TeilchenforschungIm Nerd-Paradies
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Beim ganz großen Ding dabei sein

Boris Lemmer ist klar, dass andere Leute für durchgeackerte Nächte und Wochenenden mehr Geld bekommen. Aber so ist das bei ihm eben nicht, nicht jetzt, nicht hier. Das Suchen, immer an der Grenze zum Unbekannten, die Möglichkeit, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt etwas aufzubauen, das begeistert ihn. »Ich dachte immer: Am Cern, da sind die Profis, die Besten, da kann ich nicht hin«, sagt er. Nun ist er selbst da, und dann noch ausgerechnet jetzt, mitten im Endspurt der Higgs-Suche: So eine Chance, beim ganz großen Ding dabei zu sein, hat er vielleicht nur einmal im Leben. Viele bekommen sie nie.

Sein winziges Büro teilt Lemmer mit seiner Chefin, einer Russin, die auf Englisch in ihr Headset spricht. Auf dem Schreibtisch steht eine Tasse mit der Aufschrift »Na, wieder die Nacht durchgeforscht?«, daneben ein Stapel vollgeschriebener Servietten. Ein theoretischer Physiker hat Lemmer darauf bei einem Kaffee die mathematische Seite seiner Forschungsarbeit erklärt. Lemmer hat die Servietten nie weggeworfen. »Das ist das Tolle an der Cafeteria hier, man geht da nicht zum Essen hin, da wird große Physik gemacht«, sagt er.

»Bis(s) ins Innere des Protons«

Am Cern programmierte Tim Berners-Lee 1990 den ersten Webbrowser. Der erste Server von damals steht noch in einer Vitrine im Rechenzentrum, samt handgekritzelter Warnung: »This machine is a server DO NOT POWER IT DOWN« – auf keinen Fall abschalten, sonst stirbt das Netz. Als der Zettel geschrieben wurde, war Lemmer sechs Jahre alt, er lebte mit seinen Eltern in einem hessischen Dorf bei Gießen, mochte die Sendung mit der Maus und nahm gern Dinge auseinander. »Wenn ich damals schon hier gewesen wäre, hätte ich mitprogrammiert«, sagt Lemmer.

Abends fährt er mit dem klapprigen Ford Fusion seiner Mutter in die WG nach Thoiry. Wenn er nach Hause kommt, stellt er das Küchenradio an – ein iPad, das er bei einem Science Slam gewonnen hat, einer Bühnenshow, bei der Wissenschaftler ihre Arbeit unterhaltsam erklären, den Sieger bestimmt das Laien-Publikum. Lemmer ist amtierender Deutscher Science-Slam-Meister. Seine Vorträge tragen Titel wie »Bis(s) ins Innere des Protons«, zur Illustration verwendet er Überraschungseier, das Publikum tobt. Weil er das iPad für eine vom Cern gesponserte Veranstaltung bekam, hat er ein Foto des Cern-Chefs Rolf Heuer als Hintergrundbild eingerichtet. Heuer sieht darauf aus wie der Magier Gandalf aus den Herr der Ringe-Filmen; als würde er unter buschigen Augenbrauen das Chaos auf dem Tisch betrachten und die Nachwuchsforscher mit dem Bier in der Hand. Über den iPad-Lautsprecher singt Christina Perri von gebrochenen Herzen, es ist fast wie im Erasmus-Jahr.

Eine feste Beziehung ist schwierig, Kinder erst recht

Trotzdem muss Lemmer, wenn alles glattgeht, in einem Jahr nach einer Stelle suchen. Wenn er weiter forschen will, braucht er bis dahin am besten eine eigene Publikation – auch wenn er sie mit seinen 2.700 Co-Autoren teilen muss. Aber ob es bei einer Forscherkarriere bleibt? Im besten Fall hieße das wohl erst einmal zwei Postdoc-Stellen, irgendwo, für jeweils einige Jahre.

Eine feste Beziehung ist da schwierig, Kinder erst recht. Eine Freundin hat Lemmer gerade nicht. »Ich könnte ihr auch nichts bieten«, sagt er. Und das Cern ist mit seinem Männerüberschuss nicht gerade eine Partnervermittlungsbörse. Langfristig hat sich Lemmer sein Leben einmal anders vorgestellt, sesshafter. Er weiß noch nicht genau, ob er bereit ist, so lange ein Nomadenleben zu führen und alles der Forschung unterzuordnen. Es wäre ein hoher Preis.

Und dann die Selbstzweifel, die Sorge, ob er das alles schafft. Lemmer forscht nicht nur, wie die meisten anderen, er gibt nebenbei auch noch Touristenführungen am Cern, er fährt zu Science Slams und macht Öffentlichkeitsarbeit für seine Uni an verschiedenen Schulen. Das kostet Zeit. »Ich weiß nicht, ob das zählt«, sagt er. »Aber ich will auch noch Mensch sein, Freunde anrufen, an Geburtstage denken, aber man vergleicht sich mit Leuten, denen ist das egal.« Plötzlich sieht er sehr verunsichert aus.

Vom Cern aus sind es auf der Route de Meyrin rund zehn Kilometer ins Zentrum von Genf, zu den Parks und den Cafés. In nicht mal einer halben Stunde ist man am Ufer des Genfersees. Theoretisch. Boris Lemmer war erst ein einziges Mal in der Stadt. Aber das ist jetzt egal, denn die Kontrollraumschicht hat begonnen. Nervös sitzt Lemmer zwischen lauter geschäftigen Männern und leuchtenden Bildschirmen. Fast drei Stunden lang steht der Teilchenbeschleuniger still, erst dann, am Freitag um 17.53 Uhr, gibt es endlich Kollisionen. Drei Acht-Stunden-Schichten wird Boris Lemmer an diesem Wochenende machen, er wird riesige Datenmengen hereinrauschen sehen, wieder nicht zum See fahren. Er will es so.

 
Leserkommentare
    • joG
    • 05.07.2012 um 18:36 Uhr

    ....an Naturcolorit der Forschung. Das verstehe ich. Faszinieren tut die Wissenschaft und was sie für uns bedeuten kann. Der beste Beitrag dazu habe ich auf Al Jazeera, den zweitbesten auf CNN gesehen. Die Zeitungen sind etwas sprachlos zur Substanz.

  1. »Aber ich will auch noch Mensch sein, Freunde anrufen, an Geburtstage denken, aber man vergleicht sich mit Leuten, denen ist das egal.«

    Bin in demselben Alter. Ich würde gerne tauschen. Hab mich in den letzten 3 Monaten mit der Quantenmechanik beschäftigt und bin völlig hingerissen von der Materie. Dank des Internets, diverser Podcasts und populärwissenschaftlicher Bücher, welche die komplizierte Mathematik beiseite lassen, ist es sogar Laien möglich zu begreifen was da passiert.

    Es ist nicht das Geld was zählt, es sind die unbezahlbare Erfahrungen die man macht.

    Es ist die Möglichkeit sich mit Menschen über solche Themen auszutauschen, eventuell neue Erkenntnisee zu gewinnen.

    Das menschliche Leben ist kurz, der Augenblick zählt. Hoffe von dem Herrn Lemmer nochmal was zu lesen. Viel Erfolg.

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    in Gottes Ohr, aber leider kommt es auf den Quartalsbericht an, vielleicht auf ein teures Auto und die feschen Klamotten, aber RESPECT(EURO 2012 (tm)(r)) vor Wissensdurst, Forscherdrang und Kreativitaet sowie vor der in der Forschung unabdingbaren Disziplin ist leider nur in den seltensten Faellen anzutreffen. Vielmehr scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass Werbung/Marketing/PR die einzig und allein treibende Kraft der Menschheit ist -- bei zu vielen Menschen scheint die Menschheit uebrigens mit Wirtschaft gleichgesetzt.

    in Gottes Ohr, aber leider kommt es auf den Quartalsbericht an, vielleicht auf ein teures Auto und die feschen Klamotten, aber RESPECT(EURO 2012 (tm)(r)) vor Wissensdurst, Forscherdrang und Kreativitaet sowie vor der in der Forschung unabdingbaren Disziplin ist leider nur in den seltensten Faellen anzutreffen. Vielmehr scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass Werbung/Marketing/PR die einzig und allein treibende Kraft der Menschheit ist -- bei zu vielen Menschen scheint die Menschheit uebrigens mit Wirtschaft gleichgesetzt.

  2. in Gottes Ohr, aber leider kommt es auf den Quartalsbericht an, vielleicht auf ein teures Auto und die feschen Klamotten, aber RESPECT(EURO 2012 (tm)(r)) vor Wissensdurst, Forscherdrang und Kreativitaet sowie vor der in der Forschung unabdingbaren Disziplin ist leider nur in den seltensten Faellen anzutreffen. Vielmehr scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass Werbung/Marketing/PR die einzig und allein treibende Kraft der Menschheit ist -- bei zu vielen Menschen scheint die Menschheit uebrigens mit Wirtschaft gleichgesetzt.

    Antwort auf "Die Arbeit lohnt sich."
    • AceKi
    • 06.07.2012 um 7:45 Uhr

    wie man vielleicht denkt...Die Medien berichten von HIGGS dem "Gottesteilchen" - das "Gottverdamte Teilchen" sollte es ursprünglich heißen - und Leien denken WOW! das ist ja bestimmt fantastich - wie Star Trek! Leider sieht die Wirklichkeit weit unspektakulärer aus! Kilometerlange Zahlenkollonnen auswerten, das ist die Arbeit von der man da redet. Ohne Mathe auf höchstem Niveau ist man da verloren. Oft lassen sich nur die Dinge mit einem kleinen Peak in einer Kurve deuten. So ist es auch hier. Der Normalo würde es nicht mal merken...Die Physiker selbst leben in einer eigenen Welt (habe selbst Physik studiert), die absolut nichts mit der Wirklichen Welt zu tun hat. Das merken die Leute allerdings nicht...so gings mir auch. Zum Glück ändert sich dieser Zustand - irgendwann... :)

    2 Leserempfehlungen
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    • eeee
    • 08.07.2012 um 14:22 Uhr

    mit dem Esel und der Mohrrübe.

    • eeee
    • 08.07.2012 um 14:22 Uhr

    mit dem Esel und der Mohrrübe.

  3. ... von diesem angeblich auf den Kopf gestellten Weltbild ?

    Sicher so gut wie nichts. Was hier versucht wird zu erklären, ist sowas von bedeutungslos für die Menschheit und so ein geringes Detail, dass letzlich dabei die Komplexität unseres Lebens und unserer Lebensumstände aus den Augen verloren wird.

    Dem Menschen wird suggeriert, dass die so tollen Wissenschaftler und Techniker in Vwerbindung mit der omnipräsenten Politik alle Probleme lösen und dabei wird übersehen, dass es für den Menschen auch in unserer hochtechnisierten Welt sehr viel wichtiger wäre, die Grundpripizien der Natur, der Kommunikation, der Selbstverantwortung und der Solidarität zu verstehen. Aber dann würde er wohl als unkritischer Konsument und als "untertäniger" Staatsbürger ausfallen. Und es ist nicht modern und in ...

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    Aber es geht doch gerade darum die Grundprinzipien der Natur zu verstehen?

    Aber es geht doch gerade darum die Grundprinzipien der Natur zu verstehen?

  4. Aber es geht doch gerade darum die Grundprinzipien der Natur zu verstehen?

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    Antwort auf "Was wird bleiben ..."
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    • maja m
    • 06.07.2012 um 16:35 Uhr

    auf dem ersten server hing 1990 übrigens noch ein zettel, auf dem stand: "don't feed the troll". :)

    • maja m
    • 06.07.2012 um 16:35 Uhr

    auf dem ersten server hing 1990 übrigens noch ein zettel, auf dem stand: "don't feed the troll". :)

    • maja m
    • 06.07.2012 um 16:35 Uhr

    auf dem ersten server hing 1990 übrigens noch ein zettel, auf dem stand: "don't feed the troll". :)

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