Teilchenforschung : Im Nerd-Paradies

Boris Lemmer promoviert dort, wo das physikalische Weltbild auf den Kopf gestellt werden könnte: am Teilchenbeschleuniger des Cern.

Das modernste Teilchenforschungszentrum der Welt ist eine einzige Riesenenttäuschung. Keine glitzernden Glasfassaden, dafür heruntergekommene Gebäude, viel Rost und Wellblech, dazwischen Gastanks und Zäune. Von außen sieht es aus wie eine Schraubenfabrik kurz vor der Pleite, von innen wie eine längst überflüssig gewordene Behörde. Aber Boris Lemmer läuft vorbei an den wackeligen Holztüren, über den abgestoßenen Linoleumboden, durch die langen, schmalen Gänge, als sei dort ein roter Teppich ausgerollt. Er ist am Cern, dem aufregendsten Ort im Universum, das genügt.

Boris Lemmer, 27 Jahre alt, Physikdoktorand an der Uni Göttingen, arbeitet an der französisch-schweizerischen Grenze, dort, wo Physiker mit dem stärksten Teilchenbeschleuniger aller Zeiten das Higgs-Teilchen jagen. Und Lemmer – Jeans, Turnschuhe, sehr unrasiert, mit Pizzabäuchlein und hellwachen Augen – ist mit dabei. Manchmal scheint ihn das selbst zu wundern. »Ich bin immer nur weitergestolpert«, sagt er mit gemütlichem hessischem Akzent. Und dann kam er hier an. Als einer von mehr als 400 Doktoranden.

Wie die meisten bleibt Lemmer nur für einen Teil seiner Doktorarbeit am Cern, wie die meisten lebt er auf dem Land, auf der französischen Seite der Grenze, wo man in einer der vielen Cern-WGs ein halbwegs bezahlbares Zimmer bekommt. Und wie die meisten verbringt er seine Zeit vor allem mit Arbeiten. Sein normales Leben habe er »nerdisiert«, sagt Lemmer.

Manchmal vermisst Lemmer seine alte WG

Er wohnt mit zwei Physikern und einem Ingenieur zusammen, im französischen Dorf Thoiry, acht Kilometer vom Cern-Zentralgebäude entfernt. Das Haus mit dem verwilderten Garten hat seine besten Jahre hinter sich, alles wackelt, im Bad sind die Fliesen lose. Aber weil ohnehin niemand lange dort wohnt, halten die Vermieter es offenbar für unnötig, viel zu investieren. In der Küche hat Lemmer eine Zweitzahnbürste deponiert. »Das ist total praktisch, dann muss ich nicht immer noch mal hochlaufen und spare Zeit«, erklärt er mit einiger Selbstironie.

Manchmal vermisst Lemmer seine alte WG in Göttingen. Da hat er mit einer Wirtschaftspädagogin zusammengewohnt, abends haben sie manchmal alberne Soaps geguckt. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. In der WG, in der Lemmer heute wohnt, arbeiten alle am Cern. »Es fühlt sich so an, als würde das normale Leben stehen bleiben, aber das ist in Ordnung«, sagt er. »Wenn ich mich von außen über eine Kamera betrachten würde, käme es mir wohl auch komisch vor.«

Mehr als 3.000 Mitarbeiter arbeiten fest am Cern, insgesamt sind mehr als 10.000 Wissenschaftler aus fast 100 Ländern an den Experimenten beteiligt. Allein 2.700 von ihnen gehören zum »Atlas-Experiment«, an dem auch Boris Lemmer forscht. Jede Publikation wird vom gesamten Team unterzeichnet, wer tatsächlich daran gearbeitet hat, verrät nur die interne Dokumentation. Vielleicht liegt es an diesem Gleichheitsprinzip, dass Lemmer immer »wir« sagt, wenn er vom Cern spricht. Niemand kann hier viel alleine leisten, deshalb machen alle alles gemeinsam.

Lemmer arbeitet am LHC, dem unterirdischen Teilchenbeschleuniger des Cern. In einem 27 Kilometer langen Ring rasen haarfeine Pakete mit jeweils 100 Milliarden Protonen im Kreis und prallen 40 Millionen Mal pro Sekunde aufeinander. Die energiegeladenen Teilchentrümmer stieben in alle Richtungen, zerfallen in neue Teilchen und hinterlassen Spuren in den Detektoren entlang des Rings. Boris Lemmer tut dann das Gleiche wie Dutzende seiner Kollegen: Er versucht, aus den wirren Datenbergen herauszulesen, was genau beim Teilchencrash passiert ist.

Viereinhalb Monate hat er sich auf diese Arbeit vorbereitet, jetzt wird es ernst. Am nächsten Tag hat er seine erste Schicht – und ziemliche Angst. Wenn er im Kontrollraum einen Fehler macht, wenn er eine kleine Störung übersieht, können kostbare Daten verloren gehen. Daten, die Wissenschaftler auf der ganzen Welt für ihre Analysen benötigen. Eine große Verantwortung, aber da muss er durch. Wer auf der Autorenliste von Atlas bleiben will, muss seinen Teil zum Datensammeln beitragen und Schichten absolvieren.

Wenn es sein muss, arbeiten die Doktoranden auch nachts oder am Wochenende. Und das für ein karges deutsches Doktorandengehalt plus Auslandszulage, womit man in dieser Gegend nicht weit kommt. Ohne den Einsatz der Doktoranden und Postdocs ginge es nicht. »Es sind gute, motivierte Forscher, aber immer weniger Leute bekommen irgendwann eine feste Stelle«, sagt João Varela. Er kommt aus Portugal, ist Vize-Sprecher eines anderen großen Experiments und seit zwei Jahrzehnten am Cern. Ist das nicht systematische Ausbeutung? Varela zögert, mit seinen braunen Augen schaut er noch ernster als gewöhnlich. »Ja«, sagt er dann. Trotzdem, wenn er noch einmal 27 wäre, dann würde er es machen wie Lemmer: Nachtschichten schieben und stundenlang Daten analysieren. Gerade jetzt dabei zu sein, das sei eine einmalige Gelegenheit.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Offenbar ist kein besonders besprechbares Interesse....

....an Naturcolorit der Forschung. Das verstehe ich. Faszinieren tut die Wissenschaft und was sie für uns bedeuten kann. Der beste Beitrag dazu habe ich auf Al Jazeera, den zweitbesten auf CNN gesehen. Die Zeitungen sind etwas sprachlos zur Substanz.

Die Arbeit lohnt sich.

»Aber ich will auch noch Mensch sein, Freunde anrufen, an Geburtstage denken, aber man vergleicht sich mit Leuten, denen ist das egal.«

Bin in demselben Alter. Ich würde gerne tauschen. Hab mich in den letzten 3 Monaten mit der Quantenmechanik beschäftigt und bin völlig hingerissen von der Materie. Dank des Internets, diverser Podcasts und populärwissenschaftlicher Bücher, welche die komplizierte Mathematik beiseite lassen, ist es sogar Laien möglich zu begreifen was da passiert.

Es ist nicht das Geld was zählt, es sind die unbezahlbare Erfahrungen die man macht.

Es ist die Möglichkeit sich mit Menschen über solche Themen auszutauschen, eventuell neue Erkenntnisee zu gewinnen.

Das menschliche Leben ist kurz, der Augenblick zählt. Hoffe von dem Herrn Lemmer nochmal was zu lesen. Viel Erfolg.

Ihr Wort

in Gottes Ohr, aber leider kommt es auf den Quartalsbericht an, vielleicht auf ein teures Auto und die feschen Klamotten, aber RESPECT(EURO 2012 (tm)(r)) vor Wissensdurst, Forscherdrang und Kreativitaet sowie vor der in der Forschung unabdingbaren Disziplin ist leider nur in den seltensten Faellen anzutreffen. Vielmehr scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass Werbung/Marketing/PR die einzig und allein treibende Kraft der Menschheit ist -- bei zu vielen Menschen scheint die Menschheit uebrigens mit Wirtschaft gleichgesetzt.

Es ist nicht so spannend

wie man vielleicht denkt...Die Medien berichten von HIGGS dem "Gottesteilchen" - das "Gottverdamte Teilchen" sollte es ursprünglich heißen - und Leien denken WOW! das ist ja bestimmt fantastich - wie Star Trek! Leider sieht die Wirklichkeit weit unspektakulärer aus! Kilometerlange Zahlenkollonnen auswerten, das ist die Arbeit von der man da redet. Ohne Mathe auf höchstem Niveau ist man da verloren. Oft lassen sich nur die Dinge mit einem kleinen Peak in einer Kurve deuten. So ist es auch hier. Der Normalo würde es nicht mal merken...Die Physiker selbst leben in einer eigenen Welt (habe selbst Physik studiert), die absolut nichts mit der Wirklichen Welt zu tun hat. Das merken die Leute allerdings nicht...so gings mir auch. Zum Glück ändert sich dieser Zustand - irgendwann... :)

Arbeit am CERN

Ich fahre regelmaessig zum CERN fuer kuerzere Aufenthalte. Jedoch habe ich mal 2 Monate Teststrahlmessungen am CERN SPS durchgefuehrt. In den zwei Monaten hatte ich knapp 2 Tage frei. Waehrend der restlichen Zeit wurde bis aufs Schlafen und Essen quasi durchgearbeitet. Man verschwindet morgens in dunklen, kalten, lauten, dreckigen Experimentierhallen und verlaesst sie spaet abends. In diesen Hallen gibt es keine Tageszeiten und kein Wetter. Wenn man dann Sonntags um 2 Uhr nachts die Augen kaum mehr aufhalten kann und sich in den Experimentierhallen zudroehnen laesst vom Laerm, fragt man sich schon,was man da eigentlich treibt.Das CERN ist eine relativ abgeschlossene Welt in der man sich aufhalten kann, ohne grossen Kontakt zur "Aussenwelt" zu haben. Deshalb gibt es eine Art selbstverstaerkenden Effekt bezueglich des Arbeitspensums. Man haelt sich quasi nur auf dem CERN-Gelaende auf. Man fruehstueckt dort, isst zu Mittag, isst dort Abendbrot. Die CERN-Kantine ist bis Mitternach fuer gewoehnlich sehr gut besucht. Mir haben die 2 Monate sehr viel Spass bereitet. Es ist wie ein Abenteuer. Jedoch war ich danach koerplich und seelisch ganz schoen fertig. Deshalb habe ich vor allen Leuten unglaublichen Respekt, die dort fuer laengere Zeit arbeiten und es durchhalten. Ich glaub' ich koennte das nicht, obwohl die Einstellung wohl fuer meine "Karriere" nicht optimal ist. Ein anderer Punkt ist, dass das Geld in der Region Genf quasi verbrennt, weil dort alles so unglaublich teuer ist.