Entspannung : Abschalten, aber richtig

Aus beruflich bedingten Stress kann schnell eine Dauerbelastung werden. Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann erklärt, wie man Abstand zum Job gewinnen kann.

Wie halte ich Abstand zu meinem Job?, fragt Jessica Schultka, 27, Pastorin aus Leipzig

Wer bei der Arbeit oft mit den Sorgen anderer zu tun hat – als Pastorin zum Beispiel, als Lehrer oder Psychologe –, den hat der Job oft noch zu Hause fest im Griff.

Mit unangenehmen Folgen: Wenn Gedanken um berufliche Probleme kreisen, reagiert der Körper, als wäre er noch immer am Arbeitsplatz. Er schüttet weiter Stresshormone aus, und die machen uns genau dann zu schaffen, wenn wir eigentlich zur Ruhe kommen sollten. Der Blutdruck steigt, die Immunabwehr ist geschwächt, die Verdauung gestört. Aus beruflich bedingter Anspannung wird Dauerstress. Der lässt uns schlecht schlafen und verhindert die Erholung, die nach der Arbeit eigentlich jeder braucht. Dadurch wiederum sinkt die Leistungsfähigkeit, sodass wir die Sorgen der uns Anvertrauten und eigene berufliche Probleme immer schwerer bewältigen können.

Was tun, wenn man einmal in diesen Teufelskreis geraten ist? Am besten jeden Arbeitstag mit einem festen Ritual beenden.

Tim Hagemann

Tim Hagemann ist Professor an der Fachhochschule für Diakonie am Lehrstuhl Arbeitspsychologie und leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Berlin. Seit 2012 schreibt Hagemann als Kolumnist für ZEIT CAMPUS.

Das mag für manchen albern klingen, wirkt aber fast immer Wunder. Damit man wirklich loslassen kann, hilft es, kurz vor dem Feierabend alles aufzuschreiben, was am nächsten Arbeitstag erledigt werden muss. Das entlastet das Kurzzeitgedächtnis.

Zu Hause angekommen, sind es ebenfalls Rituale, die den Übergang erleichtern: sich umziehen, in die Badewanne steigen, Kopfhörer aufsetzen, Musik aufdrehen. Das schnellste Mittel, um Distanz zu gewinnen, Stresshormone abzubauen und die Gedanken von der Arbeit loszureißen, ist Bewegung. Als sozialer Ausgleich empfiehlt sich eine Sportart, bei der man nicht alleine ist. Wer Sport nicht mag, kann sich auf andere Gedanken bringen, indem er Freunde trifft, mit denen er gut reden kann – nur möglichst nicht nur über den Job. Manche schalten am besten ab, wenn sie meditieren. Generell gilt: Je stärker sich der Ausgleich von der Arbeit unterscheidet, desto besser lässt man sie hinter sich.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Realität ist für viele Arbeitnehmer -gewünscht- gegenläufig

Es findet eher eine ENTgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit statt.

Diese Entgrenzung ist in vielen Fällen ja sogar vom Arbeitnehmer erwünscht, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren.

Die hierfür nötigen flexiblen Arbeitszeiten nicht nur bei einem selber, sondern auch bei den KollegInnen führen dazu, daß der Arbeitstag eben nicht "from nine to five" geht.

Home Office zum Beispiel funktioniert überhaupt nur, wenn ich zuhause dann auch erreichbar bin. Außerdem liegt ein nicht unerheblicher Nutzen darin, nachmittags Zeit für Kinder zu haben und dann abends um zehn noch weiter zu arbeiten.

Dank sicherer remote-access-Methoden habe ich von zuhause alle Möglichkeiten an Systeme und Netzwerke zu kommen, die ich vom Büro aus habe.
Und ein Firmenhandy stellen die meisten Firmen sowieso fast jedem Beschäftigten.

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind eben häufig fließend und der Gedanke an die Arbeit auch außerhalb des Büros gegenwärtig.

Man muß lernen, sich von diesen Gedanken/Sorgen, die mit dem Job zu tun haben, nicht zerfressen zu lassen.

k.

Richtige Forderung - etwas schwacher Artikel

Hmmm...lieber Herr Hagemann, so sehr ich Ihrer generellen Forderung nach einer klaren, ritualisierten Trennung von Arbeit und Privatleben zustimme, so wenig bin ich von Ihrem Artikel an sich begeistert.

Schon die einleitende Frage einer Pastorin nach "Abstand zu ihrem Job" finde ich gelinde gesagt etwas irritierend. Selbstverständlich hat auch eine Pastorin ein Recht auf Freizeit und Entspannung. Trotzdem kann man ihre Tätigkeit nur schwerlich mit denselben Maßstäben messen wie einen gewöhnlichen Bürojob. Als Pastorin hat sie nicht einfach nur einen "Job" gewählt sondern eine lebenslange Berufung, die natürlich auch das Privatleben mit einschließt.

Auch Ihre These, dass vor allem Pastoren, Lehrer und Psychologen ihre Arbeit gefühlsmäßig mit nach Hause nehmen, erscheint mir für einen Professor der Arbeitspsychologie doch ein wenig zu sehr vereinfachend und ich-bezogen. Genauso könnte ich als Laie auf Basis meiner persönlichen Erfahrung behaupten, dass es gerade die Angestellten im IT-Bereich heutzutage besonders schwer haben, weil sie ihre Arbeit nicht nur gefühlsmäßig sondern auch real immer mehr mit nach Hause nehmen.

Der Ansatz, den Abstand zur Arbeit über deutliche und regelmäßige Rituale herzustellen, gefällt mir dagegen sehr gut und könnte von Ihnen durchaus noch wesentlich mehr ausgeführt werden. Die bisher angeführten Beispiele "Baden", "Musik hören" und "Sport machen" sind dagegen so banal, dass sie wohl kaum jemandem einen echten Informationsgewinn bringen.