Lebensläufe ähneln sich

Abi, Uni und ab ins Berufsleben. Nie ging das so schnell wie heute, dank der Bologna-Reform und dem Abitur nach zwölf Jahren. »Auf den ersten Blick ähneln sich die Lebensläufe der Studenten«, sagt Dorothee Pfeuffer, Leiterin des Personalmarketings bei der Commerzbank AG: »Es gibt heute vorgegebene Zeiten für Auslandssemester, und die Praktika werden kürzer, damit sie in den Stundenplan passen.« Ähnlich sieht das Claus Schultze-Rhonhof, vom Career Service der TU München. »Bachelorstudenten bleibt weniger Zeit, um berufsrelevante Erfahrungen, wie etwa ein längeres Praktikum, zu machen«, sagt er. Ein Auslandsaufenthalt könne sich lohnen, um solche Erfahrungen nachzuholen.

Bewerbungen werden professioneller

»Manche Absolventen haben während des Studiums kaum über den Bewerbungsprozess nachgedacht«, sagt Claus Schultze-Rhonhof. »Früher führte das manchmal zu sehr ungewöhnlichen Bewerbungen. Wer sich heute im Career Center Unterstützung holt, kennt danach die formalen Standards.« Die meisten Hochschulen bieten inzwischen Übungen zum Berufseinstieg an. Sehr ausgefallene Bewerbungen seien dadurch seltener geworden, sagt Marc-Stefan Brodbeck, Leiter des Recruiting & Talent Service bei der Deutschen Telekom: »Fast alle Bewerber wissen heute, worauf es ankommt. Die Ausreißer werden weniger; die nach unten, aber auch die nach oben.« Er empfiehlt dennoch, die Hilfe der Career Center in Anspruch zu nehmen: »Wer ein Vorstellungsgespräch einmal simuliert hat, fühlt sich danach im Ernstfall vielleicht sicherer.«

Qualifikation kommt vor Kreativität

An sehr ausgefallenen Bewerbungen haben viele Unternehmen gar kein Interesse – denn die kosten mehr Zeit in der Bearbeitung. »Letztes Jahr haben wir über 150.000 Bewerbungen bekommen«, sagt Frank Schmith, Personalmarketingchef der Lufthansa. »Deshalb müssen wir uns in erster Linie an fachlichen Kriterien orientieren.« Egal, ob es um ein Praktikum oder eine Führungsposition geht – wer sich bei der Lufthansa bewirbt, muss sich zunächst auf einer Karriereseite registrieren und seine Daten in ein vorgegebenes Formular eingeben. Solche Onlinebewerbungen sind bei größeren Unternehmen zum Standard geworden. »Durch das elektronische Verfahren können wir schnell beurteilen, ob die Kandidaten unseren Anforderungen entsprechen«, sagt Schmith. Für Kreativität lässt dieser erste Bewerbungsschritt wenig Spielraum.

Misserfolge, Anschreiben, Authentizität

Zielstrebigkeit ist nicht alles

Viele Bewerber würden noch immer glauben, dass die geradlinigsten Lebensläufe am schnellsten zu einem lukrativen Job führten, sagt Marc-Stefan Brodbeck von der Deutschen Telekom. »Dabei muss absolute Zielstrebigkeit nicht immer ein Vorteil sein. Denn das gibt nicht die ganze Persönlichkeit wieder. Jeder Mensch hat eine ungewöhnliche Seite – ein spezielles Hobby oder eine spannende Erfahrung. Und das interessiert uns auch.« Dorothee Pfeuffer von der Commerzbank stimmt zu: »Das außeruniversitäre Engagement, beim Sport, im kulturellen oder sozialen Bereich, spielt eine Rolle, ebenso Studentenjobs oder Praktika. Wir sind der Meinung, dass Studenten lieber ein Semester länger studieren und dafür ausreichend Praxiserfahrung sammeln sollten, da dies dann auch bei der Berufswahl hilft.«

Misserfolge sind erlaubt

»Wir suchen Querdenker, die was erlebt haben«, sagt Marc-Stefan Brodbeck. »Brüche in der Biografie sind bei uns erlaubt und können sogar weiterhelfen. Eine gescheiterte Unternehmensgründung? Wenn jemand erklärt, was er daraus gelernt hat, dann bewerten wir das positiv.« Entscheidend sei es, sagt Dorothee Pfeuffer von der Commerzbank, einen Zusammenhang zwischen den bisherigen Stationen und der künftigen Arbeitsstelle herzustellen. So ähnlich sieht das auch Nadja Pfeffermann, die Referentin für Personalmarketing bei der Allianz: »Wir schauen uns genau an: Passt das Gesamtpaket aus Motivation, Erfahrungen und individueller Persönlichkeit zur ausgeschriebenen Position?«

Das individuelle Anschreiben zählt

Ein geeigneter Ort, um eine persönliche Note zu setzen, sei das Anschreiben, sagt der Münchner Karrierecoach Claus Schultze-Rhonhof. Bewerber sollten persönlich sein. Sie sollten zeigen, wer sie sind, was sie bereits gemacht haben und was sie können. Und sie sollten ihre Ziele formulieren. So können sie deutlich machen, was sie von anderen unterscheide. Das wird von Unternehmen belohnt: Zwar entscheide bei der Telekom wie bei vielen Firmen gerade bei Top-Talenten letztlich die Punktzahl im Assessment Center über die Einstellung, sagt Marc-Stefan Brodbeck. Stärker als früher spielten jedoch heute auch der Lebenslauf und das Anschreiben eine Rolle. »Wer sich sozial engagiert oder sein Studium selbst finanzieren musste, erhält zusätzliche Punkte«, erklärt Brodbeck das Verfahren. »Der Turbostudent fängt dagegen bei null an.«

Niemand braucht sich zu verstellen

In einem sind sich die Personalverantwortlichen der verschiedenen Firmen weitgehend einig: Die fachlichen Anforderungen müssen erfüllt werden, aber es gehe ebenso darum, die Arbeitgeber neugierig zu machen. Und dabei komme es nicht zwingend darauf an, nach einem allgemeinverbindlichen Schema die Stationen für den perfekten Lebenslauf abgearbeitet zu haben. Für Bewerber heißt das: Wer sich zu Hause wohl fühlt, muss keine Weltreise machen. Wer mit 19 genau weiß, was er will, muss sich nicht zu einem Jahr Freiwilligendienst zwingen. Jenseits der fachlichen Anforderungen gilt: alles kann, nichts muss. Das ist vielleicht nicht sehr überraschend – aber doch auch irgendwie beruhigend.