Jeden Monat verkündet der Verein Deutscher Ingenieure, wie groß das Loch geworden ist. Schon vor Jahren hat er davor gewarnt; da war es sichtbar, aber noch nicht furchteinflößend. Irgendwann begann das Loch zu wachsen. Unaufhaltsam. Seitdem frisst es sich in die Titelzeilen der Zeitungen, in die Debatten der Talkshows, in die Köpfe der Politiker. In den von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler zum Beispiel. Das Loch, sagt er, sei die »zentrale wirtschaftspolitische Herausforderung« für Deutschland.

Das Loch ist der Fachkräftemangel, jene Lücke also, die entsteht, wenn es freie Stellen gibt, aber nicht genug geeignete Bewerber: Informatiker, Chemiker, Elektrotechniker. Bei den Ingenieuren ist das Loch besonders groß: Mehr als 100000 Ingenieure haben im Frühjahr 2012 gefehlt. Das sagt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft.

Weil das Loch die Wirtschaft beim Wachsen stört, soll es gestopft werden, mit Menschen wie Dana Sommerfeld. Sommerfeld ist 25 Jahre alt, sie sitzt im Campuscafé der Technischen Universität Hamburg und wartet auf eine Vorlesung. Drei Jahre lang hat sie hier Maschinenbau studiert, jetzt macht sie einen Master in Mediziningenieurwesen. Wenn sie fertig ist, kann sie Beatmungsgeräte bauen, Beinprothesen und künstliche Hüftgelenke.

Sommerfeld hat vom Fachkräftemangel gehört, sie weiß, dass Deutschland Ingenieure braucht; 100.000 freie Stellen. »Die Zahlen lassen mich ruhig schlafen«, sagt sie. Das Problem ist nur: Die Zahlen stimmen nicht.

Das zumindest meint Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. »Der Fachkräftemangel ist Quatsch«, sagt er. Es gebe zwar vorübergehende Personalengpässe, aber nur in ganz wenigen Berufen und längst nicht überall. In Teilen Ostdeutschlands zum Beispiel, wo die Jungen in den Westen abwandern, oder im Süden, wo manche Firmen so schnell wachsen, dass sie ihre Stellen schwer besetzen können. Aber ein flächendeckender, langfristiger Mangel? Fehlanzeige. Nach Brenkes Berechnungen braucht Deutschland höchstens 30.000 zusätzliche Ingenieure, und weil die Zahl der Ingenieurwissenschaftsstudenten in den letzten Jahren stark gestiegen sei, könne man die Lücke locker füllen. Eine »Fata Morgana« nennt Brenke das Fachkräfteloch. Wenn er davon spricht, klingt es, als wolle er das Wort am liebsten gar nicht erst in den Mund nehmen.

Wie kann es sein, dass manche Ökonomen jeden Monat mit dem Fachkräftemangel hausieren gehen und andere sich kaum trauen, das F-Wort auszusprechen? Dass die einen das Fachkräfteloch für eine Katastrophe halten – und die anderen für ein Hirngespinst?

Das Loch zu berechnen, ist unmöglich

Es gibt eine Menge Gründe dafür. Einer davon hat mit Mathematik zu tun. Damit, dass es eigentlich unmöglich ist, das Loch zu berechnen. Keiner weiß, wie viele Ingenieurstellen in Deutschland frei sind, das wird nirgendwo zentral erfasst. Es gibt zwar ein Verzeichnis bei der Agentur für Arbeit, aber das taugt nichts. Denn viele Unternehmer melden ihre freien Stellen nicht, deshalb kann man nur vermuten, wie groß die Nachfrage nach Ingenieuren tatsächlich ist. Auch das Angebot an Personal lässt sich schwer berechnen: Wie viele Ingenieure sind arbeitslos? Wie viele gehen ins Ausland? Wie viele gehen demnächst in Rente?

So wird aus der einfachen Rechenaufgabe – Fachkräftenachfrage minus Fachkräfteangebot ist gleich Fachkräftemangel – eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Noch komplizierter wird sie, wenn man wissen will, wie viele Ingenieure nicht jetzt, sondern in zwanzig Jahren fehlen: Werden dann mehr Schulabgänger studieren? Wird es bessere Maschinen geben, sodass man für dieselbe Arbeit weniger Menschen braucht? Werden mehr Frauen einen Beruf ergreifen? Marktwirtschaften verändern sich mit der Zeit. Wie genau die deutsche Wirtschaft in zwanzig Jahren aussieht, kann heute niemand sagen.

Angenommen, man fände ein ökonomisches Orakel, mit dessen Hilfe sich das Loch exakt berechnen ließe. Angenommen, die Zahlen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) würden stimmen und es gäbe wirklich 100.000 freie Stellen. Wäre dann der Streit ums F-Wort vorbei? Wahrscheinlich nicht. Denn die Zahlen allein sagen nicht viel aus, man muss sie deuten. Das Loch ist gewissermaßen Ansichtssache.

Für die Mediziningenieurstudentin Dana Sommerfeld sind 100.000 freie Stellen eine gute Nachricht. Sie will sich später vielleicht bei einer Prothesenfirma bewerben. Je weniger andere Ingenieure es dann gibt, desto besser sind ihre Chancen. Und desto mehr muss die Prothesenfirma ihr bieten: gutes Geld, einen unbefristeten Vertrag. Für Dana Sommerfeld bedeutet das F-Wort einen Vorteil.

Wenn Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen

Für die Prothesenfirma sind 100.000 freie Stellen dagegen ein Problem. Menschen, die Prothesen brauchen, wird es immer öfter geben, denn die Deutschen werden immer älter. Die Firma könnte expandieren, sie könnte mehr Menschen wie Dana Sommerfeld einstellen, mehr Maschinen kaufen, mehr Kunden beliefern, mehr Geld verdienen. Aber nur, wenn sie Fachkräfte findet. Neue Maschinen und neue Kunden nützen nichts, wenn die Firma keinen hat, der sie bedienen kann.

Der Arbeitsmarkt ist kein perfekter Markt. Genau genommen ist er ein ziemliches Durcheinander, geprägt von Phänomenen, die sich eigentlich gegenseitig aufheben müssten: Da gibt es Fachkräftemangel – und gleichzeitig Arbeitslosigkeit. Knapp 20.000 Ingenieure sind in Deutschland arbeitslos gemeldet. In Sachsen haben ein paar von ihnen einen Verein gegründet, die Selbsthilfegruppe innovativer Ingenieure Chemnitz e.V. Viele von ihnen wollen als Ingenieure arbeiten, aber man will sie nicht einstellen: zu alt, zu unflexibel, nicht auf dem neuesten Stand.

»Mismatch« nennen Ökonomen dieses Nichtzusammenpassen von Angebot und Nachfrage. Es ist ein bisschen wie früher im Sportunterricht: Schüler gibt es genug, aber wenn die Fußballmannschaft gewählt wird, bleiben immer welche auf der Bank, die Dicken, die Unsportlichen, die Unbeliebten. Die, die vielleicht vieles sehr gut können, aber eben nicht Fußballspielen.