Beziehungsforschung : "Liebe auf den ersten Blick gibt es wirklich!"

Die Soziologin Eva Illouz erforscht, was der Kapitalismus mit der Liebe macht. Ein Gespräch über Pornos, Traumprinzen und das Glück zu zweit.

ZEIT Campus: Frau Illouz, ich würde Ihnen gerne einen Cartoon über die Liebe zeigen, den neulich jemand gepostet hat...

EvaIllouz: Ah! Das ist lustig. Kann ich den einstecken?

ZEIT Campus: Nur wenn Sie mir sagen, ob der Zeichner recht hat.

Nun, wahrscheinlich würde sich der Mann nicht nach einer einzigen "Unersättlichen" sehnen, sondern nach einem permanenten Nachschub. Denn Männlichkeit definiert sich heute nicht darüber, die passende Partnerin zu finden, sondern Sex mit vielen Frauen zu haben. Richtig ist: Fantasien von Männern und Frauen unterscheiden sich – und das liegt nicht an der Biologie.

ZEIT Campus: Wie erklären sich dann die unterschiedlichen Fantasien?

Illouz: Die Verantwortung für Kinder fällt in unserer Gesellschaft den Frauen zu. Deshalb haben sie ein größeres Interesse an einem festen Partner. Das hat aber nichts mit der Biologie zu tun, sondern damit, was wir daraus machen: Würden wir zum Beispiel in einer polyandrischen Gesellschaft leben, in der jeder Frau mehrere Ehemänner zustehen, dann hätten Frauen auch ganz andere Fantasien.

ZEIT Campus: Sind Disney-Filme an diesen Fantasien schuld, wie der Cartoon behauptet?

Illouz: Nein, Pornos und Disney trifft keine alleinige Schuld. Romanzenfilme wären etwa nicht erfolgreich, wenn tiefer sitzende Normen nicht die monogame Ehe propagieren würden. Dass Männer ihren Wert heute stärker aus Sex als aus der Familie schöpfen, hängt mit dem sozialen Wandel seit der industriellen Revolution zusammen. Heute arbeiten viele Männer in Betrieben und wohnen in Städten. Sie sind nicht mehr Bauern, deren Status davon abhängt, viele Kinder und Diener zu haben. Früher wollten Männer zudem Söhne, die ihren Namen weitertragen und so ihr Ansehen erhöhen. Das ist heute unerheblich.

ZEIT Campus: Deshalb lieben wir heute anders?

Illouz: Wir sprechen hier von gewaltigen Umwälzungen unseres Alltags- und Soziallebens! Es gibt heute Kräfte, welche die starre Rollenverteilung aufbrechen und die Geschlechter angleichen. Der Feminismus etwa, aber auch Paartherapien, in denen Männer über ihre Gefühle reden sollen, oder Karriereratgeber, die Frauen lehren, kontrollierter aufzutreten. Zugleich werden jedoch in der Konsumkultur Geschlechterunterschiede betont. Porno- und Disney-Filme schaffen es, die Sehnsüchte vieler Männer und Frauen einzufangen – und zu verhärten.

ZEIT Campus: Eine weitere These des Cartoons: Übertriebene Erwartungen machen uns bloß unglücklich.

Illouz: Diese Idee ist nicht neu. Der Schriftsteller François de La Rochefoucauld schrieb im 17. Jahrhundert: "Manche würden sich nicht verlieben, wenn sie davon noch nie gehört hätten." Liebe wird also beeinflusst von kulturellen Darstellungen der Liebe. Später sprach man vom MadameBovarySyndrom, nach dem Roman von Gustave Flaubert, in dem eine Frau romantische Bücher liest, sich nach ihrem Traumprinzen sehnt und schließlich Selbstmord begeht.

ZEIT Campus: Wir könnten dazu auch Disney-Syndrom sagen.

Illouz: Im Grunde ja. Die Hauptkritik an Liebesdarstellungen ist, dass es sich dabei um weltfremden Kitsch handele. Die Liebe auf den ersten Blick gibt es aber wirklich! Es ist nur schwer, ihre Leidenschaft mit dem Alltag einer Ehe oder Beziehung zu vereinbaren. Bis zur Erschöpfung balancieren Liebende zwischen Freiheit und Verbindlichkeit. Dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, sich Arbeit und Hausarbeit teilen, macht es nicht leichter. Und dann soll man nach vielen Jahren zu zweit noch fantastischen Sex haben. Doch statt die Normen der Ehe infrage zu stellen, schimpfen wir über Liebesfilme.

Verlagsangebot

Schlau durch das Studium.

Lernen Sie jetzt DIE ZEIT und ZEIT Campus im digitalen Studentenabo kennen.

Hier sichern

Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

@1 - kraed: trivialste Kritik:

Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie außer meckern, keinerlei konstroktive Diskussion führen - ins Besondere den angeblich fehlenden Fakten keine anderen gegenstellen ?

Immerhin ist es gut, dass sich wenigstens Ihnen "das Gefühl der fachlichen Überlegenheit" einschleicht - gibt es sonst noch jemanden, der dieser Meinung ist ?

Vielmehr scheint mir Ihre Ansicht über die Soziologie prinzipiell die der von Ihnen genannten "BILDzeitungsgesellschaft" zu entsprechen:

"Die Auslegung der Sachlage beleibt dem Wissenschaftler überlassen, der sich je nach Situation und Laune für die eine oder die andere entscheiden kann."

Dies mag für einige Exemplare in der Soziologie vielleicht der Fall sein.
Ernsthafte Soziologie sieht so nicht aus.
Trotz eines "Wider den Methodenzwang" [P. Feyerabend] (selbst wenn es auch [!] in der Soziologie eher nicht so ist), stehen die "Barbaren nicht vor den Toren" [D. McCloeskey], sondern sie werden an ihren Argumentation erkannt.

Neben der quantitativen und empirischen Absicherung spielt speziell in er Soziologie die Frage nach der Evidenz eine gewisse Rolle - eine andere Meinung muss jedoch Argumente gegen eine solche Evidenz liefern - das tun Sie in keinster Weise.

Also absolut unwissenschaftlich ...

Soziologie

Die soziologische Denkweise ist ihrem Wesen nach höchst zweifelhaft. Sie muss wie jede Wissenschaft von abstrakten Gesetzen ausgehen und kann deshalb niemals einzigartige Individuen kennen, die kraft ihrer Mündigkeit soziale "Gesetze" durchbrechen. Wo ein Mensch seine Persönlichkeit frei entfaltet, stößt die Soziologie an methodische Grenzen. Persönlichkeit ist nicht abstrakt, Freiheit kennt kein Gesetz. Die Soziologie ignoriert freien Persönlichkeiten und sieht nur abstrakte Strukturen.

Dann folgt immerfort der soziologische Zirkelschluss: Der Soziologe erkennt entsetzt: Der Mensch sei in Strukturen gefangen, welche die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit verhindern. Und verkennt, dass dies die Prämisse ist, die er Methodisch vorausgesetzt hat.

Soziologie steht politisch links. Im Mittelpunkt des linken Denkens steht immer die soziale Struktur. Die Liberalen träumen von der idealen Institution, die konervativen vom tugendhaften Menschen, die Faschisten von der hegemonialen Macht. Im Zeitalter der linken Deutungshoheit wird dem Individuum nichts mehr zu gemutet und Freiheit als verlogene Ideologie betrachtet. "Menschlichkeit" bedeutet nur noch, für eine unmündige Masse die Strukturen zu optimieren.

Relativierung

Die Ergebnisse einer eigenen qualitativen Studie relativieren die Kritik durchaus: es waren regelmäßig die weiblichen Partner, die geradezu zur Eheschließung gedrängt haben und die Indifferenz ihrer Männer kreativ überwältigen mussten. Die Handlungsmotive betreffend verweisen die Ergebnisse allerdings auf die vorrangige Bedeutung kultureller Leitbilder und internalisierter Normvorstellungen. Eine gewisse rational-pragmatische und/oder kindoreintierung der Ehe konnte für beide Geschlechter konstatiert werden. Interesant: die Bestrebungen des Weibchens nach Absiherung haben eine teils ausgeprägte männliche Entsprechung. Selbiges absichern zu wollen motiviert - auch heute noch - den einen oder anderen Mann - durchaus dazu, den Bund fürs Leben einzugehen. Als auslösende Faktoren konnte insb. bestimmte berufliche Umstände (Auslandseinsatz u.a.) ermittelt werden. MfG!