Viele ihrer Freunde sind bei Luftangriffen getötet worden, der Vater ist in Gefangenschaft, es gibt kaum etwas zu essen. Aber der Krieg ist vorbei. »Das ist der schönste Sommer meines Lebens«, schreibt die 18-jährige Ingeborg Bachmann am 14. Juni 1945 in ihr Tagebuch. In den Wochen nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt ihr Leben neu. Sie hat wieder Pläne, kann träumen und ist zum ersten Mal verliebt: in den Besatzungssoldaten Jack Hamesh, einen österreichischen Juden, dem 1938 die Flucht gelang. Wenige Jahre später, mit Mitte 20, wird Ingeborg Bachmann zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit zählen. Aber so glücklich wie im Juni 1945 wird sie nie wieder sein.

Bachmanns Heimat, das österreichische Kärnten, wurde im Monat zuvor von der britischen Armee befreit. Als Bachmann im Büro der britischen Militärverwaltung plötzlich vor Jack Hamesh steht, läuft sie rot an, ihr wird übel, sie bringt keinen Ton raus. Aber nicht weil der junge Soldat sie aus dem Konzept gebracht hätte: Sie schämt sich, weil sie sich auf der Seite der Täter sieht. Bachmanns Vater war Mitglied der NSDAP. Dass sie nie zum Bund Deutscher Mädel gegangen ist, erzählt sie nicht. Auch nicht, dass sie stattdessen lieber Autoren gelesen hat, die auf dem Index standen: Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Thomas Mann. Sie schweigt, weil sie glaubt, dass all das nach blöden Ausreden klänge. Jack Hamesh scheint dennoch beeindruckt zu sein. Bald treffen sie sich jeden Tag. »Jetzt erst recht«, notiert Bachmann in ihr Tagebuch, als im Dorf über sie, »die mit dem Juden geht«, gelästert wird.

Ein Jahr nach Kriegsende wandert Jack Hamesh nach Palästina aus, Ingeborg Bachmann hält ihn nicht zurück. Sie studiert jetzt in Wien Philosophie und gehört zu Hans Weigels Künstlerkreis. Hier treffen sich wichtige junge Schriftsteller, darunter Thomas Bernhard, Ernst Jandl und Ilse Aichinger. Im Mai 1948 lernt sie über diesen Kreis den jüdischen Dichter Paul Celan kennen, der wie Jack Hamesh seine Eltern im KZ verloren hat. Es ist Liebe auf den ersten Blick, sie verbringen jede freie Minute miteinander.

Die Beziehung zu Celan, dem Autor der Todesfuge, und die Begegnung mit dem Soldaten Jack Hamesh haben Ingeborg Bachmann geprägt. 1948 stellt sie in einem Uni-Referat die Frage, ob man an die Zeit vor 1933 einfach anknüpfen darf. Wenige Jahre später wird sie diese Frage mit Nein beantworten – in ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit, der 1953 erscheint. Weitermachen wie vorher, das hält sie nach dem Holocaust weder für möglich noch für richtig. Doch die enge Verbindung zu Celan besteht nur kurz, schon im Juni 1948 geht er nach Paris. Ingeborg Bachmann überlegt, Celan zu folgen, doch der antwortet nur selten auf ihre Briefe. Bachmann, mittlerweile 22 Jahre alt, leidet fortan unter Liebeskummer und ist voller Selbstzweifel. »Ich bin manchmal so krank davon, dass ich fürchte, es wird einmal nicht weitergehen«, schreibt sie 1949 in einem Brief an Celan. Dabei hat sie scheinbar keinen Grund dazu. Ihre Dissertation ist fast fertig, sie hat erste Texte veröffentlicht und arbeitet als Radiojournalistin.

1950, mit 23 Jahren, erhält sie ihren Doktortitel. Sofort danach packt sie ihre Sachen und geht nach Paris. Doch der Versuch, mit ihrer großen Liebe, mit Paul Celan zusammenzuleben, scheitert: Nach nur zwei Monaten verlässt Ingeborg Bachmann Paris und kehrt nach Wien zurück. Celan sieht sie nur noch selten, aber die beiden schreiben sich regelmäßig. Er heiratet, sie hat andere Männer, sie vermissen sich, doch zusammen sein können sie auch nicht. 1970 wird Celans Leiche in der Seine gefunden. Es heißt, er habe sich von einer Brücke gestürzt. Für Ingeborg Bachmann bricht die Welt zusammen.

Drei Jahre später, mit 47 Jahren, stirbt die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin in einem Krankenhaus in Rom. Depressiv, alkohol- und tablettenabhängig, voller Brandwunden, weil sie zuvor mit einer glühenden Zigarette eingeschlafen war und ihre römische Wohnung in Brand gesetzt hatte. Ihre selbstbewusste, trotzige Auflehnung als Abiturientin in Kärnten und als Studentin in Wien, ihr großer Liebeskummer und das Hadern mit sich selbst, das alles ist in ihren Texten zu spüren. Ihr Leben lang sucht die Autorin nach Worten, um gegen das Vergessen des Holocausts und des Krieges anzuschreiben. Ihre Schuldgefühle als Tochter eines Nazis wird sie bis zum Ende nicht los. »Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers«, steht in ihrem späten Roman Malina.

Ihr Talent, ihr früher Ruhm und ihr Hang zur Selbstzerstörung erinnern an Popstars wie Kurt Cobain oder Amy Winehouse. Vielleicht würde Ingeborg Bachmann heute ihre Wut von einer Bühne singen und nachts ihren Kummer in Bars ertränken. Und irgendwann würde sie jemand mit einer Überdosis in einem Hotelzimmer finden.

Die Serie "Ehemaligenverein" erscheint im Magazin ZEIT Campus. Lesen Sie hier weitere Folgen.