Jürgen Domian"Leben ist ziemlich schwierig"

Der Moderator Jürgen Domian hat in Köln studiert. In seiner alten Mensa spricht er über Voyeurismus und seine Bulimie-Erkrankung von Lisa Srikiow

Es ist schon dunkel, als Jürgen Domian, 53, die Kölner Mensa betritt. In der Cafeteria wird das Abendessen ausgegeben. Domian ist gerade erst aufgestanden. Seit siebzehn Jahren ist er der Late-Night-Kummerkasten im WDR. Er nimmt nur ein belegtes Brötchen und stellt sich in die Warteschlange.

ZEIT CAMPUS: Sie scheinen überrascht zu sein, dass hier abends noch so viel los ist.

Jürgen Domian: Das stimmt, ich wusste gar nicht, dass die Küche um diese Zeit noch geöffnet ist. Aber es gibt sogar noch etwas Warmes zu essen. Mein Rhythmus ist inzwischen komplett verschoben: Nachmittags ist Frühstückszeit.

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ZEIT CAMPUS: Waren Sie als Student oft in der Mensa?

Domian: Nein. Essen war etwas sehr Kompliziertes für mich, ich litt damals an Bulimie. In der Mensa hätte ich nie normal essen können. Ich musste allein sein, weil ich immer genau geplant habe, wann ich was zu mir nehme.

ZEIT CAMPUS: Warum wurden Sie krank?

ZEIT Campus 3/12
ZEIT Campus 3/12

Domian: Kurz vor Beginn des Studiums brach meine sexuelle Identität zusammen. Ich spürte, dass ich nicht nur auf Frauen stand. Aber damals war man entweder schwul oder hetero, dazwischen gab es nichts. Ich war extrem verunsichert. Noch gravierender war, dass ich meinen christlichen Glauben verloren hatte. Ich bin aus der Kirche ausgetreten und danach in ein Nichts gefallen.

ZEIT CAMPUS: Kommen Sie aus einer religiösen Familie?

Domian: Nicht aus einer streng religiösen. Trotzdem wurde ich als Jugendlicher ein fanatischer Christ. Ich war getrieben von existenziellen Fragen. Und von der Angst vor dem Tod. Die Vorstellung, irgendwann nicht mehr zu sein, war für mich unerträglich. Ich habe darüber in meinem Buch Interview mit dem Tod geschrieben. Ich ging so oft wie möglich in den Gottesdienst und verteilte missionarische Flugblätter. Kurz vor dem Studium aber las ich dann Feuerbach und Nietzsche. Diese beiden Denker haben meinen ganzen Glauben zum Einsturz gebracht. Ich empfand das damals als Katastrophe. Vielleicht war die Bulimie so eine Art Flucht.

ZEIT CAMPUS: Wie sind Sie damit umgegangen?

Domian: Es dauerte etwa drei Jahre. Irgendwann wurde mir klar: Entweder du greifst jetzt radikal durch, oder du stirbst.

ZEIT CAMPUS: Haben Sie sich Hilfe geholt?

Domian: Ich war nur ein Mal in einer Selbsthilfegruppe. Das war nicht mein Ding. Ich habe es schließlich allein geschafft, aus der Krankheit herauszukommen, ohne Arzt, ohne Therapeut. Nur mit Disziplin und mit selbst auferlegten Regeln.

Leserkommentare
  1. "glauben" und "unterstellen" sind genau die verhaltensweisen, gegen die domian in seinen gesprächen angeht, und zwar zu recht. bitte informieren Sie sich, bevor Sie völlig begründungslos etwas ins blaue hinein behaupten.
    ein erster ansatz zur information könnte diese doktorarbeit über die sendung 'domian' sein:

    http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3787/diss...

    domian hat seinerseits im übrigen nie behauptet, dass alle anrufer echt seien. und es ist schon zu dem einen oder anderen auch für die zuhörer offensichtlichen fake-anruf gekommen. aber seine redaktion hat mittlerweile so viel erfahrung, dass sie die echten und die falschen mit zumindest hoher wahrscheinlichkeit voneinander unterscheiden kann.
    hören Sie einfach mal die sendung, und sie werden davon überzeugt sein, dass viele der anrufer so authentisch wirken und so viele glaubwürdigkeitsmerkmale erfüllen, dass Sie danach ihre geglaubte unterstellung aufgeben müssen.

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