Studenten von früherIngeborg Bachmann

Ein Leben lang führte die Schriftstellerin einen Kampf gegen ihre Selbstzweifel. Am Ende verlor sie ihn. Was für eine Studenten wäre sie heute? von Katharina Wagner

Viele ihrer Freunde sind bei Luftangriffen getötet worden, der Vater ist in Gefangenschaft, es gibt kaum etwas zu essen. Aber der Krieg ist vorbei. »Das ist der schönste Sommer meines Lebens«, schreibt die 18-jährige Ingeborg Bachmann am 14. Juni 1945 in ihr Tagebuch. In den Wochen nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt ihr Leben neu. Sie hat wieder Pläne, kann träumen und ist zum ersten Mal verliebt: in den Besatzungssoldaten Jack Hamesh, einen österreichischen Juden, dem 1938 die Flucht gelang. Wenige Jahre später, mit Mitte 20, wird Ingeborg Bachmann zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit zählen. Aber so glücklich wie im Juni 1945 wird sie nie wieder sein.

Bachmanns Heimat, das österreichische Kärnten, wurde im Monat zuvor von der britischen Armee befreit. Als Bachmann im Büro der britischen Militärverwaltung plötzlich vor Jack Hamesh steht, läuft sie rot an, ihr wird übel, sie bringt keinen Ton raus. Aber nicht weil der junge Soldat sie aus dem Konzept gebracht hätte: Sie schämt sich, weil sie sich auf der Seite der Täter sieht. Bachmanns Vater war Mitglied der NSDAP. Dass sie nie zum Bund Deutscher Mädel gegangen ist, erzählt sie nicht. Auch nicht, dass sie stattdessen lieber Autoren gelesen hat, die auf dem Index standen: Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Thomas Mann. Sie schweigt, weil sie glaubt, dass all das nach blöden Ausreden klänge. Jack Hamesh scheint dennoch beeindruckt zu sein. Bald treffen sie sich jeden Tag. »Jetzt erst recht«, notiert Bachmann in ihr Tagebuch, als im Dorf über sie, »die mit dem Juden geht«, gelästert wird.

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Der Steckbrief

Lebenszeit:
1926 bis 1973

Studium:
Philosophie

Besondere Vorkommnisse:
Fällt bei ihrer ersten Lesung vor Aufregung in Ohnmacht

Wichtigste Auszeichnung:
Ihr ist ein angesehener Preis für junge Schriftsteller gewidmet

Ein Jahr nach Kriegsende wandert Jack Hamesh nach Palästina aus, Ingeborg Bachmann hält ihn nicht zurück. Sie studiert jetzt in Wien Philosophie und gehört zu Hans Weigels Künstlerkreis. Hier treffen sich wichtige junge Schriftsteller, darunter Thomas Bernhard, Ernst Jandl und Ilse Aichinger. Im Mai 1948 lernt sie über diesen Kreis den jüdischen Dichter Paul Celan kennen, der wie Jack Hamesh seine Eltern im KZ verloren hat. Es ist Liebe auf den ersten Blick, sie verbringen jede freie Minute miteinander.

Die Beziehung zu Celan, dem Autor der Todesfuge, und die Begegnung mit dem Soldaten Jack Hamesh haben Ingeborg Bachmann geprägt. 1948 stellt sie in einem Uni-Referat die Frage, ob man an die Zeit vor 1933 einfach anknüpfen darf. Wenige Jahre später wird sie diese Frage mit Nein beantworten – in ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit, der 1953 erscheint. Weitermachen wie vorher, das hält sie nach dem Holocaust weder für möglich noch für richtig. Doch die enge Verbindung zu Celan besteht nur kurz, schon im Juni 1948 geht er nach Paris. Ingeborg Bachmann überlegt, Celan zu folgen, doch der antwortet nur selten auf ihre Briefe. Bachmann, mittlerweile 22 Jahre alt, leidet fortan unter Liebeskummer und ist voller Selbstzweifel. »Ich bin manchmal so krank davon, dass ich fürchte, es wird einmal nicht weitergehen«, schreibt sie 1949 in einem Brief an Celan. Dabei hat sie scheinbar keinen Grund dazu. Ihre Dissertation ist fast fertig, sie hat erste Texte veröffentlicht und arbeitet als Radiojournalistin.

Lesetipps

Ingeborg Bachmann: »Kriegstagebuch«, 113 Seiten
Ingeborg Bachmann/Paul Celan: »Herzzeit. Briefwechsel«, 399 Seiten; beide im Suhrkamp Verlag erschienen

1950, mit 23 Jahren, erhält sie ihren Doktortitel. Sofort danach packt sie ihre Sachen und geht nach Paris. Doch der Versuch, mit ihrer großen Liebe, mit Paul Celan zusammenzuleben, scheitert: Nach nur zwei Monaten verlässt Ingeborg Bachmann Paris und kehrt nach Wien zurück. Celan sieht sie nur noch selten, aber die beiden schreiben sich regelmäßig. Er heiratet, sie hat andere Männer, sie vermissen sich, doch zusammen sein können sie auch nicht. 1970 wird Celans Leiche in der Seine gefunden. Es heißt, er habe sich von einer Brücke gestürzt. Für Ingeborg Bachmann bricht die Welt zusammen.

ZEIT Campus 4/2012
ZEIT Campus 4/2012

Drei Jahre später, mit 47 Jahren, stirbt die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin in einem Krankenhaus in Rom. Depressiv, alkohol- und tablettenabhängig, voller Brandwunden, weil sie zuvor mit einer glühenden Zigarette eingeschlafen war und ihre römische Wohnung in Brand gesetzt hatte. Ihre selbstbewusste, trotzige Auflehnung als Abiturientin in Kärnten und als Studentin in Wien, ihr großer Liebeskummer und das Hadern mit sich selbst, das alles ist in ihren Texten zu spüren. Ihr Leben lang sucht die Autorin nach Worten, um gegen das Vergessen des Holocausts und des Krieges anzuschreiben. Ihre Schuldgefühle als Tochter eines Nazis wird sie bis zum Ende nicht los. »Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers«, steht in ihrem späten Roman Malina.

Ihr Talent, ihr früher Ruhm und ihr Hang zur Selbstzerstörung erinnern an Popstars wie Kurt Cobain oder Amy Winehouse. Vielleicht würde Ingeborg Bachmann heute ihre Wut von einer Bühne singen und nachts ihren Kummer in Bars ertränken. Und irgendwann würde sie jemand mit einer Überdosis in einem Hotelzimmer finden.

Die Serie "Ehemaligenverein" erscheint im Magazin ZEIT Campus. Lesen Sie hier weitere Folgen.

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Leserkommentare
    • bratz
    • 02. August 2012 17:11 Uhr

    Über eine Schriftstellerin, die mit 24 promoviert hat und 47 gestorben ist, zu sagen, sie ähnelt zwei Musikern, die mit 27 gestorben sind, finde ich irre, weil damit Bachmanns Ende interpretiert wird als jugendliches Scheitern.

    I. Bachmann, ein Star! Sie war schön und klug, aber am Ende flog sie aus der Kurve wie Kurt!

    Kopfschütteln!

    • viajera
    • 02. August 2012 17:36 Uhr
    2. Genau

    Sehr schöner Artikel, aber was den letzten Absatz betrifft, kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen: es ist mir schleierhaft, warum aus einer promovierten Philosophin, einer hochintelligenten Dichterin und Schriftstellerin, die schon sehr früh mit dem Schreiben begonnen hat, heute eine Sängerin geworden wäre? Das ist doch eine völlig absurde Vorstellung und widerspricht von Grund auf dem Bild, das man gemeinhin von einer Ingeborg Bachmann hat (und auch dem Eindruck, den man durch den ersten Teil des Artikels durchaus gewinnt). Ich würde mal bezweifeln, dass sie eine extrovertierte Rampensau war, die es liebte, ihre Kreativität auf der Bühne auszuleben. Schreiben bedeutet ja zunächst genau das Gegenteil: Rückzug, Isolation, intensive Arbeit am Text, das langsame sich Herantasten an einen Gedanken in der Sprache. Und es gibt auch heute noch viele junge Menschen, die einen ähnlichen Weg beschreiten würden, und auch solche, die es versuchen.

    4 Leserempfehlungen
  1. Redaktion

    Liebe(r) bratz, liebe(r) viajera,

    die Idee dieser Rubrik unseres Magazins ist, historische Persönlichkeiten neu kennenzulernen – als die Studenten, die sie einmal gewesen sind.

    Natürlich haben Sie Recht, dass der letzte Absatz völlig spekulativ und mit Anlauf aus dem Fenster gelehnt ist. Podeste bauen andere, wir versuchen Pointen.

    Ob's gelingt, sagen Sie uns. Der Hinweis, dass sich Schriftstellertum und Rampensauigkeit womöglich widersprechen ist willkommene Kritik.

    Herzliche Grüße aus der Redaktion,

    Oskar Piegsa
    ZEIT CAMPUS

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich habe Ingeborg Bachmann in der Schule als "Schulstoff" kennen gelernt.
    Sie hat mich angesprochen - aber sie war mir zu traurig.
    Ich bin ihren Texten dann ausgewichen, habe aber trotzdem meine Depressionen bekommen.

  3. D.Z. ist Jahrgang 49. Alle Welt stand noch unter Schock - warum war alles nur so kaputt war, die Innenstädte, das Vertrauen, der Glauben an das Gute. In Deutschland herrschte Hunger nach Brot, Hunger nach Leben, Hunger nach Gerechtigkeit. D.Z.'s Eltern aber waren reich, aber keine Snobs, sondern einfach Menschen, die für ihr Kind das Beste wollten. Die Kleine machte nach der Uni ein Volontariat und bekam gleich Interviews mit den Grossen der Welt. D.Z. zeigte keine Scheu und näherte sich allen mit gespitztem Bleistift und Notizblick. Schnell verschaffte sie sich den Ruf, nicht nur gut auszusehen, sondern auch gut zu küssen. Eine Zeitlang schrieb sie unter männlichem Pseudonym, doch dann unter dem Einfluss von Beauvoir legte sie diesen Trick ab und bekannte sich zu ihrem Geschlecht. Manche sagen, sie hätte gerne eine Freundin gehabt, aber dafür hatte sie keine Zeit. Eine midlife-crisis war ihr fremd, und den Einstieg in das tolle neue Internet verpasste sie, anders als andere ihres Jahrgangs, ebensowenig, heute hält sie sich mit twitter jung.

    In 2012 wäre D.Z. vielleicht Studentin am Literaturinstititut in Leipzig und schriebe dort tolle Stories über ihre Erfahrungen als Tutorin von Tuba Kursen in Turkmenistan oder wäre bei amnesty zuständig für Frauenrechte in Saudi-Arabien. Vielleicht hinge sie aber auch in Hollywood ab auf der Suche nach Mr. Right. Auf jeden Fall die Hand am Puls der Zeit und immer gut angezogen, so würde sie auch heute noch auffallen im Hörsaal.

    • Phony
    • 08. August 2012 13:46 Uhr

    Es ist sehr sehr schade, dass Ingeborg Bachmann in diesem Artikel nur durch ihre Schwächen und durch ihre Beziehung zu Paul Celan charakterisiert wird. Sie war nicht einfach nur "die Verlassene" und die an sich selbst Zweifelnde. Sie hatte einen großen Selbstverwirklichungsdrang und hat sich eben nicht nach den Männern in ihrem Leben gerichtet, sonst wäre sie mit Paul Celan nach Paris gegangen. Sie muss auch eine extrem selbstbewusste und durchsetzungsfähige Person gewesen sein, sonst wäre sie in den männerdominierten Autoren- und Intellektuellen-Kreisen als Frau hoffnungslos untergegangen. Sie war eine Überfliegerin, ein riesengroßes Talent und eine Workaholic. Und sie hatte einen wirklich lockeren Humor. (siehe "Probleme Probleme")
    Ihre sehr schlauen Gedanken über Selbstzweifel und innere Abgründe sind auch ein wichtiger Teil von ihr. Das gehört zu einer starken Person auch dazu. So ist eben die Psyche aufgebaut - widersprüchlich.
    Es macht mich traurig, wenn ich mir vorstelle, dass Leser, die I.B. nicht kennen, jetzt dieses Bild von ihr haben.
    Und es nervt, dass sie immer nur als die bekannt ist, die mit Paul Celan zusammen war. Paul celan ist doch auch nicht nur der, der mit Ingeborg Bachmann zusammen war.
    Thumbs down.

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Ehemaligenverein
  • Schlagworte Student | Ingeborg Bachmann | Schriftsteller
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