuchten Kokainabhängigen bei einer anschließenden Untersuchung zu 100% ADS diagnostiziert wurde. Der entsprechende Mediziner sprach von einer "Selbstmedikation" der Testpersonen.

  4. ... der Gedanke und die hier beschriebene, reale Möglichkeit richtig, dass im Strafvollzug an der Resozialisierung gearbeitet wird. Auch ein Fernstudium ist da eine gute Möglichkeit.

    Ich entnehme den vielen entfernten Beiträgen und einigen Kommentaren, die sich wohl auf die entfernten Texte beziehen, dass da viele eine andere Meinung haben.

    Was wollen Sie dann? Sollen die Straftäter möglichst in einer engen Zelle hocken, die Jahre absitzen und dann wieder in das alte Milieu "gekippt" zu werden?

    Und dann?

    Das wäre tatsächlich schwachsinnig, denn was außer Wiederholungstätern kann ein solches Vorgehen mit sich bringen?

    Dass den Opfern bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird ist leider wahr, aber es ist ein ganz anderes Thema. Es muss verfolgt werden, und es müssen auch deutliche Verbesserungen her - aber dennoch muss unbedingt an der Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft gearbeitet werden. Eigentlich wird hier zu wenig getan - genau wie bei der Opferhilfe.

    Gerade die Zeit möchte ich auch bitten, über die Lebensläufe von Opfern genau so häufig zu berichten wie über die Lebensläufe von Straftätern. Und von beiden mehr, denn das Thema ist ein wichtiges.

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