BewerbungJetzt kommt der Schwarm

Lebensläufe und Bewerbungen gleichen einander immer stärker. Dabei erwarten längst nicht alle Unternehmen dasselbe von Berufsanfängern. von Simon Hurtz

Lebensläufe ähneln sich

Abi, Uni und ab ins Berufsleben. Nie ging das so schnell wie heute, dank der Bologna-Reform und dem Abitur nach zwölf Jahren. »Auf den ersten Blick ähneln sich die Lebensläufe der Studenten«, sagt Dorothee Pfeuffer, Leiterin des Personalmarketings bei der Commerzbank AG: »Es gibt heute vorgegebene Zeiten für Auslandssemester, und die Praktika werden kürzer, damit sie in den Stundenplan passen.« Ähnlich sieht das Claus Schultze-Rhonhof, vom Career Service der TU München. »Bachelorstudenten bleibt weniger Zeit, um berufsrelevante Erfahrungen, wie etwa ein längeres Praktikum, zu machen«, sagt er. Ein Auslandsaufenthalt könne sich lohnen, um solche Erfahrungen nachzuholen.

ZEIT Campus 4/2012
ZEIT Campus 4/2012

Bewerbungen werden professioneller

»Manche Absolventen haben während des Studiums kaum über den Bewerbungsprozess nachgedacht«, sagt Claus Schultze-Rhonhof. »Früher führte das manchmal zu sehr ungewöhnlichen Bewerbungen. Wer sich heute im Career Center Unterstützung holt, kennt danach die formalen Standards.« Die meisten Hochschulen bieten inzwischen Übungen zum Berufseinstieg an. Sehr ausgefallene Bewerbungen seien dadurch seltener geworden, sagt Marc-Stefan Brodbeck, Leiter des Recruiting & Talent Service bei der Deutschen Telekom: »Fast alle Bewerber wissen heute, worauf es ankommt. Die Ausreißer werden weniger; die nach unten, aber auch die nach oben.« Er empfiehlt dennoch, die Hilfe der Career Center in Anspruch zu nehmen: »Wer ein Vorstellungsgespräch einmal simuliert hat, fühlt sich danach im Ernstfall vielleicht sicherer.«

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Qualifikation kommt vor Kreativität

An sehr ausgefallenen Bewerbungen haben viele Unternehmen gar kein Interesse – denn die kosten mehr Zeit in der Bearbeitung. »Letztes Jahr haben wir über 150.000 Bewerbungen bekommen«, sagt Frank Schmith, Personalmarketingchef der Lufthansa. »Deshalb müssen wir uns in erster Linie an fachlichen Kriterien orientieren.« Egal, ob es um ein Praktikum oder eine Führungsposition geht – wer sich bei der Lufthansa bewirbt, muss sich zunächst auf einer Karriereseite registrieren und seine Daten in ein vorgegebenes Formular eingeben. Solche Onlinebewerbungen sind bei größeren Unternehmen zum Standard geworden. »Durch das elektronische Verfahren können wir schnell beurteilen, ob die Kandidaten unseren Anforderungen entsprechen«, sagt Schmith. Für Kreativität lässt dieser erste Bewerbungsschritt wenig Spielraum.

Leserkommentare
    • wombatt
    • 22. Dezember 2012 21:30 Uhr

    Ich habe da allerdings so nie behauptet und es ist auch nicht meine Ansicht.
    Nur ist eben nicht jeder der aneckt gleichzeitig ein Querdenker. Manchmal mangelt es einfach an sozialen Fähigkeiten.

  1. Zitat: wer sich bei der Lufthansa bewirbt, muss sich zunächst auf einer Karriereseite registrieren und seine Daten in ein vorgegebenes Formular eingeben (wo die Software einen automatisch aussortiert, wenn man über 40 ist ... Oops! Da war der Computer schuld!)
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    Man hört ja viel vom "war for talents". Solche Methoden wie im Artikel beschrieben konterkarieren aber die angeblichen guten Absichten. Firmen reißen sich um die guten Bewerber? Und dann wollen sie nicht mal deren Bewerbungsbriefe lesen? Wir steuern von einem Arbeitgebermarkt auf einen Bewerbermarkt zu? Woran merken wir das denn?
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    Wie es aussieht, wenn Firmen sich um zahlende Kunden reißen, das kennen wir. Da stellen sich Werber für verschiedene Mobilfunkunternehmen auf die Straße und halten die Passanten an. Da werden keine langen Bewerbungen geschrieben: "Jung, gutaussehend, beste Zeugnisse und Referenzen, Auslandsaufenthalte, suche Handyvertrag"! Wer sich für ein Unternehmen entscheidet, muss das nicht zweimal sagen!
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    Wenn ich einem Unternehmen - nein, kein Bewerbungsheft - eine Postkarte schreibe, und dann kommt ein HR-Mitarbeiter zu mir nach Hause, um einen Arbeitsvertrag auszuhandeln - ja dann, erst dann glaube ich an die Bemühungen der Firmen, an den "war for talents"!

  2. Ich denke auch, dass man in Personalbüros immer dieselbe Leier abzieht, und ich bin überzeugt davon, dass das mit den Individualisten und Querdenkern einfach nur dummes Gerede ist, wenn ein Unternehmen eine bestimmte Größe und auch schon große Abteilungen hat. Da ist eigentlich nur gefragt, dass Mitarbeiter ihren Beitrag zum Gesamtprodukt leisten, ohne irgendwie auffällig mit guten Ideen oder besonderen Arbeitstechniken auszubrechen, um den monotonen und vielleicht in gewisser Weise auch produktiven Arbeitsablauf nicht zu stören. Echte Querdenker und Individualisten sollten sich zu schade für solche Betriebe sein, und wenn der äußere Anschein eines Unternehmens noch so gut erscheint. Es ist reine Zeitverschwendung!

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