Rassismus"Was habt ihr gegen mein Kopftuch?"

Auch an Universitäten gibt es Rassismus. Nur will das in Deutschland niemand wahrhaben, sagt Kübra Gümüsay

»Weißt du, Kübra, für mich bist du keine Deutsche.« Das sagt mir Manuel an einem Sommertag im Café, als wir mit Freunden gerade über Deutschland diskutieren. Eigentlich mögen wir uns, Manuel und ich. Wir haben zwei Jahre lang gemeinsam Politikwissenschaft studiert und sitzen in unserer Freizeit immer wieder in diesem Café. »Warum?«, frage ich. »Weil du ein Kopftuch trägst.«

Ich lache und erkläre ihm, dass das absurd sei. Wegen meines Kopftuchs bin ich keine Deutsche? »Gilt das auch für Bio-Deutsche, die zum Islam konvertieren?«, frage ich. »Bio-Deutsche«, so bezeichnete Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Grünen, im Spaß einmal Menschen, die sich in einem winzigen Detail von ihm selbst unterscheiden: »Bio-Deutsche« sind Deutsche, deren Vorfahren in Schwäbisch Gmünd oder Bad Salzuflen lebten und nicht in Izmir oder Ankara. »Das ist etwas ganz anderes!«, sagt Manuel. Andere in unserer Runde nicken, um ihm zuzustimmen. Plötzlich fühle ich mich, als hätte Manuel eine Wahrheit ausgesprochen, die sich zuvor niemand zu sagen getraut hat: In ihren Augen habe ich nie zu Deutschland gehört. Ich lächele weiter und schweige. In mir aber stürmt es.

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Immer wieder erlebe ich, dass mir Kommilitonen in einer Seminardiskussion widersprechen, um gleich im nächsten Satz zu wiederholen, was ich zuvor gesagt habe. Als müsste man bei mir erst mal dagegenhalten und meinen Intellekt grundsätzlich infrage stellen.

Rassismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft

Ich bin nicht allein: Während manche die Universität als eine Oase der Freiheit und Vorurteilslosigkeit empfinden, berichten mir zahllose andere – Schwarze, Kopftuchtragende, Studenten mit Migrationshintergrund und Angehörige religiöser Minderheiten aus ganz Deutschland – von rassistischen Erfahrungen. Sie erzählen von Dozenten, die sie konsequent übersehen und nicht zu Wort kommen lassen. Sie berichten, wie sie an der Uni über die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin streiten und der Professor die Diskussion mit den Worten abschließt, Sarrazin habe zwar einige schwierige Sätze geschrieben, aber, tja, insgesamt habe er doch recht. Auch Gaststudenten aus dem Ausland erzählen mir, dass man sie nicht ernst nehme, weil sie ein Kopftuch trügen und kein akzentfreies Deutsch sprächen.

Kübra Gümüsay

23, schreibt das Blog Ein Fremdwoerterbuch

Ich hätte mich mit dieser Situation womöglich einfach abgefunden, hätte ich in meinen zwei Auslandssemestern in London nicht erlebt, dass es auch anders geht. Mein Professor stellte uns dort gleich in der ersten Politikvorlesung die Theorien von Edward Said vor, einem frühen Kritiker des akademischen Rassismus. Souverän stand dieser Professor vor uns Studenten und erklärte, dass es Rassismus auch an Universitäten gibt, denn Universitäten werden von Menschen bevölkert – meist von weißen, männlichen Menschen aus der Mittel- und Oberschicht –, und Menschen machen Fehler. Ich fand das mutig. Dabei ist das, was er sagte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Viel zu oft denken wir, Rassismus und andere Ausgrenzungsmechanismen seien Probleme der Unterschicht. Dabei sind sie ein Problem der gesamten Gesellschaft. Akademiker sind nur viel besser darin, ihre Gesinnung hinter komplizierten Definitionen und Thesen zu verstecken. Es ist der subtile Rassismus, der besonders wehtut. Der unausgesprochene, die Blicke, die uneindeutigen Aussagen. Das Ungreifbare.

ZEIT Campus 4/2012

Mich erstaunt, wie empfindlich viele Akademiker reagieren, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich rassistisch oder sexistisch verhalten. Diese Kritik kratzt offenbar an ihrem Ego. Und am Bild des abwägenden Wissenschaftlers, der völlig frei von Vorurteilen ist. Dabei ist kein Mensch frei von Vorurteilen und Fehlern – und gerade Studenten, Akademiker und Wissenschaftler sollten ihre Worte und Taten kritisch hinterfragen können. Wo, wenn nicht in der Universität, ist Raum für Selbstkritik und Vielfalt?

An meiner Uni in London funktionierte das: Dort war der Vorsitzende der Vereinigung für lesbische, schwule und transsexuelle Studenten ein Muslim. Die Leiterin der Palästinagruppe war Israeli. Einige der Sekretärinnen trugen indische Gewänder, manche Dozentinnen Kopftücher, ein Referent buddhistische Mönchskleidung. Zurück in Deutschland, erlebte ich dagegen gleich im ersten Monat Folgendes: Eine befreundete Medizinstudentin, kopftuchtragend, betrat in der Kölner Uni das Auditorium. Der Professor schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sagte dann: »Die Putzkammer befindet sich am Ende des Flurs.«

Meine Freundin antwortete: »Ach, und ich dachte für einen Moment, Sie wären der Hausmeister.«

 
Leserkommentare
  1. Antwort auf "Dann..."
  2. Das Kopftuch dient, im religiös-kulturellen Kontext nicht dazu, eine Zugehörigkeit zu einer männlichen Person zu zeigen, wie in Deutschland beispielsweise der Ehering.
    Noch viel weniger soll es dafür sorgen, die Frau, als sexuelles Wesen vor "lüsternen Blicken" der Männer zu schützen.
    Die Soziologin Necla Kelek hat in einem ihrer Bücher über den wirklichen Sinn des Kopftuches aufgeklärt. Sie zitiert und deutet Koranstellen, in denen es heißt, dass der Mann vor der sexuellen Zügellosigkeit der Frau geschützt werden muss, um nicht Sünde zu begehen. Es heißt eben nicht "Du geiler Bock, mich kriegst du nicht!" sondern vielmehr "Ich bin zügelos und muss deshalb vor den Augen der Männer verdeckt werden, ich muss im wahrsten Sinne verschwinden." Das passt auch dazu, dass in der islamischen Kultur grundsätzlich Anstoß daran genommen wird, wenn die Frau sexuelle Lust verspürt.
    Die westlich geprägten Kommentatoren missverstehen diesen Sachverhalt häufig, weil wir immer das Bild des Machomannes im Kopf haben, der immer will und vor dem man die Frauen zu schützen hat. Der Islam dreht dieses Bild um und macht die Frau zur biblischen Schlange, die verführt und den Mann in die Falle lockt - Bei Vergewaltigungen wird in islamisch geprägten Ländern die Frau häufig mit- oder sogar schlimmer verurteilt als ihr Vergewaltiger. (Sie hat ihn ja schließlich dazu getrieben)

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kopftuch"
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    • Feo
    • 16.07.2012 um 14:29 Uhr

    Da ist ja die Wahrheit schlimmer als das Vorurteil. Dann könnte man der Artikelschreiberin ja sagen: Wir haben alle Angst, weil du sexuell so zügellos bist.

    Andererseits zeigt das nur, was für Weicheier (das "wahre schwache Geschlecht") das sind, wenn sie sich ohne Kopftuch verführen lassen würden. "Sei ein Mann und basta!" Außerdem wird eine Frau wohl auch Lust verspüren trotz Kopftuch...

    Aber nun gut, die böse Eva gibt es auch bei den Christen, der 13. Apostel wurde weil weiblich unter den Teppich gekehrt und im Vatikan gibt es auch nur Männer....

    Schon erstaunlich, dass es keine Religion mit weiblichem Propheten gibt.

    Sie schreiben, man unterstelle der Frau: "Ich bin zügelos und muss deshalb vor den Augen der Männer verdeckt werden, ich muss im wahrsten Sinne verschwinden."
    Weiter unten schreiben Sie: "Der Islam dreht dieses Bild um und macht die Frau zur biblischen Schlange, die verführt und den Mann in die Falle lockt - Bei Vergewaltigungen wird in islamisch geprägten Ländern die Frau häufig mit- oder sogar schlimmer verurteilt als ihr Vergewaltiger. (Sie hat ihn ja schließlich dazu getrieben)".

    Kürzlich wurde von den Taliban eine Frau wegen unbewiesenem Ehebruch hingerichtet - unter dem Jubel der männlichen Zuschauer! Der Ehebrecher ging straffrei aus!

    Das Frauenbild der monotheistischen Religionen ist diskriminierend: Die Frau gilt als "leicht verführte Verführerin", als "Eva", die am Übel der sexuellen Verfehlungen IMMER die Schuld trägt. Wir finden dieses diskriminierende Frauenbild ja auch in der Bibel und beim Kirchenvater Tertullian ("Weib, du bist das Tor zur Hölle. Du hast den verführt, den der Teufel nicht von vorne anzugreifen wagte..."! Vom Mann dagegen wird keine sexuelle Selbstbeherrschung verlangt! Hier im Text geht es um Rassismus, aber fällt denn niemandem dieser jahrtausendealte "Rassismus" (eigentlich Sexismus) gegenüber der Hälfte der Menschheit auf, die, als Frauen, von Religionen pauschal über einen Kamm geschoren werden? Und das Kopftuch, und mehr noch die Burka sind Ausdruck dieser Diskriminierung der Frau: Sie soll aus der Öffentlichkeit "verschwinden".

    • Feo
    • 16.07.2012 um 14:29 Uhr

    Da ist ja die Wahrheit schlimmer als das Vorurteil. Dann könnte man der Artikelschreiberin ja sagen: Wir haben alle Angst, weil du sexuell so zügellos bist.

    Andererseits zeigt das nur, was für Weicheier (das "wahre schwache Geschlecht") das sind, wenn sie sich ohne Kopftuch verführen lassen würden. "Sei ein Mann und basta!" Außerdem wird eine Frau wohl auch Lust verspüren trotz Kopftuch...

    Aber nun gut, die böse Eva gibt es auch bei den Christen, der 13. Apostel wurde weil weiblich unter den Teppich gekehrt und im Vatikan gibt es auch nur Männer....

    Schon erstaunlich, dass es keine Religion mit weiblichem Propheten gibt.

    Sie schreiben, man unterstelle der Frau: "Ich bin zügelos und muss deshalb vor den Augen der Männer verdeckt werden, ich muss im wahrsten Sinne verschwinden."
    Weiter unten schreiben Sie: "Der Islam dreht dieses Bild um und macht die Frau zur biblischen Schlange, die verführt und den Mann in die Falle lockt - Bei Vergewaltigungen wird in islamisch geprägten Ländern die Frau häufig mit- oder sogar schlimmer verurteilt als ihr Vergewaltiger. (Sie hat ihn ja schließlich dazu getrieben)".

    Kürzlich wurde von den Taliban eine Frau wegen unbewiesenem Ehebruch hingerichtet - unter dem Jubel der männlichen Zuschauer! Der Ehebrecher ging straffrei aus!

    Das Frauenbild der monotheistischen Religionen ist diskriminierend: Die Frau gilt als "leicht verführte Verführerin", als "Eva", die am Übel der sexuellen Verfehlungen IMMER die Schuld trägt. Wir finden dieses diskriminierende Frauenbild ja auch in der Bibel und beim Kirchenvater Tertullian ("Weib, du bist das Tor zur Hölle. Du hast den verführt, den der Teufel nicht von vorne anzugreifen wagte..."! Vom Mann dagegen wird keine sexuelle Selbstbeherrschung verlangt! Hier im Text geht es um Rassismus, aber fällt denn niemandem dieser jahrtausendealte "Rassismus" (eigentlich Sexismus) gegenüber der Hälfte der Menschheit auf, die, als Frauen, von Religionen pauschal über einen Kamm geschoren werden? Und das Kopftuch, und mehr noch die Burka sind Ausdruck dieser Diskriminierung der Frau: Sie soll aus der Öffentlichkeit "verschwinden".

  3. 251. Hihi...

    Ach ja, das ist aber vermutlich nur der britische Humor. ^^ Die passende Antwort hätten Sie ihm mit rollendem R geben müssen: "Sie sind ein vooorböldlöcher Nöööger, schöönen Groooß zöröck!"

    2 Leserempfehlungen
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    • Lukan
    • 16.07.2012 um 14:28 Uhr

    auch sehr gut amüsiert.
    Dass Briten gerne die Brücke zu WW2 schlagen (insbesondere, wenn sie sich auf die eine oder andere Weise zuvor von einem offenkundigen Deutschen gedemütigt fühlten), wusste ich ja schon aus der dortigen Sportpresse und diversen Online-Partien Call of Duty 4. ;)

    Der "britische Humor" ist in diesem Fall aber so dermaßen abgedroschen und vorhersehbar, dass das mit britischem Humor eigentlich nichts mehr zu tun hat. Das ist der "Humor" der Yellow Press.

    • Lukan
    • 16.07.2012 um 14:28 Uhr

    auch sehr gut amüsiert.
    Dass Briten gerne die Brücke zu WW2 schlagen (insbesondere, wenn sie sich auf die eine oder andere Weise zuvor von einem offenkundigen Deutschen gedemütigt fühlten), wusste ich ja schon aus der dortigen Sportpresse und diversen Online-Partien Call of Duty 4. ;)

    Der "britische Humor" ist in diesem Fall aber so dermaßen abgedroschen und vorhersehbar, dass das mit britischem Humor eigentlich nichts mehr zu tun hat. Das ist der "Humor" der Yellow Press.

  4. Also ich kannte den Spruch bislang noch nicht.
    Finde ich aber großartig!

    Eine Leserempfehlung
  5. ... wenn jede religiöse Christin ein 50 cm großes Kruzifix mit sich herumtragen würde.
    So ein unübersehbares Zeichen als Ausdruck der Glaubenszugehörigkeit provoziert Reaktionen und erzeugt bei einigen Menschen ein Gefühl von Unbehagen. Mir zumindest geht es so.
    Ich kenne eine Türkin, die ein Kopftuch trägt, und obwohl sie ziemlich nett ist, könnte ich nicht mit ihr näher befreundet sein. Genausowenig wie ich mit einem Typen befreundet sein könnte, der jeden Sonntag in die Kirche geht und jeden Sommer zur Papstaudienz fährt.
    Ich denke deshalb, Vorbehalte gegen eine kopftuchtragende Frau sind nicht unbedingt ein Zeichen von Rassismus, sondern eher ein Zeichen von Religionsablehnung.

    4 Leserempfehlungen
  6. "steht hinter keinem eine menschenverachtende Weltanschauung, welche das Ding repräsentiert." Das ist aber ein ganz schön großer Stein, mit dem Sie da im Glashaus werfen.
    Sie können ja gerne mal Muslime fragen, was für sie das Kreuz repräsentiert. Viele haben mit diesem eher nicht so schöne Erfahrungen gemacht.
    Ach, eigentlich ist es egal. Es zeigt nur wieder, die ... mit der behauptet wird, mehr über den Islam zu wissen, als alle Muslime.
    Ich denke, dass der wahre Humanismus sich anders äussern würde, denn was sie als menschenverachtende Weltanschauung dämonisieren ist im Endeffekt eine wichtige soziale Klammer mit einer wichtigen Aufgabe, genauso, wie das Christentum, Judentum und generell Religion. Aber was solls. Sparen wir uns eine weitere Diskussion.
    Vielleicht doch noch eine kleine Anmerkung. Ich frage mich, ob in Bayern schonmal jemand auf der Str. zu f. Ribery gesagt hat, dass er einer menschenverachtenden Weltanschauung angehört? Hm. Wäre echt spannend

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Bild des Selbst"
  7. Mir geht es nicht darum, zu bestreiten, dass sich eine Frau für das Tragen eines Kopftuchs auch entscheiden kann aufgrund des Wunsches, sich "den Blicken von Männern zu entziehen". Der Punkt meiner Polemik gegen den diskutierten Kommentar war, dass eben nicht die Beweggründe der Frauen im Mittelpunkt standen. Es wird ansatzweise versucht wurde, diese nachzuvollziehen, vielmehr geht es um einen subjektiven Eindruck, eine Art ästhetisches Beleidigtsein, verknüpft mit dem (impliziten, wenn auch vllt. nicht intendierten) Subtext: Frauen haben sich mir gefälligst so zu präsentieren, dass sie mir gefallen und für mich als potentielle Lustobjekte in Frage kommen.

    Ihre Haltung zu solchen Diskussionen ehrt Sie. Ich bin mittlerweile weniger idealistisch. Ich nutze die Diskussionen mittlerweile entweder als Datenmaterial oder als Möglichkeit, ein wenig Dampf abzulassen. Die Hoffnung, hier auf gehaltvolle, offene und reflektierte Art zu diskutieren, habe ich aufgegeben - die Beschränkung der Kommentare auf 1600 Zeichen einerseits, die Beschränkung der meisten Kommentatoren auf "ich will Recht behalten" andererseits haben dazu geführt.

    Übrigens: Genau diese scheinbar/anscheinend natürliche Haltung, seine eigenen Werte zum Maßstab aller Dinge zu machen, ist ein Thema des angesprochenen Buchs. Bauer attestiert dem Westen "Ambiguitätsfurcht, Wahrheitsobsession und Universalisierungsehrgeiz". Für mich (als Wissenschaftstheoretiker und Religionswissenschaftler) ein gefundenes Fressen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Trollversiert"
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