Skispringer Toni Innauer"Man kann die Angst besiegen"

Der Skispringer Toni Innauer wird auch Schanzenphilosoph genannt. Er findet das ganz passend. An seiner alten Uni spricht er über Sport und Rausch. von 

Toni Innauer, 54, Skispringer und Philosoph, ist in Österreich eine Legende. Noch heute erzählt man sich von seinem berühmten Sprung, 1976 an der Schanze im schwäbischen Oberstdorf, als sich Innauer, damals 17 Jahre alt, wie ein »Raumschiff« fühlte, das »abhebt«. Das Ergebnis: 176 Meter, Weltrekord. Er wurde zum Teenie-Idol. So weit der Mythos, der etwas besser klingt, als es damals wirklich war, wie Toni Innauer in seiner früheren Universität in Innsbruck erzählt.

ZEIT Campus: Wie lange sind eigentlich sechs Sekunden?

Anzeige

Toni Innauer: Kommt drauf an. Warum?

ZEIT Campus: So lange waren Sie 1976 während Ihres Weltrekordsprungs in Oberstdorf in der Luft. Was denkt ein Skispringer da oben?

Innauer: Er denkt nicht wirklich. Das habe ich später im Philosophiestudium gelernt: Nicht alles, was in einem vorgeht, ist Denken.

ZEIT Campus: Sondern?

Innauer: Man erlebt in der Luft mehr oder weniger Reflexschleifen. Man justiert sich neu, balanciert sich aus, rechnet den Sprung zurück. Das Denken setzt erst nach der Landung ein. Dann schlottern einem manchmal die Knie, die Anspannung fällt schlagartig ab.

ZEIT Campus: Sie haben mal gesagt: »Der Sprung war so perfekt, dass ich ihn zerstören musste, um ihn zu überleben.«

Innauer: Das war ein blumiger Satz, aber im Kern stimmte er. Es war der zweite Sprung von dreien, und schon beim Absprung spürte ich, dass es höher und weiter gehen würde als sonst. Ich merkte, wenn ich jetzt ganz normal die Widerstandsfläche verkleinere und für mehr Auftrieb sorge, wenn ich alles optimiere wie sonst, dann fliege ich zu weit. Bis ins Flache hinein. Das wäre gefährlich geworden.

ZEIT Campus: Sie hatten Angst?

Innauer: Kein Skispringer dieser Welt wird sagen, dass er Angst hat. Er wird immer sagen: Ich hatte Respekt. In meinem Alter aber kann ich zugeben, dass ich Angst hatte, gehörige sogar. Mein gesamtes Alarmsystem war angeschaltet. Aber es gab einen Gegenpol, der stärker war: mein Selbstvertrauen, die Lust auf Abenteuer. Das hielt mich handlungsfähig.

ZEIT Campus: Mal abgesehen davon, dass es Mut braucht: Was trieb Sie als junger Mensch diese gewaltigen Schanzen hoch?

Innauer: Das Sich-Lösen, das Schweben, das Fliegen – das ist schon in jedem Kind angelegt. Wenn Sie nur eine Sekunde in der Luft sind, können Sie mit Skiern 20 Meter zurücklegen. Es ist ein berauschendes Gefühl. Im Rückblick muss ich auch sagen: Es war das Erste, was ich gut konnte und was wirklich zählte.

ZEIT Campus: Spätestens seit Ihrem Sprung in Oberstdorf waren Sie berühmt. Ein Teenie-Star mit langen blonden Haaren, der auf dem Cover der Bunten war.

Innauer: Ja. Ich glaube, dass viele Menschen Spitzensport betreiben, weil sie dadurch Anerkennung verspüren. Ich war unsicher und schüchtern, aber plötzlich wurde ich für etwas bewundert. Für ernst zu nehmende Leute tat ich etwas, das faszinierte. Viele wollten über mich schreiben. In der Bravo stand sogar, dass ich alles in Zeitlupe wahrnehmen könne, weshalb man darüber nachdenke, mir das Glücksspiel zu verbieten. Als ich das damals las, dachte ich für einen Moment wirklich: Das stimmt!

Leserkommentare
  1. Eine Prüfung hat überhaupt nichts gemeinsam mit einem Wettkampf im Sport. Bei einer Prüfung kann jeder etwas anderes für richtig halten oder ein richtiges Ergebnis wegen Formfehlern schlechter bewerten. Doping gibt es kaum und führt nicht direkt zu einem besseren Ergebnis - wenn überhaupt. Bei einem anderen Prüfer hat man direkt ein anderes Ergebnis, obwohl die Leistung die gleiche war und man weis im Anschluss nie sofort, ob man etwas gut gemacht hat oder nicht und hat das vielleicht noch nicht mal im Gefühl. Im Sport sind die Regeln klar und man weis sofort wie gut etwas war und um ehrlich zu sein müssen bei Olympia z.B. die totalen Stümper am Werk gewesen sein, wenn ständig die Technik versagt, falsche Ergebnisse festgestellt werden oder sogar die Athleten verwechselt werden. Nach über 100 Jahren Olypmpia sollte das besser klappen und ist Olympia nicht würdig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lonetal
    • 11. August 2012 20:06 Uhr

    Sie schreiben: "Eine Prüfung hat überhaupt nichts gemeinsam mit einem Wettkampf im Sport. Bei einer Prüfung kann jeder etwas anderes für richtig halten"

    Auch beim Skispringen - und anderen Wettkämpfen - gibt es Kampfrichter, und auch da kann "jeder etwas anderes für richtig halten".

    • lonetal
    • 11. August 2012 20:03 Uhr

    /Zitat
    Das Gelingen ist Belohnung an sich.
    Zitat/

    Mit einem Satz der Schwachsinn der "Leistung-muss-sich-lohnen-Ideolgie" als fundamentale Dummheit entlarvt - eine, wenn nicht die ideologische Ursache der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise.

    • lonetal
    • 11. August 2012 20:06 Uhr

    Sie schreiben: "Eine Prüfung hat überhaupt nichts gemeinsam mit einem Wettkampf im Sport. Bei einer Prüfung kann jeder etwas anderes für richtig halten"

    Auch beim Skispringen - und anderen Wettkämpfen - gibt es Kampfrichter, und auch da kann "jeder etwas anderes für richtig halten".

    Antwort auf "So ein Blödsinn"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service