ZEIT CAMPUS: Sie sind kein Psychologe.

Domian: Und ich habe auch bewusst keine psychologischen Fortbildungen gemacht.

ZEIT CAMPUS: Aber die könnten Sie doch gebrauchen.

Domian: Nein, ich würde sonst anders an die Gespräche herangehen. Vorbild für unser Konzept ist das amerikanische Talkradio. Ich spreche mit den Leuten quasi als Privatperson, nicht als Experte oder Therapeut.

ZEIT CAMPUS: Fühlen Sie sich als Laie mit manchen Anrufen nicht überfordert?

Domian: Für solche Fälle arbeitet bei uns im Hintergrund der Sendung ein Team aus Psychologen mit. Sie betreuen die Anrufer weiter, die professionelle Hilfe benötigen.

ZEIT CAMPUS: Hätten Sie sich als Student während Ihrer Krise vorstellen können, bei einer Sendung wie "Domian" anzurufen?

Domian: Vielleicht. Allerdings wäre eine solche Sendung in der deutschen Medienlandschaft undenkbar gewesen. In jedem Fall sind die persönlichen Krisen, die ich erlebt habe, gut für meine Arbeit. So kann ich mich besser in die Menschen hineinfühlen.

ZEIT CAMPUS: Bei Ihnen rufen auch Täter an.

Domian: Ja, prinzipiell finde ich, dass man mit jedem Menschen sprechen sollte. Egal, was er getan hat. Zeigt er Reue und hat seine Strafe abgesessen, sollte er auch eine neue Chance bekommen. Schwierig ist es allerdings immer dann, wenn ein Anrufer uneinsichtig ist.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie das Verhalten eines Anrufers verwerflich finden, werden Sie auch laut.

Domian: Das kommt vor. Ein Mauerschütze hat sich mal in der Sendung beschwert, dass die Exgrenzer heute schlecht angesehen sind. Er hatte zwei Menschen bei dem Versuch erschossen, aus der DDR zu fliehen, und zeigte keine Reue. Den habe ich aus der Leitung geschmissen. Ähnliches passierte neulich bei einem Sexualstraftäter, der gerade aus der Sicherungsverwahrung entlassen worden war und versuchte, seine Tat zu relativieren.

ZEIT CAMPUS: Ist es anstrengend, immer als moralische Instanz aufzutreten?

Domian: Das tue ich gar nicht. Ich nehme jeden ernst und sage meine Meinung. Das ist alles. Und manchmal liege ich auch daneben. Ich habe gelernt, dass man jeden Tag darum ringen muss, auf der richtigen Spur zu bleiben. Die Versuchungen sind allzu groß. Ich finde, leben ist ziemlich schwierig. Sich richtig zu verhalten, allen Menschen gegenüber – das ist eine lebenslange Herausforderung.