Lena Niethammer, 22, fährt jeden Sommer auf Festivals. Anorte Linsmayer, 28, hat das ein Mal versucht und würde es nie wieder tun. Zwei Meinungen

Lena: Letzten Sommer bin ich zwischen den Füßen von Zehntausenden aufgewacht. Während auf dem Hurricane-Festival die Bühne für die Kaiser Chiefs umgebaut wurde, wollte ich nur ein paar Minuten die Augen schließen, mehr nicht. Ich legte mich auf den Boden, kuschelte mich an die haarigen Beine von meinem Kumpel Paul und dämmerte weg. Bis mich der Bass aus dem Schlaf riss. Die Kaiser Chiefs standen auf der Bühne – und über mir Menschen, die tanzten, sprangen und schrien. Mein Puls schoss auf 200. Ich stand auf, sah mich um und war ganz ergriffen, wie sich alle der Musik hingaben. Es waren Momente des puren Glücks. Mir wurde klar, worum es bei Festivals geht: um Massenglückserfahrungen. Niemand kennt sich, aber alle fühlen das Gleiche. Dann tanzte, sprang und schrie auch ich.

Anorte: Wenn Freunde von Festivals schwärmten, dachte ich immer an Sonnenschein, an Picknickdecken auf grünen Wiesen und an chillige Leute, die grillen. So ein Festival muss ziemlich erholsam sein, dachte ich, wie Campingurlaub. »Was!?«, fuhr mich meine Freundin Conny eines Tages an, »du bist 26 Jahre alt und warst noch nie auf einem Festival? Das müssen wir ändern! Dringend!« Ich bezahlte also mehr als 100 Euro für mein Ticket und fuhr mit Conny in die Pampa. Dann die Ernüchterung: kein Sonnenschein, nur Regen. Keine grünen Wiesen, nur Ackerboden mit knöcheltiefen Pfützen. Vor allem: kein entspanntes Grillen, keine chilligen Leute, sondern teure Imbissbuden und Besoffene, die mit Bierdosen werfen, laut grölen (»Drei Tage dieselbe Unterhose an, schalalalalaa!«) und aufgeblasene Kondome in die Luft steigen lassen. Ich war schon nach zehn Minuten wieder zur Abfahrt bereit.

Lena: Auf Festivals herrscht immer Weltuntergangsatmosphäre. Spätestens ab dem zweiten Tag läuft alles aus dem Ruder. Das ist gerade das Schöne. Denn alle sitzen im selben Boot und wollen zusammen Spaß haben. Die Liebe zur Lieblingsband wird ultimativ auf die Probe gestellt – und belohnt. Vor ein paar Jahren wollte ich unbedingt Black Rebel Motorcycle Club aus der ersten Reihe sehen. Also stand ich mit einer Freundin stundenlang vor der Bühne. Es war anstrengend, doch wir hielten durch. Das Konzert war ein Traum. Später, beim Abbauen, schenkte uns einer der Security-Männer eine halb volle Champagnerflasche von der Bühne. Abwechselnd tranken wir daraus und waren so stolz, dass wir uns schworen, nie wieder unsere Lippen zu waschen.

Anorte: Schon als wir im strömenden Regen unser Zelt aufbauten – die Luftmatratze wurde langsam zum Wasserbett –, spürte ich, wie sich kleine, fiese Krankheitserreger in mein Immunsystem schlichen. »Eine Erkältung ist noch das Harmloseste, was ich mir hier einfangen kann«, schoss mir beim Anblick unserer Zeltnachbarn durch den Kopf. Auf den ersten Blick wirkten sie hoch professionell mit ihrem Partyzelt und den abgewetzten Klappstühlen. Aber nur, bis man den Zettel entdeckte, der am Zeltmast hing und den Mittelpunkt ihres Zusammenlebens bildete: die Kackliste. Wer kacken war, notierte dort das Ergebnis. So erfuhr ich, dass Kathrin, Vanessa und Max an Verdauungsproblemen litten, während Ellen in drei Tagen fünf große Geschäfte schaffte: toll, Applaus! Und Jannik hat die größte Wurst gekackt.

Lena: Man muss auf einem Festival gewesen sein, um sagen zu können, ob man der Typ dafür ist. Meine Freundin Sarah zum Beispiel legt großen Wert auf ihr Äußeres. So ein Festivaloutfit – Gummistiefel, Billigsonnenbrille und Strickmütze – ist aber nicht gerade schick. Und die Hygiene ist auf Festivals auch mies. Deshalb die Mütze: Damit man die fettigen Haare nicht sieht. Sarah und Festivals, das konnte sich keiner von uns vorstellen. Dann gewann sie in einer Verlosung Tickets für das SonneMondSterne, ein Techno-Festival in Thüringen. Gemeinsam fuhren wir hin. Ich staunte nicht schlecht, als Sarah am ersten Abend mit zwanzig Unbekannten über den Zeltplatz tobte. Ihren BH hatte sie unter dem Top hervorgeholt und sich wie Mickey-Maus-Ohren um den Kopf gewickelt. Seitdem hat sie auf keinem Festival gefehlt.

Anorte: Ich trug ein Regencape, das ich selbst gebastelt hatte. Drei Tage lief ich in einer Mülltüte rum. Damit war ich noch vorteilhaft bekleidet – nämlich vollständig. Der Reiz eines Festivals ist es wohl, sich drei Tage lang wie ein Urmensch zu benehmen. Einfach rauslassen, was sich im Inneren so aufgestaut hat: rülpsen, furzen, durch die Gegend brüllen – zu jeder Uhrzeit und am besten direkt in mein Gesicht.