Am Tag der Wahrheit erreicht uns Profs alljährlich ein schlichter Briefumschlag. Bevor ich ihn öffne, schließe ich erst die Tür. Denn in dem Brief steht der Prozentsatz meiner leistungsabhängigen Gehaltserhöhung. Meine Evaluationen und Veröffentlichungen verdichten sich zu dieser entscheidenden Zahl mit zwei Stellen nach dem Komma.

Es geht dabei nur um minimale Summen. Und trotzdem ist die kleine Zahl für die Professorenseele viel entscheidender als die Höhe unseres garantierten Grundgehalts.

Ein neues, großartig besprochenes Buch schlägt sich vielleicht mit ein paar Dutzend Euro nieder. Aber um eben diese beneide ich meine Kollegen erbittert. Wir schnappen nach der Karotte, die man uns hinhält. 

Es geht um unser Ego. Und dieses Ego ist schwer zu befriedigen. Wir haben ja gezeigt, dass wir die Besten der Besten sind. Sonst hätten wir es nicht zum Prof geschafft. Das soll uns auch bitte immer wieder bescheinigt werden. So sehen wir das. Und dann kommt der Brief.

Hinter der Ziffer verbergen sich kleine Ich-Effekte des Geldes. Wie abhängig wir in unserem Selbstgefühl sind, geben wir Wissensbarone nicht gern zu. Wie anmaßend, dass überhaupt jemand unsere Leistung bewertet! Das ist höchstens hinter verschlossenen Türen auszuhalten.